Von Peter Aswendt

Ein geschäftiges Treiben ist auf dem Hof von Simone Schmidt in der Hauptstraße 19 in Biehlen zu beobachten. Wie eine Riesenschlange ist ein grünes langes Etwas auf dem Pflaster des Hofes zu sehen, und viele fleißige Hände schneiden, binden und zupfen daran herum. Die Aufklärung kommt prompt: „Wir wickeln die Girlande für unseren Maibaum“, lüftet die Hausherrin das Geheimnis. Warum es gerade auf ihrem Grundstück so geschäftig zugeht, hat logistische Gründe: „Wir waren anfangs vor der Feuerwehr, da wir aber Äste und Bäume von unserem Grundstück für die Girlande benutzten, haben wir uns für unseren Hof entschieden“, so die Biehlenerin.

Die meisten der 18 fleißigen Girlandenbauer sind Mitglieder im Heimat- und Spritzenverein Biehlen, der seit 1998 die Geschicke der Maibaumtradition in seine Hände genommen hat: „Wir widmen uns den Traditionen und organisieren noch einige Feste“, beschreibt Lothar Altrichter, stellvertretender Vorsitzender, die Vereinsarbeit. Er selbst kümmert sich an diesem Tag um die Materialbeschaffung: „Wir nehmen vorrangig Fichte und Blaufichte, die von den Gärten unserer Einwohner kommen“, erklärt er. „Auch einige Kiefernspitzen werden verwendet“, fügt er hinzu, als er zu Kerstin Krieger aus Biehlen schaut, die gerade wieder ein Bündel in die Girlande wickelt.

Immerhin 40 Meter lang wird die Girlande sein, die den stattlichen 26 Meter hohen Maibaum umschlingt. An der Spitze wird ein Kranz mit bunten Bändern angebracht, der von Kristin Drogla gemeinsam mit Tochter Sophie (13) um ein Eisenband gewickelt wird. „Das ist mein zweiter Kranz, den ich wickle“, erzählt die Friseurin aus Biehlen. Dass ihre Tochter mithilft, zeigt das Interesse an der Weitergabe der dörflichen Tradition. Die größte Erfahrung beim Wickeln des 40-Meter-Ungetüms können Bärbel Ilgner (71) und Adelheid Schneider (64) vorweisen. „Wir haben schon einige Girlanden in unserem Leben gewickelt. Wie viel – das wissen wir gar nicht“, lachen beide. Alle acht Meter sind die Frauen am Wickeln und wenn es mal klemmt, dann sind ja noch Bärbel und Adelheid da.

Neben der Tradition des Girlandenwickelns ist auch das Zersägen des Maibaums eine Tradition, die mit Akribie gepflegt wird, aber möglichst verhindert werden soll. „Wenn wir am 30. April unseren Maibaum aufstellen, geben wir ein kurzes Signal mit der Sirene und dann weiß jeder Bescheid“, erzählt Lothar Altrichter. „Wo wir den Baum bis dahin aufbewahren, wird nicht verraten“, schmunzelt er. Es kam eben schon vor, dass ein Baum vor dem Aufstellen zersägt wurde. Immerhin sieben Jahre darf ein Dorf dann keinen Maibaum mehr stellen, das soll den Biehlnern natürlich nicht passieren.

Neben der 13-jährigen Sophie, die ihre ersten Schritte in der Tradition des Maibaumfestes macht, ist das Girlandenwickeln auch für Annemarie Raspe und Maren Felgenträbe eine Premiere: „Ich bin vor fünf Jahren nach Biehlen gezogen und jetzt in den Heimatverein eingetreten und heute ist es das erste Mal, dass ich beim Kranzwickeln dabei bin“, fasst die 28-Jährige kurz und knapp ihre dörfliche Laufbahn zusammen. Für Lothar Altrichter zeigt sich darin auch eine positive Entwicklung im Heimat und Spritzenverein: „Wir habe im vergangenen Jahr ein Dutzend neue Mitglieder gewonnen“, freut sich der Vizechef. Mit einem Altersquerschnitt im Verein zwischen 17 und 77 Jahren ist in Biehlen die Traditionspflege gesichert.

Natürlich kam beim Wickeln des grünen 40-Meter-Monsters die Gemütlichkeit nicht zu kurz. Mit selbst gemachten Blechkuchen und einem gemütlichen Würstchengrillen wurde dann noch bis in den Abend über das bevorstehende Maifest geredet. Wer sich von der Traditionspflege und der Feierfreudigkeit der Biehlner Bewohner selbst überzeugen möchte, der sollte sich das Park- und Kinderfest (10.8.) und den Kirmestanz (9.11.) vormerken. Aber jetzt warten erst mal alle gespannt auf das Sirenensignal, um den Maibaum aus dem Versteck zu holen und mit der grünen Girlande aufzustellen.