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| 02:38 Uhr

Bekenntnis zur Industrie ist das stärkste Kapital

Der Betriebswirt Bernd H. Williams-Boock sagt: "Gießen ist geil." Als Geschäftsführer der Eisenhütte Ortrand hat er seine Berufung gefunden.
Der Betriebswirt Bernd H. Williams-Boock sagt: "Gießen ist geil." Als Geschäftsführer der Eisenhütte Ortrand hat er seine Berufung gefunden. FOTO: Rasche/str1
Ortrand. Die Ortrander Eisenhütte stellt seit 129 Jahren dünnwandigen, gewichtsparenden Qualitätsguss her. Und die Gießerei hat sich in der Zeit wenigstens viermal neu erfinden müssen. Geschäftsführer Bernd H. Williams-Boock hält das gelebte Bekenntnis der Lausitzer zur Industrie auch weiter für das stärkste Zukunftskapital. Kathleen Weser

Die Eisenhütte Ortrand mit etwa 300 Mitarbeitern ist eine der modernsten Gießereien für maschinengeformten Eisenguss in Europa - ein Leuchtturm in der Lausitz. Das stellt Ralf Henkler, Leiter der Wirtschaftsregion Cottbus-Niederlausitz im Bundesverband Mittelständische Wirtschaft (BVMW) fest. Und Geschäftsführer Bernd H. Williams-Boock macht das auch sichtlich stolz. Gemeinsam mit den Mitarbeitern, die für den Eisenhütte-Lenker und Vordenker auch im Zeitalter der fortschreitenden Automatisierung unverzichtbar bleiben, wird die Gießerei zukunftsfähig aufgestellt. "Ein Leuchtturm besteht aus vielen Steinen. Und die sind unsere Fachkräfte", betont er.

Produziert werden vor allem Gussteile für die Automotiv-Industrie, für Holzheizgeräte, Kaminöfen und Haushaltsgeräte. 4500 aktuelle Modelle für 3500 bis 5000 Teile bilden das breite Spektrum maßgeschneiderter Produkte ab. Fahrwerkteile für Lastkraftwagen und Motoren, Anpressplatten für die Kraftübertragung in Autos und Kompressorteile für Kühlschränke und -truhen gehören dazu.

Das kleinste Gussteil ist eine Kurbelwelle für Kompressoren in Autoklimaanlagen, das größte bisher gefertigte ein Sauerstoff-Tunnel für das Verrotten biogener Abfälle. "Diese Anlage hat die Größe mehrerer Fußballfelder", erklärt Williams-Boock. Als spektakulärsten Auftrag bezeichnet der Hütte-Chef die Überfahrroste für die Entwässerung der neuen Formel-1-Strecke in Indien.

Längst ist es gelebte Unternehmensrealität in der Gießerei, Fertigungs- und Informationstechnologien zu verknüpfen. Dieses Arbeitsfeld ist die unbestrittene Kompetenz von Williams-Boock.

Der Hamburger ist über Frankfurt/Main und Sachsen beruflich nach Ortrand gekommen. Betriebswirtschaftslehre (BWL) hat er studiert. "Hätte ich heute noch einmal die Wahl, würde ich als Wirtschaftsingenieur in der Produktion arbeiten", sagt er. Und mit dem ihm eigenen Humor, der auch den Nerv der Lausitzer Arbeiter ziemlich auf den Punkt trifft, erklärt der Wahl-Ortrander seine ganz eigene Philosophie: "Man muss im Leben im richtigen Moment zucken. Dann läuft's auch." Williams-Boock ist das lebendige Beispiel dafür.

Als Berufseinsteiger hat er sich in den 80er-Jahren mit der Elektronischen Datenverarbeitung (EDV) beschäftigt und kaufmännische Systeme kleiner Firmen auf Computerprogramme umgestellt. In einer renommierten Wirtschaftsprüfgesellschaft am Main ist er dann ins internationale Geschäft eingestiegen. Strukturen von Unternehmen zu analysieren und die großen Weichen in Konzernverbünden neu zu stellen, daran hatte er Spaß. "Im Alter von 29 Jahren bin ich dann gefragt worden, ob ich mein eigenes Konzept nicht selbst umsetzen wolle. Und ich wollte", erzählt der Vollblut-Unternehmer. Investitionsgüter für die Industrie, die ersten Nähmaschinen für Airbags, hat die Firma gebaut und bis in den asiatischen Raum vertrieben. Auch die Zentren der nähenden Industrie Osteuropas hat er so kennen gelernt.

