ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 10:15 Uhr

Bergbaufolgen in der Lausitz
Lebensgefahr: Lauchhammeraner müssen ihre Häuser verlassen

 Häuser und Firmen-Areale an der Külzstraße in Lauchhammer-Ost stehen auf gefährlichem Grund. Gekippte und geschüttete Flächen der 1921 ausgekohlten Alttagebaue Lauchhammer III und Emanuel neigen in der grundwassergesättigten Tiefe zum Rutschen. Der Untergrund vereint mehrere Gefahren in sich: In die locker gelagerten feinkörnigen Sande ist bis in die 60er-Jahre auch Feinkohle eingespült worden.
Häuser und Firmen-Areale an der Külzstraße in Lauchhammer-Ost stehen auf gefährlichem Grund. Gekippte und geschüttete Flächen der 1921 ausgekohlten Alttagebaue Lauchhammer III und Emanuel neigen in der grundwassergesättigten Tiefe zum Rutschen. Der Untergrund vereint mehrere Gefahren in sich: In die locker gelagerten feinkörnigen Sande ist bis in die 60er-Jahre auch Feinkohle eingespült worden. FOTO: Mirko Sattler
Lauchhammer. Erneut müssen Menschen in Lauchhammer jetzt Haus und Hof verlassen, weil die Bergbaufolgen lebensgefährlich geworden sind. Nach Jahren der Ungewissheit ist das Drama an der Külzstraße groß. Von Kathleen Weser und Mirko Sattler

Das Unfassbare ist eingetreten, und der Schock sitzt tief bei den Bewohnern von vier Häusern in Lauchhammer-Ost, die auf dem Ausläufer einer teilweise gespülten und geschütteten Bergbaukippe an der Wilhelm-Külz-Straße stehen: Sie müssen Haus und Hof verlassen. Denn das vom Grundwasser gesättigte Erdreich droht abzurutschen. Die unberechenbare Kraft der locker gelagerten Lausitzer Sande, die auch der in den 20er-Jahren ausgekohlte Tagebau Emanuel hinterlassen hat, ist gefürchtet. Vor allem in den Amtsstuben und bei den Sanierern der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV).

Etwa vier Jahre leben die Menschen in Lauchhammer-Ost schon auf der Kippe. In der Hoffnung, dass der Grund und Boden sicher gemacht werden kann – und sie bleiben dürfen. Diese Hoffnung müssen sie jetzt begraben. Denn nach den jüngsten Messungen in dem Wohngebiet hat der Gutachter nun Alarm geschlagen – wegen Gefahr für Leib und Leben. Nach der Grubenteichsiedlung, die vor zwei Jahren zwangsweise leergezogen und dem Erdboden gleichgemacht wurde, verlieren vier weitere Familien in Lauchhammer ihre Häuser. Und weitere Bergbau-Bereiche werden noch untersucht.

Christel Haack (70) und ihr Mann müssen das Haus sofort verlassen. „Fürs Erste kommen wir in einer Ferienwohnung in Lauchhammer unter. Dann werden wir nach Wohnungsangeboten schauen. Ein neues Haus lohnt sich nicht mehr in unserem Alter. Alle versprechen Hilfe“, sagt sie erstaunlich gefasst.

Das tiefe seelische Loch kommt später, befürchtet Bürgermeister Roland Pohlenz (parteilos), der spürbar tief betroffen ist. Dass dem Mann die Stimme versagt, wenn er zu einem Problem der Stadt befragt wird, ist äußerst ungewöhnlich. Er ist eher zupackend und bereit, den Konflikt auszutragen. Nach einer trügerisch ruhigen Zeit, in der das Verhalten der Tagebaukippe im aufgestiegenen Grundwasser untersucht wurde, gebe es nun zwar endlich Gewissheit. Aber das Ergebnis sei unfassbar hart und drastisch in die Existenz der Bewohner einschneidend.

 Bürgermeister Roland Pohlenz (parteilos) zeigt sich tief betroffen. Er fordert zum wiederholten Mal ein, dass das Stadtgebiet zügiger auf lebensgefährliche Bergbaufolgen untersucht wird.
Bürgermeister Roland Pohlenz (parteilos) zeigt sich tief betroffen. Er fordert zum wiederholten Mal ein, dass das Stadtgebiet zügiger auf lebensgefährliche Bergbaufolgen untersucht wird. FOTO: Roland Pohlenz

„Das die Lage so akut ist, ist in den bisherigen Gesprächen so nicht vermittelt worden“, sagt Christel Haack. „Unser Haus ist in den 50er-Jahren gebaut worden. Ich lebe mit meinem Mann Karl-Heinz (80) seit 40 Jahren hier“, erzählt sie.

