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Baustoffplatz zerstört Wohnidylle

Den Blick aus dem Küchenfenster in der Senftenberger Möwenstraße kann Ulrike Weidlich seit zwei Jahren nicht mehr richtig genießen.
Den Blick aus dem Küchenfenster in der Senftenberger Möwenstraße kann Ulrike Weidlich seit zwei Jahren nicht mehr richtig genießen. FOTO: Jan Augustin
Senftenberg. Um Ruhe zu finden, zieht die an einer Lungenkrankheit leidende Ulrike Weidlich extra nach Senftenberg. Die Wohnung ist perfekt – bis eine Baufirma ein Lagerplatz vor ihre Küche setzt. Jan Augustin

Den durchsichtigen Gummischlauch zieht Ulrike Weidlich fast den ganzen Tag durch ihre Wohnung. Ein kleines Stückchen mit zwei Löchern endet an der Nase und pumpt Sauerstoff in ihren Körper. 16 Sunden täglich muss sie das lebenswichtige Elixier künstlich zu sich nehmen. Ulrike Weidlich ist lungenkrank - COPD. Exakte Zahlen gibt es nicht, Schätzungen gehen aber davon aus, dass in Deutschland zehn bis zwölf Prozent der über 40-Jährigen unter einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung leiden.

Vor sechs Jahren ist Ulrike Weidlich deswegen extra aus Spremberg nach Senftenberg gezogen. Sie lässt ihre Arbeit als Küchengehilfin im Krankenhaus hinter sich und findet unweit des Senftenberger Sees eine kleine, knapp 50 Quadratmeter große Zwei-Raum-Wohnung im Erdgeschoss, die ihr zusagt und vor allem die Ruhe bietet, die sie sucht.

Seit zwei Jahren aber ist die Wohnidylle für Ulrike Weidlich zerstört. Eine Tiefbau-Firma hat sich vor ihrem Küchenfenster auf einer grünen Wiese einen Baustofflagerplatz eingerichtet. Laster fahren Sand und Baumaterialien an und ab - was natürlich Staub und Lärm verursacht. Das eingezäunte Gelände auf ausgewiesenem Wohngebiet befindet sich in der Möwenstraße, direkt zwischen zwei großen Miet-Blöcken der Wohnungsbaugenossenschaft Die Senftenberger. Das Grundstück aber gehört der Kommunalen Wohnungsgesellschaft Senftenberg (KWG). Sie hat den Platz auch an die Baufirma vermietet. Das bestätigt KWG-Pressesprecher Ralf Weide auf Nachfrage.

Das Tiefbau-Unternehmen arbeite im Auftrag für den Kabelnetzausbau im Seegebiet, erläutert Ralf Weide. Bis wann es noch vor Ort ist, weiß er nicht. Dass es Probleme gibt, ist ihm jedoch bewusst. Zuletzt hatte sich Ulrike Weidlich darüber beschwert, dass auf dem Lagerplatz nach Feierabend gegrillt und Bier getrunken wurde und es so zu Lärmbelästigung gekommen sein soll. Das habe Überhand genommen, betont Ulrike Weidlich, die in dieser Sache sogar den Bürgermeister angerufen haben will. "Momentan ist es aber ruhig", sagt sie erleichtert. Nach ihren Beschwerden sei sie nun von der KWG gebeten worden, ein Protokoll zu führen. Das aber lehnt sie strikt ab. "Ich will hier niemanden bespitzeln, was von mir verlangt wird. Die Männer machen doch nur ihre Arbeit", sagt die 60-Jährige.

KWG-Sprecher Ralf Weide bestätigt indes, dass die Firma bereits abgemahnt worden ist. "Wir haben das alles besprochen und sind auf dem Weg der Besserung", versichert er. Schritt für Schritt werde der Fall nun abgearbeitet.

Rentnerin Ulrike Weidlich zeigt dennoch völliges Unverständnis darüber, dass eine Baufirma über so einen langen Zeitraum mitten in einem Wohngebiet arbeiten darf. "Wir wohnen in einem Wohngebiet am See - eigentlich idyllisch, sollte man meinen - und nicht im Industriegebiet." Sogar einheimische Tiere wie Hasen und Eichhörnchen hätten schon das Weite gesucht. "Wir wollen uns wieder wohlfühlen und nicht jeden Tag auf diesen Schandfleck gucken müssen", fordert die alleinstehende Rentnerin. Bei der Wohnungsbaugenossenschaft will Ulrike Weidlich nun Mietminderung beantragen. Rückwirkend, das weiß sie bereits, wird sie allerdings wohl kein Geld erhalten.