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| 12:04 Uhr

Musik
Bei Gerdchen spielt die Musik in Senftenberg

Gerhard Stöcker hat sich in seiner kleinen Neubauwohnung sogar ein Tonstudio eingerichtet. Ohne Musik wäre das Leben ärmer, so der Senftenberger.
Gerhard Stöcker hat sich in seiner kleinen Neubauwohnung sogar ein Tonstudio eingerichtet. Ohne Musik wäre das Leben ärmer, so der Senftenberger. FOTO: Richter-Zippack
Senftenberg. Nimmt Gerhard Stöcker eine Gitarre in die Hand, sind Elvis und die Beatles nicht weit. Der Senftenberger Musiklehrer beweist sein Talent in einem halben Dutzend Bands. Von Torsten Richter-Zippack

War das ein Jahreswechsel 1978/1979. Während die halbe DDR im Schnee- und Eischaos versank, sorgten die „Dixies aus Lauchhammer“ für prächtige Silvesterstimmung. Allerdings nicht in der Industriestadt, sondern im Berliner Palast der Republik. Mit dabei Gitarrist Gerhard Stöcker. „Wir durften in der obersten Etage spielen“, erinnert sich der begnadete Vollblutmusiker, der vor wenigen Wochen seinen 70. Geburtstag beging. Die „Dixies aus Lauchhammer“, so berichtet Stöcker, den Freunde liebevoll als „Gerdchen“ bezeichnen, haben während der 1970er-Jahre als zehn- bis zwölfköpfige Band für Furore gesorgt. „Manche waren schon halbe Profis“, so Stöcker. Selbst den Dresdner Kulturpalast durften die Lausitzer bespielen. Morgens seien die Musiker ihren Berufen nachgegangen, abends trafen sie sich zum Proben, und dann folgten an die Wochenenden die Auftritte. „War schon eine klasse Zeit“, resümiert Gerhard Stöcker 40 Jahre später.

Die Lauchhammeraner Band ist beileibe nicht das einzige Ensemble, in dem der Senftenberger mitwirkte. Da gibt es noch die „Rockabillys“, eine Bigband, die sich auf den Rock’n Roll der 1960er-Jahre spezialisiert hat. Und die Gruppe „Zeitlos“ für die etwas härteren Klänge, Stichwort „Böhse Onkelz“. Nicht vergessen werden darf die Hoyerswerdaer Bigband. „Es muss um das Jahr 2005 gewesen sein. Da haben wir sogar in New York gespielt“, sagt Stöcker. Darüber hinaus profitiert auch die kleine Big Band „Jazzika“ unter Leitung von Lutz Schulz von Stöckers Können.

Der Senftenberger lebt seine Musik regelrecht. Der klein gewachsene Mann mit der charakteristischen blonden Mähne und der markanten Brille hat die Töne regelrecht im Blut. Kein Wunder, war doch schon Vater Ernst Stöcker ein begnadeter Musiker. „Er konnte wunderbar mit Gitarre, Hawaii-Gitarre, Schlagzeug und Mundharmonika umgehen“, erinnert sich Gerhard Stöcker. Der Vater, der aus dem Egerland stammt, soll einst seinen Wecker gegen das erste Musikinstrument eingetauscht haben. Und er war als Trommler bei der deutschen Siegesparade im Jahr 1940 in Paris dabei.

Gerhard Stöcker, der in Klettwitz geboren wurde und in Lauchhammer aufwuchs, nahm bereits im Alter von sechs Jahren erstmals eine Mundharmonika zwischen die Zähne. Später gesellten sich Akkordeon und Gitarre hinzu. „Pele“ heißt Stöckers erste Musikgruppe, in der er mitwirkte. „Das waren 20 bis 30 Leute. Wir haben uns in der alten Gaststätte Thinius in Lauchhammer-Ost getroffen.“ Gespielt wurde unter anderen in den Kulturhäusern „John Schehr“ und „Otto Hurraß“. Mit Beatles-Musik seien das Publikum mitgerissen worden. Schwierigkeiten mit der Obrigkeit wegen der dort unbeliebten Klänge des „Klassenfeindes“, so erinnert sich Gerhard Stöcker, habe es kaum gegeben. Mehr noch: „Das war eine richtig schöne Zeit.“ Neben den Beatles gelten für den Senftenberger auch Sänger-Legende Elvis Presley sowie die Kultband „Metallica“ als musikalische Vorbilder.

Der „eher mittelmäßige Schüler“ (Stöcker über Stöcker), bestritt eine Lehre als Maschinist für Brikettierung. Später sattelte der Musiker im Synthesewerk Schwarzheide als Elektromonteur um. „Eigentlich hätte ich gern die Musik zu meinem Hauptberuf gemacht“, resümiert Gerhard Stöcker. Und tatsächlich: Es habe sogar ein entsprechendes Angebot aus Berlin gegeben. „Aber damals durchlief ich gerade meine Qualifikation zum Elektriker. Da hätte der Wechsel nicht wirklich gepasst.“

Im Jahr 2005 begann der Senftenberg sein Engagement für die Musikschule. Rund 30 Schüler im Alter zwischen acht und 60 Jahren bilde der 70-Jährige aus. „Bis man ein Instrument richtig beherrscht, vergehen locker zwei, drei Jahre“, weiß Stöcker aus Erfahrung. Schade sei, dass gerade viele Kinder mit der musikalischen Ausbildung beginne, diese aber nach der Schule abbrechen, da sie Lehre und Studium in die Ferne führen. Doch wer einmal Feuer gefangen hat, der bleibe der Musik ein Leben lang treu. Das gilt insbesondere für Gerhard „Gerdchen“ Stöcker: „Ich will solange musikalisch aktiv bleiben, wie es meine Gesundheit erlaubt.“