Carny Gózd lautet der sorbische Name für Schwarzheide, übersetzt „Schwarzer Wald“ beziehungsweise „Schwarze Heide“. Kein Wunder, prägen bis heute kleinere und größere Wälder die unmittelbare Umgebung der knapp 5700 Einwohner zählenden Stadt. Die Forsten könnten allerdings perspektivisch gesehen enorm zusammenschrumpfen. Das befürchten zumindest mehrere Bürger und Abgeordnete des Ortes. Der Grund: Im Rathaus gibt es Pläne, die eine großflächige Ausweisung neuer Industrie- und Wohngebiete vorsehen. Weiterer Wald könnte durch Erweiterungen des Gewerbegebietes Schwarzheide-Süd verschwinden. Dort wollen sich mehrere Firmen vergrößern.

Das mit Abstand größte Baugebiet könnte sich irgendwann von der Schipkauer Grenze über den Flugplatz bis nach Lauchhammer erstrecken. Das Areal nördlich von Schwarzheide besteht vorwiegend aus Kippenland, das hauptsächlich forst- und landwirtschaftlich genutzt wird. Zudem gibt es mehrere Gartensparten, die möglicherweise aufgegeben werden müssten.

Darüber hinaus soll ein weiteres Bebauungsgebiet unweit des Seecampus entstehen. Dort sind perspektivisch ein Rettungsstützpunkt, eine Arztpraxis sowie Wohnungen vorgesehen.

Ein neues Wohngebiet ist östlich des Ferdinandssees, einer gefluteten Tagebaugrube, geplant. Auf einer Fläche von 6,5 Hektar sollen dort neue Wohnhäuser im Anschluss an die bereits bestehende Siedlung am Waldweg errichtet werden.

„Werden diese Pläne so umgesetzt, verlieren wir in Größenordnungen Grünland, Wald und auch ein Stückchen unserer Historie“, bemängelt der Stadtverordnete Werner Rex (Linke). Er spricht von einer Gesamtgröße von mehreren hundert Hektar, die künftig Bauland seien. Darunter befände sich eine nicht zu unterschätzende Größe an Kippenland, dessen Bebauung ohnehin problematisch sei.

Der Schwarzheider Bürgermeister Christoph Schmidt (parteilos) hat indes die Aufstellungsbeschlüsse zu den Bebauungsplänen bezüglich des Industriegebietes Schwarzheide/Schipkau und des Wohngebietes „Am Ferdinandssee“ von der Tagesordnung der Stadtverordnetenversammlung am Montag, 29. April, genommen. Der Verwaltungschef will die entsprechenden Entscheidungen den neuen Abgeordneten, die am 26. Mai gewählt werden, überlassen. „Die Tragweite und Verantwortung solcher Entscheidungen sollte meiner Ansicht nach an einen Mandatsträger gerichtet werden, der seine Entscheidung innerhalb der neuen Legislaturperiode von fünf Jahren gegenüber den Bürgern zu vertreten hat.“

Im Klartext bedeute dies, dass das „Ob“ und das „Wie groߓ zunächst vollkommen offen bleibt. Mehr noch: „Vermutungen zu tatsächlich erwartenden Baumaßnahmen sind zu diesem Zeitpunkt vollkommen unseriös und können politisch missbraucht werden.“ Letztendlich sei ebenso offen, ob diejenigen Kräfte nach der Wahl noch dieselben sind, die darauf gedrängt haben, dass die Bebaungspläne noch in der letzten Sitzung vor der Wahl behandelt werden.

Letztendlich, so Schmidt, gehe es darum, die Möglichkeiten einer zukunftsorientierten Industrialisierung mit den Nachbarkommunen Lauchhammer rund Schipkau zu prüfen, um gemeinsame Ziele zu erarbeiten. Werner Rex spricht hingegen von einem „Windhunderennen um das Geld“, das gerade begonnen habe. Hintergrund bildet die Summe von rund 18 Milliarden Euro, die der Bund der Lausitz bis zum Jahr 2038 im Zuge des Kohleausstieges zur Verfügung stellen will. „Schwarzheide würde Signale nach Berlin aussenden, dass hier genügend Industrieflächen zur Verfügung stünden. Aber Natur- und Landschaftsschutzaspekte werden dabei außer Acht gelassen.“

Rex stellt aber auch klar, dass er weitere Industrieansiedlungen in der Chemiestadt keinesfalls ausschließen wolle. Aber solch große Flächen vorzuhalten, lehne er ab. „Insbesondere kulturell-historische Dinge dürfen dabei nicht einfach durchrutschen“, mahnt auch Einwohner Hans Jank, der sich seit Jahren für den Erhalt der gewachsenen Siedlungsstruktur von Schwarzheide engagiert. „Und es kann nicht sein, dass nur der Industrie zuliebe für andere Dinge kein Platz mehr zur Verfügung stehen wird.“ Sollte dies dennoch passieren, so sind sich Rex und Jank einig, sehen sie die Schwarzheider Identität in Gefahr.