Die radikalen Veränderungen im wieder vereinten Deutschland haben dann viele Betriebe der Textilindustrie am Markt scheitern lassen. Williams-Boock ist von der Aufbruchstimmung mitgerissen zur Tat geschritten, um neue Firmen mit zu gründen und aufzubauen. So ist er in Sachsen gelandet, im Landmaschinenbau. Fortschritt-Mähdrescher hat der Betrieb, in dem er Geschäftsführer wurde, gebaut. "Eine tolle Maschine. Aber eben nur ein Produkt. Und das war zu wenig am Markt", resümiert Williams-Boock. Das kleine Unternehmen ist von einem großen Landmaschinenhersteller aufgekauft worden. "Ich habe mein Ziel, den Betrieb und die Jobs in Sachsen zu erhalten, verfehlt", sagt der Mann, zu dessen Erfolgsgeschichte bekennend auch das Scheitern gehört. Als Selbstständiger hat er Firmen beraten, eine Blutbank aufgebaut und ist in einer höchst kritischen Phase der Ortrander Traditionsgießerei im Jahr 2003 schließlich in die Lausitz gekommen. "Damals gab es Überlegungen, die Hütte zu schließen und in Lauchhammer eine neue Gießerei zu errichten. Die Ortrander haben für den Erhalt des Industriestandortes demonstriert. Diese Verbindung ist stark. Und das ist toll", sagt der Chef der Eisenhütte. Die Gesellschafter-Familien - "aufrechte und bodenständige Bayern" - haben schließlich gefördert vom Land Brandenburg kräftig investiert. 35 Millionen Euro sind in den vergangenen zwölf Jahren in die Gießerei gesteckt worden. "Mit Kaputtsparen bekommt man kein Unternehmen zum Erfolg. Ohne Wachstum wird nichts, und das kostet nun erst einmal Geld", betont Williams-Boock.

Seit dem Neustart nach der Wende ist der Jahresumsatz der Eisengießerei auf etwa 45 Millionen Euro vervierfacht worden. Das Hauptgeschäft läuft auf dem europäischen Markt in Skandinavien, Österreich, Italien und Osteuropa. Automotiv-Teile gehen auch nach Australien, Amerika und China. Die Exportquote der Eisenhütte liegt bei 70 Prozent.

Weltoffen und tolerant wünscht er sich den bekennenden Industriestandort Lausitz. "Menschen unterschiedlicher Kulturen haben andere Auffassungen. Man muss die nicht teilen, aber akzeptieren. Wenn wir uns darauf nicht einlassen, können und werden wir nicht erfolgreich sein", betont Bernd H. Williams-Boock.

Rohstoffe und vor allem Energie müssen im Produktionsprozess immer effizienter eingesetzt werden, um international bestehen zu können. Allein 44 Gigawattstunden Strom benötigt die Eisenhütte im Monat. Denn sie produziert fünf Tage der Woche in drei Schichten. "Das ist das

30-fache des Jahresverbrauches in der Stadt Ortrand", erklärt Williams-Boock. Den Energiehunger zu stillen, sei unmöglich ohne konventionelle Kraftwerke. Die eingeleitete Energiewende betrachtet Williams-Boock äußerst skeptisch. Denn: Er ist überzeugt, dass sie in zehn bis 15 Jahren nicht zu schaffen ist. "Wir brauchen die Lausitzer Braunkohle als Brückentechnologie noch länger als das derzeit politisch mit dem alleinigen Blick auf die Reduzierung der Kohlendioxid-Emission diskutiert wird", erklärt der Unternehmer. "Wenn Deutschland ein Industriestandort bleiben soll, ist das ohne sichere und bezahlbare Energie unmöglich", mahnt er.