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| 14:08 Uhr

Zoff um Senftenbergs Friedhofssatzung
Gräberstreit um Zentimeter

Ein schwerer Gang für Christel Friedrich sind die Schritte zum Grab ihres Sohnes Ingo auf dem Friedhof Hosena. Die Mutter muss noch verarbeiten, dass es vor der Bestattung viel Aufregung um die Abmaße des Urnengrabes gab. Das von ihr gewünschte Einzelgrab gibt es laut aktueller Friedhofssatzung in Senftenberg nicht. Die kleinste Grabstelle ist ein Urnenzweiergrab mit 90 mal 90 Zentimetern.
Ein schwerer Gang für Christel Friedrich sind die Schritte zum Grab ihres Sohnes Ingo auf dem Friedhof Hosena. Die Mutter muss noch verarbeiten, dass es vor der Bestattung viel Aufregung um die Abmaße des Urnengrabes gab. Das von ihr gewünschte Einzelgrab gibt es laut aktueller Friedhofssatzung in Senftenberg nicht. Die kleinste Grabstelle ist ein Urnenzweiergrab mit 90 mal 90 Zentimetern. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Senftenberg/Hosena. Ruhe in Unfrieden: Die in der neuen Senftenberger Friedhofssatzung festgelegte Größe der Urnengräber ist umstritten. Hinterbliebene schreiben Brief an die Stadtverordneten. Senftenberger Steinmetz schaltet sich ein. Von Andrea Budich

Den Streit um Zentimeter - Christel Friedrich aus Hosena hat ihn geführt. Und am Ende Dank ihrer Hartnäckigkeit gewonnen. Dabei wollte sie nach dem Tod ihren 40-jährigen Sohnes Ingo eigentlich nur, dass ihr Junge auf dem städtischen Friedhof in Hosena seinen Frieden findet.

In ihrer Trauer realisiert die 65-Jährige zunächst gar nicht, dass es Einzelurnengräber überhaupt nicht mehr gibt. Zumindest werden sie in der derzeit gültigen Friedhofssatzung der Stadt Senftenberg nicht ausgewiesen. Als ihr das der Steinmetz klarmacht, beginnt für die Mutter der Unfrieden um die letzte Ruhestätte ihres Sohnes.

Selbige soll der Verstorbene in einer Urnenzweierstelle mit den nicht unerheblichen Abmaßen von 90 mal 90 Zentimetern finden. Die Vorstellung, dass die Asche ihres Jungen in einem solchen Monstergrab, wie sie es nennt, verschwindet, bringt Christel Friedrich in Rage. Sie versteht bis heute nicht, warum in der städtischen Friedhofssatzung Einzelurnengräber nicht mehr stattfinden. Mit einem Blick über den Friedhofszaun von Nachbarkommunen schlägt sie Alarm.

Denn anderswo sind die Grabstellen hinterbliebenenfreundlicher geregelt. In Schipkau ist das klassische Urnengrab für eine Einzelurne mit 60 mal 60 Zentimetern klar definiert. Selbst die Grabstelle für vier Urnen ist in Schipkau nur 70 mal 90 Zentimeter groß und damit immer noch kleiner als das Doppelurnengrab in Senftenberg.

Auch Großräschen bietet kleinere Grabstellen an. Festgeschrieben ist dort ein Maximalmaß von 80 mal 80 Zentimetern. Kleinere Abmaße sind also möglich, gängig und auch regelmäßig nachgefragt.

Der Grabstreit um Zentimeter bringt Christel Friedrich an den Rand ihrer Kräfte. Dabei hat die Mutter seit dem schweren Schicksalsschlag vor 14 Jahren schon genug durchgemacht. Seit dem schweren Unfall des Sohnes, der das Leben der Familie mit Brachialgewalt aus den Fugen riss, war Ingo schwer behindert und ein Pflegefall.

Für ihren Jungen ein letztes Mal stark zu sein, gibt der Mutter die Kraft, sich im Behördenstreit mit dem Senftenberger Ordnungsamt durchzubeißen. Sie kämpft sich bis zum Bürgermeister durch und ertrotzt am Ende den Kompromiss einer 70 mal 50 Zentimeter großen Grabstelle. Traurig macht sie jedoch, sich in den schwersten Stunden ihres Lebens mit diesem bürokratischen Zentimeterkram beschäftigen zu müssen. „Das hält nicht jeder aus“, sagt sie und vermutet darin zugleich die Ursache, warum es bisher zur Grabgröße kaum Beschwerden gegeben hat. Das zumindest versichert Ordnungsamtschefin Ramona Donath.

„Die meisten wollen Urnenzweierstellen“, erklärt auch die Sachbearbeiterin der Friedhofsverwaltung, Anja Anders mit dem Hinweis, dass die große Zweierstelle nicht zwangsmäßig mit zwei Urnen belegt werden müsse. Wichtig für die Friedhofsverwaltung hingegen ist, mit dem verbindlichen Maß von 90 mal 90 Zentimetern ein einheitliches Erscheinungsbild zu schaffen. „Wir erfüllen damit gleichzeitig den Wunsch nach genügend Platz zwischen den Grabstellen für Hinterbliebene, die auf Gehhilfen angewiesen sind“, sagt Anja Anders.

Das einheitliche Erscheinungsbild aber liegt auch dem Senftenberger Steinbildhauer und Steinmetzmeister Michael Merkle schwer im Magen. Aus seiner Sicht wäre die Stadt gut beraten gewesen, die regionalen Unterschiede der dörflich geprägten Friedhöfe in den Ortsteilen aufzugreifen und weiterzuführen. „Es muss nicht alles preußisch genormt sein. Ein Maß für alle ist nicht gut“, betont der Fachmann. Speziell für Hosena verweist er auf die historisch geprägten rechteckigen Einfassungen von 50 mal 50 Zentimetern. Das 90er-Einheitsmaß tut der Friedhofsentwicklung aus seiner Sicht nicht gut. Auch er verweist auf flexiblere Satzungs-Regelungen, wie er sie aus seiner 25-jährigen Steinmetz-Arbeit aus Altdöbern, Großräschen und Schwarzheide kennt. „Als Alternative zur großen quadratischen Doppelgrabstelle bleibt vielen Hinterbliebenen auf den Senftenberger Friedhöfen oftmals nur die grüne Wiese“, weiß Merkle aus Erfahrung. Er hätte sich gewünscht, dass die Ideen und Anregungen der Steinmetze in die neue Friedhofssatzung miteingeflossen wären. „Sie wurden teilweise gar nicht berücksichtigt“, kritisiert er. Auch ein Grund, warum er bei der letzten Stadtverordnetenversammlung öffentlich auf einige Missstände aufmerksam gemacht hat. Auf eine Antwort wartet er indes bisher vergeblich.

Einen Brief an die Stadtverordneten hat auch Christel Friedrich geschrieben. Auch wenn es für sie zu spät kommt, will sie die Abgeordneten für das Thema sensibilisieren und Veränderungen anregen. Die Hosenaerin hat ihren Sohn am 30. März bestattet. Nicht auf der grünen Wiese, weil Ingo das nicht wollte. Nach dem kräftezehrenden Gräberstreit hat sie ihren inneren Frieden noch nicht wiederfinden können. Auf Friedhöfen geht sie übrigens gern spazieren, weil die Vielfalt sie erfreut.