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"Aufsteh'n, aufeinander zugeh'n"

FOTO: privat
Vor einigen Jahren las ich folgende kurze Geschichte: "Der Bus war sehr voll. Viele Leute standen auf dem Mittelgang.

Einige schimpften. Ihre Wut richtete sich auf einen Jungen von etwa 15 Jahren. Er saß auf einem der vorderen Plätze. ‚Der Bengel soll aufstehen und einem Älteren Platz machen!‘

Drei Haltestellen weiter wartete eine Frau mit einem leeren Rollstuhl. Der Busfahrer stand auf, ging zu dem Jungen und nahm ihn auf den Arm. Vorsichtig trug er ihn zum Rollstuhl. Der Junge hatte verkrüppelte Beine."

Was hindert uns, aufeinander zuzugehen und miteinander zu reden? Ganz gewiss hätten plötzlich alle Fahrgäste im Bus Verständnis. Ja, sie hätten den Jungen sofort gegen jede Beschuldigung in Schutz genommen. Wir alle wären doch bereit, ihm unseren Platz anzubieten.

Eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern steht unbeholfen im Supermarkt. ‚Ausländerschlampe!‘ schimpfen die einen. ‚Geh dahin zurück, wo du hergekommen bist!‘ raunen die anderen. Was hätte sie uns zu erzählen? Und die alte Oma im Nachbarhaus, hat sie etwa ein ähnliches Schicksal durchlitten wie diese junge Frau?

"Aufsteh'n, aufeinander zugeh'n, voneinander lernen, miteinander umzugeh'n." so singt der Liedermacher Clemens Bittlinger und lädt uns ein, seinen Worten zu folgen.

"Aufsteh'n, aufeinander zugeh'n" - ich finde: ein schöner Vorschlag in einer Welt, die immer weiter auseinanderzudriften scheint.

*Pfarrer, evangelische Kirchengemeinden Ruhland und Hermsdorf