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| 17:22 Uhr

Museum Senftenberg
Auf Urlaubsreise in die Vergangenheit

Das ist ein Thermobehälter für Eis, weiß Jenny Linke (l.),  Öffentlichkeitsmitarbeiterin der Museen des Oberspreewald-Lausitz-Kreises. Sie kennt ihn noch aus dem Haushalt ihrer Eltern und Großeltern. Mareike Linnemeier, Kuratorin der neuen Sonderausstellung auf Schloss und Festung Senftenberg, hofft, dass dieser Wiedererkennungseffekt bei vielen Exponaten die Besucher berührt und ins Gespräch bringt. Mit zwei Zelten wollen die Ausstellungsmacher auf den großen Anteil individueller Reiseformen in der DDR aufmerksam machen.
Das ist ein Thermobehälter für Eis, weiß Jenny Linke (l.), Öffentlichkeitsmitarbeiterin der Museen des Oberspreewald-Lausitz-Kreises. Sie kennt ihn noch aus dem Haushalt ihrer Eltern und Großeltern. Mareike Linnemeier, Kuratorin der neuen Sonderausstellung auf Schloss und Festung Senftenberg, hofft, dass dieser Wiedererkennungseffekt bei vielen Exponaten die Besucher berührt und ins Gespräch bringt. Mit zwei Zelten wollen die Ausstellungsmacher auf den großen Anteil individueller Reiseformen in der DDR aufmerksam machen. FOTO: Heidrun Seidel
Senftenberg. Vom Ferienlager über Camping bis zum Interhotel – die neue Sonderausstellung in der Senftenberger Festung erinnert an den Urlaub in der DDR. Von Heidrun Seidel

Zwei bis drei Tage seines Aufenthaltes sollte der künftige Urlauber schon für handwerkliche Tätigkeiten in der Unterkunft einplanen, wenn er  den Ostseeurlaub bekommen wolle. Und die nötigen Fliesen oder andere Raritäten dafür natürlich auch noch mitbringen. Das ist eine der Geschichten, von denen die neue Sonderausstellung auf Schloss und Festung Senftenberg berichtet. Ein Meuroer hat sie der jungen Ausstellungskuratorin Mareike Linnemeier berichtet. Er gehörte zu den knapp 500 DDR-Bürgern, die sich auf  eine Kleinanzeige für ein Urlaubsdomizil an der Ostseeküste arglos gemeldet hatten. Der private Vermieter habe darin diese Unterkunft angeboten und dann den „Bewerbern“ auf einem Ormig-Abzug (eine zu DDR-Zeiten übliche hektografische Vervielfältigung)  unverfroren seine Bedingungen gestellt. Dass das wohl ein besonders extremes Beispiel dafür ist, welche Blüten der Mangel an Ostseeurlaubsplätzen mitunter trieb, weiß die studierte Historikerin, die für zwei Jahre ein Volontariat am Kreismuseum absolviert. Sie hat die Ausstellung wissenschaftlich konzipiert, bereits vorhandene Studien, Exponate und Filme zum Thema „Urlaub in der DDR“ gesichtet und sie, angereichert mit den Berichten und Erzählungen der regionalen Zeitzeugen, zu einer anregenden Ausstellung aufgearbeitet.

So werden sich viele Besucher der reiferen Generation angesichts der originalen Ausstellungsstücke daran erinnern, wie sie sich mit Rucksack oder Reisetasche aufgemacht haben in Ferienlager nach Oppach,  Markersbach oder sonst wohin, um  zwei oder drei Wochen mit neuen Freunden um die Wette zu schwimmen, zu laufen oder abends Gruselgeschichten zu erzählen.

Andere mögen vor den beiden aufgebauten Zelten stehen und vom Campingstuhl bis zur Luftmatratze, vom Spirituskocher bis zur Thermoskanne Gegenstände erkennen, die sie selbst besessen haben oder aus Großmutters Schrank kennen. Und manch einem wird bei all den schönen Jugend-Erinnerungen einfallen, dass es Jahr für Jahr auch immer ein Bangen war, ob der bei der zentralen Zeltplatzvermittlung beantragte Zeltplatz auch bewilligt würde. Denn: Auch in Sachen Urlaub war im Laufe der 40 DDR-Jahre immer wieder Mangel zu spüren.

