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| 15:55 Uhr

Aus dem Landgericht
Axt-Angreifer aus Hohenbocka gesteht unter Tränen

Cottbus/Senftenberg. Das Cottbuser Landgericht will jetzt die Schuldfähigkeit des 23-jährigen Angeklagten prüfen lassen. Von Jan Augustin

Ein Fall aus dem Raum Senftenberg scheint am Dienstag am Cottbuser Landgericht schon auf der Zielgeraden. Doch dann überrascht der 23-jährige Angeklagte aus Hohenbocka mit einem Geständnis, das Folgen auf das Strafmaß haben könnte. Ja, räumt er ein, er ist der Mann auf dem Video, das die Überwachungskamera in einem Regionalexpress zwischen Cottbus und Ruhland aufgenommen hat. In dem Zug soll der Beschuldigte vor etwa einem Jahr einen anderen Fahrgast mit einem Beil bedroht haben. Angeklagt ist der Mann aus Hohenbocka deshalb wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung. Ihm droht eine mehrjährige Haftstrafe. In den ersten beiden Verhandlungstagen bestritt er bisher, der Mann auf den Videos zu sein. Das hat sich nun geändert.

„Als ich die Videos gesehen habe, war ich sehr erschrocken. Es tut mir total leid“, sagt er mit brüchiger Stimme. Als Entschuldigung soll sein schwerer Verkehrsunfall vor vier Jahren nicht gelten, betont er. Es könnte aber eine Erklärung sein. Der Unfall mit Schädelbasisbruch und eingedrücktem Herz habe sein Leben auf den Kopf gestellt. Starke Schmerzen wurden im Krankenhaus mit Morphium behandelt. Später habe er Cannabis genommen, um den Schmerz zu lindern. „Ich habe meine Arbeit verloren“, sagt der Angeklagte jetzt unter Tränen. Auch den Boxsport, den er so geliebt hatte, konnte er plötzlich nicht mehr ausüben. Der Senftenberger Rechtsanwalt Armin Krahl, der den Mandanten schon seit Jahren betreut, bestätigt diese Aussage. Der Unfall sei der Ausgangspunkt gewesen. „Seitdem hat sich der Drogenkonsum gesteigert“, erläutert der Verteidiger. Es kommen sogar Crystal Meth, LSD und Heroin dazu.

Auch die angeklagte Aktion im Zug hat er vermutlich unter Einfluss von Betäubungsmitteln verübt. „Haben Sie eine Erinnerung, ob Sie unter Drogen gestanden haben?“, fragt der Vorsitzende Richter André Simon. „Ich denke ja“, antwortet der Angeklagte. Sollte das tatsächlich so sein, würde sich das Strafmaß vermutlich erheblich verkürzen.

Staatsanwalt Thomas Schell weiß das freilich. Von der Drogenproblematik habe er am Dienstag allerdings zum ersten Mal gehört. „Ich sage das ganz offen - hätte ich heute plädiert, hätte ich von fünf Jahren gesprochen“, sagt er. Sollten Drogen eine Rolle gespielt haben, müsse neu abgewogen werden.

Ob der Angeklagte die Tat im berauschten Zustand verübt hat und wie stark er überhaupt schuldfähig ist - das will die 2. Große Strafkammer jetzt durch ein neues Sachverständigen-Gutachten klären lassen, Das Gericht hofft, dass es bis zum nächsten Verhandlungstermin am 15. März vorliegt.

Derweil sind zwei andere Untersuchungen jetzt abgeschlossen. Experten vom Landeskriminalamt Brandenburg hatten aufwendig die Bilder und Filme der Überwachungskameras ausgewertet. Zu sehen ist dort eine siebenminütige Sequenz, wie ein Mann mit einer Kapuze über dem Kopf und einem Schal ums Gesicht mit einem Beil herumfuchtelt und einen jungen Mann in einem ansonsten leeren Abteil bedrängt. Zum Prozess-Auftakt Mitte Januar hatte der Fahrgast vor Gericht erklärt, er habe auch einen leichten Schlag auf den Hinterkopf bekommen. Der Angreifer habe Geld und Handy gewollt, aber nicht bekommen. Die Sachverständiger kommen zu dem Schluss, dass der Mann mit hoher Wahrscheinlichkeit die Person auf den Bildern ist. Sowohl bei den Kleidungsstücken als auch bei den Körpermerkmalen haben sich demnach viele Übereinstimmungen herauskristallisiert. Statur, Augenabstand und Gesichtszüge haben demzufolge Ähnlichkeiten. Unterschiede, die einen Ausschluss zur Folge gehabt hätten, gebe es nicht.

Ins Rollen gebracht wurde der Prozess durch einen Hinweis der Bundespolizei. Diese hatte drei Videos von Straftaten in diesem Zeitraum ausgewertet und war zu dem Schluss gekommen, dass es sich dem äußeren Erscheinungsbild zufolge um ein- und dieselbe Person handelt: einen in Hohenbocka lebender 23-jährigen Mann. Bei einem Fall soll der Angeklagte zu sehen sein, wie er, ebenfalls in einem Zug, ein Feuer gelegt hat. Nachdem er ausgestiegen war, bemerkte das Personal die starke Rauchentwicklung und löschte das Feuer. Auf einem anderem Video sei er zu erkennen, wie er im Senftenberger Rewe-Markt wahllos Produkte einsteckte, ohne dafür zu bezahlen.