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| 14:14 Uhr

Rechtsanwalt Armin Krahl über Drogenkonsumenten
„Biografien, die erschüttern“

Der Senftenberger Rechtsanwalt Armin Krahl
Der Senftenberger Rechtsanwalt Armin Krahl FOTO: Kai Hüttner / Armin Krahl
Senftenberg. Armin Krahl verteidigt am Landgericht Cottbus etliche Mandanten mit Drogenhintergrund. Fast immer spielt dabei Crystal Meth eine Rolle. Von Jan Augustin

Wenn am Landgericht Fälle mit Drogenhintergrund verhandelt werden, sitzt oft auch Armin Krahl mit im Saal. Der Senftenberger Rechtsanwalt erlebt derzeit eine Vielzahl von Prozessen. Zuletzt legte er Revision gegen das Rekord-Urteil von zwölfeinhalb Jahren für einen Senftenberger Drogendealer ein. Warum er das gemacht hat, wie er drogenabhängige Mandanten erlebt und was im Kampf gegen die Horrordroge Crystal besser gemacht werden kann - das erzählt der 49-Jährige im RUNDSCHAU-Interview.

Herr Krahl, warum haben Sie Revision gegen das Rekord-Urteil für einen Senftenberger Drogendealer eingelegt?

Armin Krahl: Weil ich der Meinung bin, dass das Urteil unangemessen hoch ausgefallen ist. Zu Beginn des Prozesses fanden Gespräche statt, wie ein Urteil bei einem umfassenden Geständnis aussehen würde. Und da hat das Gericht ein Strafmaß von elf Jahren ins Auge gefasst. Meinem Mandanten ist eine Vielzahl von Taten nicht nachgewiesen worden. Da ist er auch freigesprochen worden - und jetzt ist das Strafmaß noch einmal um anderthalb Jahre höher.

Ein Geständnis legte er aber nicht ab.

Krahl: Nein, er hat geschwiegen. Und das ist auch sein Recht. Die Frage ist auch: Wie viel wert ist denn ein Geständnis? Führt das zu der Hälfte der Strafe oder zu einem bestimmten Abschlag? Wenn eine Vielzahl von Taten, die nicht nachgewiesen worden sind, wegfallen und dann trotzdem ein Urteil herauskommt, das anderthalb Jahre höher ist als bei einem Geständnis von allen Taten - dann ist eine Diskrepanz da, bei der man sicherlich auch den Bundesgerichtshof drüber schauen lassen kann.

Welche Chancen hat der Antrag?

Krahl: Ich denke schon, dass es das eine oder andere Argument gibt für eine Revision. Andererseits ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Urteil aufgehoben wird, nicht sehr hoch - zwischen fünf und zehn Prozent. Es gibt ja Statistiken dafür.

Mit welchem Urteil hätten Sie sich zufrieden gegeben?

Krahl: Ich hatte einen Antrag für zehn Jahre gestellt.

In diesem Fall greift der Paragraf 64. Was steckt dahinter?

Krahl: Grundsätzlich bedeutet das kurz gesagt: Therapie statt Strafe. Eine Voraussetzung ist, dass eine Verbindung zwischen Abhängigkeit und Straftat vorhanden ist - zum Beispiel der Dealer, der auch für den Eigenkonsum dealt. Die zweite Voraussetzung ist, dass der Proband gewillt sein muss, drogenfrei zu leben.

Das will ihr Mandant auch?

Krahl: Ja, das möchte er. Er lebt jetzt schon durch die Haft drogenfrei. Er hat dort auch schon Suchtberatung aufgenommen. Das möchte er auch fortführen. Er ist ja intellektuell deutlich weiter als viele andere.

Wie sieht für ihn der optimale Verlauf aus? Er muss ja in Haft.

Krahl: Genau. Unabhängig davon, ob die Revision Erfolg hat oder nicht, bekommt er jetzt die Voraushaft, die das Gericht ausgesprochen hat. Das sind jetzt noch circa dreieinhalb Jahre. Und danach wird sich für zwei Jahre die Therapie anschließen.

Und wenn er sie erfolgreich beendet, darf er raus?

Krahl: Dann wird es aufgrund des Paragrafen 64 auf eine Halbstrafe hi­nauslaufen.

Für Staatsanwalt Olaf Jurtz war es der „traurige Höhepunkt“ im Bereich der Drogenkriminalität. Ist es für Sie der bisher schwierigste Fall?

Krahl: In dem Bereich ja. Die Anzahl der Taten, der Mengen und der Vorermittlungen mit Observation und Handyüberwachung - dieses Ausmaß war neu.

Täuscht das oder nimmt die Anzahl an Drogenprozessen zu?

Krahl: Das ist ambivalent. Wenn die Staatsanwaltschaft erfolgreich ist, tritt auch wieder eine gewisse Ruhe ein. Andererseits hat man schon das Gefühl, dass es ein Kampf gegen Windmühlen ist. Das Drogengeschäft ist so lukrativ, dass immer wieder neue Täter nachkommen. Gerade in Senftenberg und Umgebung werden Drogen nachgefragt. Das Hauptproblem ist Crystal Meth.

Die Abhängigkeit von dieser Droge ist extrem.