Alle fünf Jahre, so die Statistik, hätten Beschäftigte einen FDGB-Ferienplatz in einem der Ferienheime bekommen können. Von denen soll es, wie der Spiegel berichtete,  zwar Ende der 80er-Jahre 680 mit etwa 130 000 Betten gegeben haben, dennoch waren das weniger als 20 Prozent der Unterkünfte. Vor allem betriebliche Erholungseinrichtungen und staatliche Campingplätze (etwa 500, von denen einige  bis zu 5000 Stellplätze hatten) sollen den Bedarf zu decken versucht haben. Denn der war groß und  die Urlaubsziele begrenzt; für viele aufs eigene Land, aber auch auf einige der sozialistischen Nachbarländer. Da hatte es den DDR-Bürgern besonders Ungarn angetan, das mit westlichem Flair und begehrten Gütern lockte. Allerdings hatten die DDR-Urlauber nur wenig DDR-Mark in ungarische Forint tauschen dürfen und fühlten sich so oft benachteiligt. Beim Rundgang durch die Ausstellung werden so auch Erinnerungen wach, wie  mitgebrachte Tütensuppen oder Wurstbüchsen aus der Heimat  den Forint-Etat schonen sollten, um sich eventuell auf dem Siofóker Markt einen besonders schicken Pullover kaufen zu können.

Ob beim Thema Interhotel oder den MS „Völkerfreundschaft“ und „Arkona“, bei Jugendtourist oder Tourex – die Ausstellung zeigt einerseits, dass Urlaub in der DDR durchaus eine große Rolle spielte und sich der Staat die Umsetzung des in der Verfassung verbrieften Rechts auf Erholung durchaus etwas kosten ließ. 500 Millionen Mark sollen es beispielsweise 1988 gewesen sein. So hat der Feriengast höchstens ein Drittel der wirklichen Kosten für einen Ferienplatz gezahlt.

Auch Plätze in Kinderferienlagern waren für einen eher symbolischen Preis zu haben. Andererseits waren Grenzen gesetzt. Die westliche Welt gehörte fast gar nicht zu möglichen Reisezielen. Afrika, Amerika, Australien schienen unerreichbar. Und in den ersten beiden DDR-Jahrzehnten, so hat die Kuratorin ausfindig gemacht, wollte der Staat mit organisierten Sport- und Kulturveranstaltungen auch noch ganz gern bestimmen, wie die Urlauber sich erholen sollten.

 Deshalb, so sind sich Jenny Linke, Öffentlichkeitssprecherin der Museen im Oberspreewald-Lausitz-Kreis, und Volontärin Mareike Linnemeier einig, wird es viel Gesprächsstoff mit „Weißt du noch“ und „Das kenn ich auch“ vor den Vitrinen und Ausstellungsstücken geben. Immerhin ist angesichts grellbunter Kataloge und fast täglicher verlockender Reiseangebote im E-Mail-Postfach vieles in Vergessenheit geraten. Heute schränken eher Geldbeutel oder politische Unsicherheiten das Reiseverhalten ein.  Mit zwei Sommerkino-Veranstaltungen („Heißer Sommer“ und „Und nächstes Jahr am Balaton“), mit Erlebnisführungen und museumspädagogischen Angeboten wollen die Ausstellungsmacherinnen die Erinnerungen beleben und die Diskussion befördern.

Dazu beitragen werden sicherlich auch die Vitrinen, die ein wenig von der Entwicklung des Senftenberger Sees als DDR-Erholungsgebiet und Ersatz-Ostsee erzählen und auch die mit manch merkwürdigen Urlaubs-Utensilien von der blumigen Gummi-Badekappe bis zum Reisebügeleisen ebenso wie die skurrilen  Urlaubsmitbringsel.

Die Ausstellung wird zunächst bis zum 11. November und dann vom 24. November bis zum 3. März 2019 zu sehen sein. Nach einer Umbauwoche im November soll im großen Schlosssaal mit noch mehr Exponaten und Schautafeln der Urlaub in der DDR veranschaulicht werden. Vielleicht haben die Museumsleute dann auch die Chance, die vielfältigen Betriebsferienheime der Senftenberger Region noch stärker zu beleuchten.

Platz war in der kleinsten Leinwandvilla. Camping entwickelte sich schon ab den 50er-Jahren zu einer echten und sehr beliebten Alternative angesichts fehlender Urlaubsplätze.
Platz war in der kleinsten Leinwandvilla. Camping entwickelte sich schon ab den 50er-Jahren zu einer echten und sehr beliebten Alternative angesichts fehlender Urlaubsplätze. FOTO: Museum / privat
Durften in den 60er- und 70er- Jahren nicht im Urlaubskoffer fehlen: Badekappe und Blümchen-Pantolette.
Durften in den 60er- und 70er- Jahren nicht im Urlaubskoffer fehlen: Badekappe und Blümchen-Pantolette. FOTO: Museum OSL