Bei Nachbarin Helga Moldenhauer (64) ist der Schock schon vom Frust überholt. „Wir haben bis zum Jahr 2022 Zeit, uns etwas Neues zu suchen. Diese Aussage hat uns sehr überrascht. Dass es so kommt, damit haben wir nicht gerechnet. Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll“, sagt sie. Für das Familienunternehmen werde es eine Lösung geben. Der Firmensitz sei die geringere Sorge. Die 120 Mitarbeiter sind davon unberührt. Es ist der drastische Einschnitt ins Privatleben, der Helga Moldenhauer ratlos macht. „Uns reicht ein Haus“, erklärt sie mit fester, aber fast tonloser Stimme.

 Disput am Rande des Sanierungssperrgebietes im Jahr 2014. Manfred Kolba und Michael Matthes von der LMBV versuchen, die Gemüter in der Grubenteichsiedlung in Lauchhammer-West zu beruhigen.
Disput am Rande des Sanierungssperrgebietes im Jahr 2014. Manfred Kolba und Michael Matthes von der LMBV versuchen, die Gemüter in der Grubenteichsiedlung in Lauchhammer-West zu beruhigen. FOTO: Mirko Sattler

Bürgermeister Roland Pohlenz erzählt, er sei zutiefst besorgt und auch gleichzeitig davon überrascht, wie die betroffenen Leute reagiert haben auf die Hiobsbotschaft des bergmännischen Sachverständigen und der zuständigen Ordnungsbehörden des Landkreises Oberspreewald-Lausitz. Das Bemühen, die Einschätzung des Gutachters zu verstehen, sei spürbar gewesen – ebenso wie Kritik und Emotionen, die sich berechtigt entladen haben.

Vier Familien, zwei Unternehmen – ein Türenhersteller und eine Transportfirma – mit mehr als 100 Beschäftigten müssen umgesiedelt werden. Daran zweifelt Pohlenz nicht mehr. Der Bürgermeister sieht die Stadt Lauchhammer natürlich mit in der Pflicht, den Betroffenen gute Alternativen anzubieten. Aber nicht allein. Auch das betont er. Schwer liegt dem Stadtoberhaupt noch immer im Magen, dass die vor nunmehr zwei Jahren zuerst betroffenen Grubenteichsiedler von der Kippe des Alttagebaus Mückenberg weichen mussten. Die Entschädigungen reichten angesichts der niedrigen Verkehrswerte der mühsam geschaffenen, einfachen Häuser nicht aus, um als Gemeinschaft an einem Eigenheimstandort neu anzufangen.

Jetzt überrollt das Problem der Bergbaufolgen die Menschen hier wieder. Nach Jahren der Ungewissheit. Und Roland Pohlenz fordert zum wiederholten Mal, dass „die weitere Begutachtung des Stadtgebietes“, in dem über mehr als hundert Jahre aus vielen Tagebauen die Kohle gefördert worden war, „endlich zügig und vorrangig“ erfolgen muss.

„Ich mache mich vermutlich wieder sehr unbeliebt“, stellt er fest. „Aber hier geht es nicht darum, die Bergbaufolgelandschaft mit viel Steuergeld für Touristen fein zu machen. In Lauchhammer geht es um Menschenleben und Existenzen“, richtet er den dringenden Appell, zügig zu handeln, an die Behörden in Land und Kreis sowie an die Bergbausanierer.

Familie Haack hat indes das Nötigste gepackt und ist in die Ferienwohnung gezogen. Etwa 500 Meter entfernt von ihrem Haus und dem Leben, das sie sich hier aufgebaut haben. Die Zukunft ist ungewiss.

 Lauchhammer ist so stark von Altbergbau-Flächen innerhalb des Stadtgebietes betroffen wie keine andere Kommune in der Lausitz. Das Restloch 40, der Alttagebau Mückenberg III der Milly-Grube zwischen der Finsterwalder Straße und der Grubenteichsiedlung, ist saniert. Die Wohnsiedlung ist verschwunden.
Lauchhammer ist so stark von Altbergbau-Flächen innerhalb des Stadtgebietes betroffen wie keine andere Kommune in der Lausitz. Das Restloch 40, der Alttagebau Mückenberg III der Milly-Grube zwischen der Finsterwalder Straße und der Grubenteichsiedlung, ist saniert. Die Wohnsiedlung ist verschwunden. FOTO: foto-radke@gmx.de Fotograf