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Aus dem Büro an die Eismaschine

Sylke Balzer aus Hermsdorf ist dabei, sich den Traum von der eigenen Eisdiele zu erfüllen. Die Nachbarn warten schon, dass es endlich losgeht.
Sylke Balzer aus Hermsdorf ist dabei, sich den Traum von der eigenen Eisdiele zu erfüllen. Die Nachbarn warten schon, dass es endlich losgeht. FOTO: Rasche/str1
Hermsdorf. Sylke Balzer aus Hermsdorf ist heiß auf Eis und landet sofort einen Volltreffer. Ländliche Fördermittel fließen aus dem europäischen Topf für eine Eismanufaktur mit Hofcafé am Radwanderweg zwischen Guteborn und Ortrand. Andrea Budich

Den eigenen Eisladen, den hatte sie schon als junges Mädchen im Kopf. Dass sie ihren Kindheitstraum jetzt tatsächlich verwirklicht, macht Sylke Balzer (46) einfach glücklich. Sie will und braucht von ihrer Eisdiele nicht leben. Aber ihr Leben soll mit der Eiswerkstatt und dem Hofcafé ein ganzes Stück reicher werden.

Vom Bürojob in der Ruhlander Amtsverwaltung an die Eismaschine. Wochentags Akten, Verordnungen, Beschlussvorlagen. Am Wochenende Waffel oder Becher, Schoko oder Vanille, Eispraline oder Eistörtchen. Dabei ist die zweifache Mutter auf Umwegen zur eiskalten Versuchung gekommen. Die gelernte Maschinistin für Wärmekraftwerksanlagen aus dem Braunkohlekombinat Senftenberg muss nach der Wende umsatteln und landet durch Zufall im Landratsamt in Senftenberg. Aus der Bergfrau wird eine sattelfeste Verwaltungsfachangestellte. Weil sie schon immer durchzieht, was sie anfängt, hängt sie den Verwaltungsfachwirt und später das Diplom in Betriebswirtschaftslehre ran.

Der Traum vom Eis und die Liebe zu allem Süßen geht ihr dabei nie ganz aus dem Kopf. Ihr Repertoire reicht von selbstgemachten Pralinen, Marmelden, Kuchen und hausgemachten Limonaden. Irgendwann fängt sie an, auch mit Eis zu experimentieren. Doch die ersten Versuche mit ihrer Haushalts-Eismaschine misslingen. Sylke Balzer lässt sich davon nicht entmutigen und trägt sich kurzerhand ins Eis-Seminar an der Eisfachschule in Wildau ein. Dort lernt sie alles Handwerkliche rund um die Eisproduktion. Das erste, was sie macht, als sie wieder heim kommt, ist die klare Ansage an ihre Familie: "Wir machen jetzt eine Eisdiele." Als nächstes verkauft sie ihre Küchen-Eismaschine, weil sie damit niemals das Eis herstellen kann, das ihr vorschwebt. Stattdessen fährt sie nach Feierabend und an Wochenenden regelmäßig zur Eisfachschule und probiert sich bei Praxistagen aus, an denen ihr immer ein exzellenter Fachmann zur Seite steht. Die Kostproben, die sie vom selbstproduzierten Eis mitbringt, überzeugen schlagartig Tochter, Sohn, Ehemann und Arbeitskollegen.

Damit der süße Traum kein Traum bleibt, bringt sie ihre Eiswerkstatt-Idee zu Papier und reicht zwei Wochen vor Abgabefrist einen Fördermittelantrag ein. Hoffnung auf einen Förderzuschuss zum 100 000 Euro-Vorhaben macht sie sich wenig. "Dafür bin ich viel zu unbeleckt rangegangen", sagt sie heute. Einen Sprung auf die Liste der regionalen Prioritäten hatte sie sich damit nicht ausgemalt. Aber Sylke Balzer landet auf Anhieb einen Volltreffer. Am 21. Juli liegt der Bescheid des Fördervereins, der die ländliche Entwicklung in der Region steuert, über 41 000 Euro in ihrem Briefkasten.

Seitdem ist Sylke Balzer noch heißer aufs Eis. Der Umbau von zwei Kellerräumen ihres Wohnhauses in Hermsdorf zum Eislabor ist angelaufen. Die Technik für die Eisproduktion ist bestellt - von der Eismaschine über den Pasteurisator und Schockfroster bis zur Eisvitrine. Das Holzhaus, in dem sie ihr Eis verkaufen will, wird in zwei Wochen gestellt.

Das erste selbst produzierte Eis soll im September verkauft werden. Bis dahin will Sylke Balzer noch möglichst viele regionale Erzeuger mit ins Boot holen. Ihre Milch, das steht bereits fest, liefern die 400 Holsteiner Friesen aus dem Tettauer Kuhstall der Agrargenossenschaft Frauendorf. Auch Eier und Honig sollen von Bauern der Region kommen, ein Teil der Früchte vom Spargel- und Beerenhof in Ponickau.

"Ich will Eis, in dem noch richtig was drin ist", erklärt die Eisliebhaberin ihren Anspruch an gute Zutaten. Dazu gehört auch das Rückbesinnen auf regionale Früchte wie Holunder, Schlehe und Mirabelle. Sylke Balzer will mit ungewöhnlichen Zutaten experimentieren. Ihr Orangen-Sorbet mit Möhren und Ingwer steht dafür. "Lebensmittel neu zu erfinden - darauf freue ich mich", sagt sie und kann es kaum noch erwarten, die Eismaschine zum Laufen zu bringen. Ob Ananas-Minze oder Erdbeer-Balsamico-Eis - mit viel Kreativität will sie Bekanntes neu kombinieren. Aber Sylke Balzer weiß auch genau, was es in ihrer Eisdiele nicht geben wird. Das blaue Schlumpfeneis zum Beispiel. Der Verzicht auf künstliche Aromen, Farbstoffe und Konservierungsstoffe ist ihr sehr wichtig.

Weil sie sich selbst viel Freiraum fürs Experimentieren geben will, hat sie sich eine extra große Eisvitrine mit Platz für mehr als zehn Eissorten ausgesucht. Wenn ihre eiskalten Träume gut anlaufen, dann plant sie, später auch Hotels und Gaststätten zu beliefern. Ein Stück von ihrer Leidenschaft für gutes Eis will sie bei Eistorten- und Eispralinenkursen im Hofcafé weitergeben.

Beruflich indes soll alles beim Alten bleiben. Die Chefin für Soziales und Finanzen im Amt Ruhland wird erst nach Feierabend zur leidenschaftlichen Eismacherin. Einen schöneren Ausgleich zum Job kann sich Sylke Balzer jedenfalls nicht vorstellen.

Die Eiswerkstatt wird im Keller eingerichtet. Sohn Lukas (15) hilft dabei.
Die Eiswerkstatt wird im Keller eingerichtet. Sohn Lukas (15) hilft dabei. FOTO: str1