Krahl: Crystal hat mehrere Aspekte, die gefährlich sind. Anders als Hanf oder Kokain ist es eine chemische Droge. Es macht extrem schnell abhängig und es führt relativ schnell zu einem körperlichen Verfall. Die Therapiemöglichkeiten sind begrenzt und die Wahrscheinlichkeit zu genesen, ist relativ gering.

Warum ist der Süden der Lausitz so stark betroffen?

Krahl: Aus meiner Sicht gibt es zwei mögliche Ursachen. Einerseits spielt die Nähe zur tschechischen Grenze eine Rolle. Andererseits ist die Droge relativ preiswert. Wir haben hier strukturelle Defizite. Das Geldvermögen ist nicht so hoch.

Reicht der Kampf gegen Drogen aus, den Politik und Gesellschaft betreiben?

Krahl: Nein, mit Sicherheit nicht. Da gibt es viele Dinge, die im Argen liegen. Das geht los, wenn über Jahre hinweg offensichtlich aus Tschechien kiloweise Drogen hier rübergebracht werden und die Politik keine Antworten darauf findet. Hinzukommt, dass unsere Polizei mit der normalen Polizeiarbeit so in Anspruch genommen ist, dass für Drogenprävention kaum noch Ressourcen da sind, so dass jetzt andere einspringen müssen.

Die Prävention müsste aber noch verstärkt werden?

Krahl: Genau. Wir müssen den jungen Leuten klar machen, was Drogen anrichten. Gerade im Teenager-Alter. Sie fühlen sich stark und überlegen, probieren gern. Aber genau hier müssen wir die Grenzen aufzeigen. Gerade bei Crystal. Hier kann der erste Konsum zur Abhängigkeit führen. Das ist Wahnsinn.

Was wäre Prävention konkret?

Krahl: Was die Stadt Senftenberg mit dem Suchtpräventionsprojekt für die 8. und 9. Klasse jetzt macht, ist genau der richtige Ansatz. Vielleicht sollte man auch versuchen, einmal im Schuljahr eine verpflichtende Veranstaltung mit Experten zu organisieren.

Wäre eine härtere Bestrafung von Dealern auch eine richtige Maßnahme?

Krahl: Das ist ja immer so: Wenn irgendetwas hochkocht, kommt der erste Schrei nach härteren Sanktionen. Ich glaube, das ist nicht der richtige Weg. Wir müssen uns immer wieder vergegenwärtigen: Es ist eine Krankheit und sie hat Ursachen. Der Resozialisierungsgedanke ist im Strafrecht verankert und das ist auch gut so. Die Leute müssen die Chance haben, ihren Weg wieder zu finden. Höhere Strafen beheben die Ursachen nicht.

Anders als Polizei oder Staatsanwaltschaft haben Sie ein eher vertrautes Verhältnis zu den Angeklagten und sprechen auf einer anderen Ebene mit ihnen. Wie erleben Sie crystalabhängige Mandanten?

Krahl: Das kann man nicht über einen Kamm scheren. Ich habe durchaus Mandanten, die auch innerhalb ihrer Drogenkarriere durchaus nicht unintelligent sind. Natürlich muss da schon von vornherein etwas schief laufen im Kopf. Einerseits sind es Straftäter, die das Zeug auch noch verticken. Andererseits sind es Menschen, die ganz häufig Biografien mitbringen, - auch von Kindesalter an - die erschüttern. Missbrauchsfälle und Verwahrlosung gibt es ganz oft.

Reden die Mandanten offen darüber oder halten sie sich bedeckt?

Krahl: Es gibt Leute, die wollen nicht darüber reden. Die meisten aber schon. Gerade, wenn man an einen bestimmten Punkt kommt. Zum Beispiel, wenn man im Knast sitzt oder wenn es um Therapie geht. Therapie setzt ja immer voraus, dass ich mich öffne. Wenn ich verschlossen bleibe, dann wird das keinen Erfolg haben.

Verfolgen Sie die Biografien ihrer Mandanten noch, wenn die Gerichtsprozesse beendet sind?

Krahl: Das ist auch unterschiedlich. Mit einigen kommt man zwangsläufig in Kontakt, weil Sie wieder mal ein Mandat brauchen. Es gibt auch Fälle, bei denen ein persönliches Interesse da ist, wo man schaut, wie es demjenigen jetzt geht. Aber es gibt auch eine Vielzahl, bei der man sagt, der Prozess ist beendet und das war’s.

Es gibt sicher positive Beispiele. Leute, die ihre Strafe abgesessen haben und straffrei bleiben, oder?

Krahl: Ja.

Ist das die Minderheit oder die Mehrheit?

Krahl: Das hält sich etwa die Waage. Es gibt durchaus Leute, die sagen, ich will nie wieder in den Knast und sauber leben. Sie nutzen die Zeit in der Justizvollzugsanstalt, gehen zur Drogenberatung, holen einen Schulabschluss nach oder fangen die erste Ausbildung an. Das gibt es durchaus. Wichtig ist eigentlich nur, dass man nicht ins alte Umfeld zurückkommt. Wenn ich in die alte Drogenclique reinkomme, ist es vorgezeichnet, wie es weitergeht. Wenn ich den Absprung schaffe, mir einen neuen Freundeskreis aufbaue, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass man straffrei leben kann.

Mit Armin Krahl sprach
Jan Augustin