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Bergdorf mit gut gehütetem Geheimrezept

Bereits 1666 sind die Bergdörfer Zwietow, Weißag und Gosda als "Küchendörfer" erwähnt worden. Tüchtige Kuchenfrauen halten die Tradition aufrecht: Monika Karraß, Sabine Rönnau, Petra Richter, Monika Hascher und Sieglinde Scholz (v. l.).
Bereits 1666 sind die Bergdörfer Zwietow, Weißag und Gosda als "Küchendörfer" erwähnt worden. Tüchtige Kuchenfrauen halten die Tradition aufrecht: Monika Karraß, Sabine Rönnau, Petra Richter, Monika Hascher und Sieglinde Scholz (v. l.). FOTO: Uwe Hegewald
Zwietow. Der Oberspreewald-Lausitz-Kreis umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Station heute: Zwietow. Uwe Hegewald

Es bleibt dabei: Das Geheimnis um ihre Buchweizenplinse lassen sich die Frauen aus Zwietow (Gemeinde Luckaitztal) nicht entlocken. Mit Gosda und Weißag zählt Zwietow zu den Bergdörfern auf der Süd- und Sonnenseite der Calauer Schweiz. Vielen Leuten sind diese auch unter dem Namen Plinsdörfer bekannt, was auf die Tradition des Zubereitens von Buchweizenplinsen zurückzuführen ist. "Wie bei den Spreewaldgurken hat jeder Haushalt sein ureigenes und wohlbehütetes Rezept. Das wird zwar an Nachkommen weitergereicht, nicht aber an Fremde", erklärt Petra Richter. Sie ist Ortsvorsteherin und Mitglied der "Fünf Damen vom Grill", die kürzlich beim Dorffest wieder zu Hochform aufliefen. Ein gutes Dutzend Kuchen und drei Wassereimer mit flüssigem Buchweizenteig galt es an der selbsternannten Futterstrecke zu verarbeiten und zu vermarkten. "Da der Teig bei warmer Witterung gehörig an Volumen zunimmt, mussten wir auf 15-Liter-Eimer zurückgreifen", erzählt Petra Richter. Sieglinde Scholz begründet das mit der Hefe im Rezept und erinnert sich an ein früheres Schulfest an einem heißen Sommertag: "Der Teig quoll über und breitete sich über den Fußboden aus. Für die Kinder war das ein Riesen-Gaudi, sie fühlten sich ins Märchen vom süßen Brei hineinversetzt." Aha, Hefe kommt also ins traditionelle Rezept. Mehr wollen Sieglinde Scholz, Sabine Rönnau, Monika Hascher, Monika Karraß und Petra Richter nicht verraten. Sie hüllen sich in Schweigen - wie die drei Appenzeller Senioren in der Alpenkäse-Werbung.

Bei Seidels in der "Alten Mühle" werden Buchweizenplinse sogar ohne die übliche Zugabe von Weizenmehl gebacken. Wie das funktioniert, ist selbst dem Quintett vom Kuchenstand ein Rätsel. Der Erwähnung der "Alten Mühle" verdanken die Bergdörfer ihre erste urkundliche Nennung im Jahr 1403.

Eine zweite Wassermühle, die Fuchsmühle, und die Bockwindmühle auf der Kammlage sorgten dafür, dass in den Haushalten immer ausreichend Mehl vorhanden war. Ortsvorsteherin Petra Richter bricht eine Lanze für die Familien Seidel und Weise, die trotz hohen Alters zu Mühlentagen oder nach Anfrage die Türen zu ihren Mühlen öffnen. "Alfred Weise ist zudem ein akribischer Sammler von antiken Haushaltsgegenständen und Dokumenten. Den kann man nachts anrufen und nach Gemarkungsgrenzen oder Geschichtsdaten fragen - er weiß eigentlich alles", schwärmt sie. 1958 heiratete er mit seiner Lotte die Tochter des Windmüllers und gilt damit als einer der ältesten Zuzügler im Dorf. Und er ist ein "Musterbeispiel gelungener Integration", betonen die Grill- und Kuchenfrauen - unter ihnen selbst Zugezogene. "Wir sind nicht kompliziert, nur manchmal etwas verrückt - im positiven Sinne. Wer aufs Land zieht, sollte vorher wissen, was ihn dort erwartet", sagt Monika Hascher.

Die aus Berlin stammenden Ines und Thomas Krüger werden als aufgeschlossenes Paar angeführt, das jährlich zu einem Kinoabend bittet. Gezeigt werden unter anderem hochwertige Aufnahmen von Höhepunkten in den drei Bergdörfern, die Thomas "Jerry" Krüger produziert. Längst bringt sich auch Töchterchen Jana ein, die das Kinderprogramm und die Kinderbetreuung bei den Dorffesten mit zündenden Ideen bereichert und auf dem Tummelplatz für die Kleinen gekonnt Regie führt. Apropos Regie: Zwietow gilt als unangefochtene Filmhauptstadt der Calauer Schweiz. Theater-, Film- und Fernsehschauspielerin Katrin Sass (Good Bye, Lenin!) lebte einige Jahre in Zwietow, wie auch der Regisseur und Drehbuchautor Siegfried Kühn (Zeit der Störche). Aktuell ist es Ortsbeiratsmitglied Andreas Köfer, Sohn des Schauspielers Herbert Köfer, der in Zwietow die Flagge der deutschen Filmindustrie hoch hält. Nach Mitwirken in mehr als 40 deutschen und internationalen Produktionen wie Polizeiruf 110 oder Stubbe - Von Fall zu Fall ist das Können des Kameramanns bis heute gefragt.

Mit seinen Höhenzügen, den Teichen, Bachläufen, Wäldern und vereinzelten Buchweizenfeldern bietet Zwietow auch Hobbyfotografen genügend Motive, um auf den Auslöser zu drücken. Gastronomische Einkehr ist am Wochenende oder nach Voranmeldung im "Gasthaus in den Bergen" möglich. Dort startet und endet das alljährliche Zampern, das die Bewohner aller drei Dörfer gemeinsam ausleben. Wie auch das Maibaumaufstellen oder Dorffest, unter Regie des 2005 gegründeten "Heimatvereins Bergdörfer". "Es lebt sich ausgezeichnet bei uns", betont Sabine Rönnau, führt jedoch einen bisher unerfüllten Herzenswunsch an: "Handy- und Internetempfang sind mehr als ausbaufähig", sagt sie. Mal eben ein Buchweizenplinse-Rezept herübermailen gilt als aussichtsloses Unterfangen. Aber die Rezeptur und Kniffe der Backkunst bleiben ja sowieso auch weiterhin ein gut gehütetes Geheimnis.

Zum Thema:
In Zwietow leben heute 63 Personen - Tendenz leicht steigend und bei zwei Frauen auch deutlich sichtbar. Vor 200 Jahren zählte das Dorf 58 Einwohner, im Jahr 1900 insgesamt 110 Leute (Höchststand). Unternehmerische Standbeine sind alle mit dem Namen Richter verbunden: Gasthaus und Ferienwohnung "Hof Heidesand" von Beate Richter, Catering "Petras Gaumenfreuden" von Petra Richter sowie die Rinderhaltung im Nebenerwerb von Sohn Marcel Richter.

Konrad Seidel (l.) und Alfred Weise (r.) wissen noch, wie es geht. Bei Mühlenfesten und nach Anmeldung öffnen sie ihre Mühlen.
Konrad Seidel (l.) und Alfred Weise (r.) wissen noch, wie es geht. Bei Mühlenfesten und nach Anmeldung öffnen sie ihre Mühlen. FOTO: uhd1