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| 09:53 Uhr

Begleiter des Lausitzer Umbruchs

Vor ihren Fenstern verändert sich eine Stadt: Wenn Christina Störmer und Ingrid Richter aus dem Konferenzzimmer des Bürgerbüros "Soziale Stadt" schauen, bekommen sie den Wandel hautnah mit. Die beiden Frauen sind seit 13 Monaten die Anlaufstelle für Projektideen, Sorgen und Nöte in Senftenbergs westlicher Innenstadt. Das Förderprogramm "Soziale Stadt" soll Stadtquartiere stärken und die Bürger enger zueinander bringen. Sascha Klein

"Schau mal, jetzt geht’s los", sagt Christina Störmer zu ihrer Kollegin Ingrid Richter und deutet nach draußen. Vor ihren Augen beginnen Planierraupen mit den Vorbereitung für den Abriss von zwei Blöcken in der Straße der Energie. Die beiden "Lückenfüller" im Senftenberger Neubaugebiet müssen weichen. In den Karten, die im Büro der "Sozialen Stadt" hängen, sind sie bereits rot markiert. Das sind die, die aus dem Bild der westlichen Innenstadt verschwinden. Prominentestes Opfer: ein Fünfgeschosser am Neumarkt, von den Senftenbergern nur Neumarktriegel genannt. Durch den Bergbau wuchs die Stadt in den 70er-Jahren bis auf 33 000 Einwohner an, jetzt sind es nur noch etwa 21 000. Die Prognosen rechnen 2015 noch mit knapp 16 000 Senftenbergern. Der Umbruch ist unvermeidlich – und in vollem Gange.

Ihr Büro, im Erdgeschoss der Glück-Auf-Straße 8, war früher eine normale Mietwohnung. Jetzt sind sie zu einem Teil der Hausgemeinschaft geworden. "Wir sind hier richtig integriert", erzählt Stadtplaner Kai Reichelt. Er ist seit April 2004 mit in das Projekt eingebunden. Die Platte, das ist für viele ein echtes Zuhause. Fehlende Akzeptanz der Neubauten hat Reichelt dort nicht feststellen können: "Das ist hier eine angenommene Ecke." Kurze Wege zum Neu- und Altmarkt, zum Landratsamt, Rathaus und Supermärkte sind ebenso schnell erreichbar – nicht zu vergessen: der See. Bei Wohnvierteln in Cottbus (Sachsendorf-Madlow) und Magdeburg-Olvenstedt habe man halbe Stadtteile abreißen müssen, weil sie nach und nach leergezogen waren, so Reichelt. Das passiert in Senftenberg nicht. Das Gebiet wird ausgedünnt. Dem Stadtplaner gefällt die Aufgabe im früheren Lausitzer Revier. "Es ist eine sehr effiziente Arbeit", sagt er und verteilt ein Lob an die Stadtverwaltung.

Seit einem Dreivierteljahr ist das "Soziale Stadt"-Trio in Senftenberg nun öffentlich aktiv: "Für uns war wichtig, schnell etwas Greifbares zu schaffen", sagt Kai Reichelt. Im Fokus sind drei Großprojekte: das Jugendhaus Pegasus, größter Jugendclub der Stadt, der Tierpark und die frühere Realschule. Am Jugendhaus könnte die Umgestaltung des Außenbereichs bereits in diesem Jahr losgehen, die Planungen sind fertig.

Das erste Achtungszeichen setzten die Stadtentwickler mit einer Fassadenaktion am Neumarktriegel, pünktlich zur Eröffnung des neuen Neumarktes im Juni 2004. Schüler des Friedrich-Engels-Gymnasiums und der Grundschule am See bemalten sechs mal sechs Meter große Stoffplanen. Diese gaben dem entkernten Wohnblock ein ganz ungewohntes Aussehen. Die Rückmeldungen der Schulen seien durchweg positiv, erzählt Christina Störmer: "Es kommen immer wieder Fragen, wann wir so etwas wieder machen." Durch solche Aktionen soll auch das Heimatgefühl gestärkt werden.

Ein nächster Höhepunkt war die Ausstellung in der im Sommer geschlossenen Realschule, die seit dem 11. November zu sehen ist. Kai Reichelt könnte sich vorstellen, dass aus dem Objekt langfristig ein Kultur- und Bildungszentrum wird. Darauf werden die Senftenberger jedoch noch einige Jahre warten müssen: "Baulich wird in diesem Jahr noch nichts passieren", sagt er. "Da sollte man auch keine Schnellschüsse machen."

Ebenso ungewiss ist die nahe Zukunft des Platzes, auf dem zurzeit die Reste des Neumarktriegels stehen. Eine lose Idee des Stadtplaners Reichelt: eine Blumenwiese. Ob das machbar ist, wird sich in den kommenden Wochen herausstellen. Diese vorübergehende Lösung kann sich der Experte auch an anderen Standorten vorstellen – so auf einer Sandwüste, auf der das Haus der Werktätigen einst stand. Allerdings: "Es kann noch an ganz vielen Überlegungen scheitern", sagt Reichelt.

In diesem Jahr könnte auch die bislang unspektakuläre Bergbaustraße in den Mittelpunkt rücken. Als Achse zwischen Neumarkt und Senftenberger See soll sie mehr Gewicht bekommen. Verschiedene Vorschläge werden schon diskutiert – unter anderem sind eine Ausstellung und ein Workshop der IBA im Gespräch.
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Hintergrund: Ansprechpartner

Das Bürgerbüro "Soziale Stadt" ist in Senftenberg in der Glück-Auf-Straße 8 und per Telefon unter: 03573 / 36 73 961 erreichbar.
Vergleichbare Projekte in der Lausitz gibt es in Cottbus, Weißwasser und Lübbenau.
Mehr Informationen im Netz:
www.soziale-stadt.de
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