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Ausnahmezustand in Nestern

Eine Nisthilfe wie diese in Raddusch haben Naturfreunde dem Storch auch in Bolschwitz angeboten. Erfolgreich: In diesem Storchenjahr gibt es auf dem Horst erstmals zwei Jungstörche. Archivfoto: Peter Becker/peb1
Eine Nisthilfe wie diese in Raddusch haben Naturfreunde dem Storch auch in Bolschwitz angeboten. Erfolgreich: In diesem Storchenjahr gibt es auf dem Horst erstmals zwei Jungstörche. Archivfoto: Peter Becker/peb1 FOTO: Peter Becker/peb1
Lübbenau/Senftenberg. Das Storchenjahr wird zwischen Spreewald und Calauer Schweiz erneut unterdurchschnittlich enden. Im Süden des Oberspreewald-Lausitz-Kreises indes haben die Rotstrümpfe nach mehreren sehr mageren Sommern wieder mehr Nester besetzt und für reichlicher Nachwuchs gesorgt.

Wolfgang Köhler, der langjährige Storchenbetreuer für die Niederlausitz, stellt fest: "Das aber ist die absolute Ausnahme."

Bilanz zum Storchenjahr könne er zwar erst im September ziehen. Noch fehlen viele Daten von den Storcheneltern mit direkter Sicht auf die Nester. Der Trend aber sei sehr deutlich: Die Nachwuchsquote bleibt wieder unter dem Soll. Zur langfristigen Bestandssicherung des Großvogels müssen die Storchenpaare wenigstens zwei Junge im Jahr durchbringen. In Südbrandenburg ist das mit 1,93 Tieren schon in den vergangenen Jahren nur noch knapp erreicht worden. Bereits seit einigen Sommern sieht es trübe aus auf den Storchenhorsten, bestätigt der Experte.

Die meisten der insgesamt wenigen Jungstörche dieses Jahres sind jetzt flügge. In wenigen Tagen starten sie naturgemäß zum Flug in die Winterquartiere. Die Altvögel folgen naturgemäß Ende August.

Trotz großer Sorge um den Bestand der Weißstörche in der Lausitz ist aus Bolschwitz aber eine Erfolgsgeschichte zu erzählen.

Vor vier Jahren haben Naturfreunde den Störchen hier eine neue Wohnung angeboten. Der Energieversorger hatte die alten Stromleitungen durch Erdkabel ersetzt und die Masten aus dem Dorfbild verschwinden lassen. Die Mitglieder des Calauer Regionalverbandes des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) haben reagiert. Denn hier war zuvor der erste Versuch zweier Störche gescheitert, ein Nest zu bauen. Eine Nisthilfe mit Rohbau, einem handgefertigten Weidenkorb, ist aufgestellt worden. Und diese beherzte Aktion ist in diesem Sommer von Erfolg gekrönt worden: Erstmals sitzen Junge im Nest. Das ist für Jürgen Jentsch, den Artenschutzbeauftragten des Landkreises Oberspreewald-Lausitz und auch ehrenamtlich engagierten Naturfreund, eines der bisher freudigsten Ereignisse. "Störche hatten den Mast am Dorfplatz eigentlich schnell angenommen, aber bisher nicht erfolgreich gebrütet", erzählt er. Im Mai sei zwar erst spät Hochzeit gefeiert worden in luftiger Höhe. Aber die beringten Altstörche, deren Herkunft noch erkundet wird, haben nun zwei Junge großgezogen. Und das ist eine sensationell schöne Storchengeschichte. Wegen Futtermangels war Nachwuchs zuvor aus dem Nest gestoßen worden. Im Wonnemonat war zudem ein heftiger Kampf um den Horst entbrannt, der Schlimmes befürchten ließ. Das neue Bolschwitzer Pärchen aber hat sich behauptet. Zur Freude der Dorfbewohner.

Insgesamt aber bleibt die Lage ernst. Der Verlust an feuchten Biotopen und von Brachflächen mit geringem Aufwuchs, die dem Storch die Sicht auf den Boden und damit auf Nahrung von der Laus bis zur Ratte gewähren, vertreibt die Vögel aus der Region. Der großflächige Raps- und Maisanbau entzieht dem Weißstorch zudem die Lebensgrundlage. Denn die intensive Landwirtschaft mit dem Einsatz von Pflanzenschutz- und auch wachstumsfördernden Mitteln drängt Kleinstlebewesen in Feld und Flur zurück. Adebar jagt etwa im Umkreis von zehn bis maximal 20 Kilometern um den Horst. Die nach drei bis vier Jahren geschlechtsreifen Störche kehren zwar in die Region des elterlichen Nestes zurück, lassen sich aber in an Nahrung armen Gegenden nur schwer dauerhaft nieder. Das ist in der Lausitz deutlich spürbar.

Und der Klimawandel, der mit der Zunahme extremer Wetterlagen immer öfter zuschlägt, erschwert den Storchenpaaren die Aufzucht der Jungen enorm. Regenverluste beim Nachwuchs sind erneut zu beklagen. Und das Massensterben von Nestjungen aus dem Jahr 2013 hat die Population hier auch noch nicht verkraftet. Zwei Dauerregen-Perioden hatten im Mai und Juni 455 Junge dahingerafft. Allein 345 Tiere starben damals innerhalb von zwei Tagen in den Nestern, als sehr kalte Sommernächte hereinbrachen. Denn die Storcheneltern waren nicht in der Lage, den Nachwuchs mit der eigenen Wärme zu schützen. 32 Jungstörche sind damals auch in und um Senftenberg gestorben. Von 16 Paaren, die gebrütet hatten, blieben 13 ohne Junge. Dieser Verlust ist mit 81,3 Prozent bisher beispiellos. Auch deshalb ist die Freude über das vermutlich nur zwischen Altdöbern und Ortrand gute Storchenjahr 2017 hier groß.

Die ersten Jungstörche verlassen die Lausitz dieser Tage. Die Altvögel folgen Ende August.
Die ersten Jungstörche verlassen die Lausitz dieser Tage. Die Altvögel folgen Ende August. FOTO: Boris Roessler/dpa