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Auf einer Zeitreise zur alten grünen Insel

Oliver Dittrich, Julie Fütz und Daniel Kneiseler (v.l.) schlendern durch die Slawensiedlung. Das Trio zählt zum Mitarbeiterstamm "Lausitzer Zeitreisen".
Oliver Dittrich, Julie Fütz und Daniel Kneiseler (v.l.) schlendern durch die Slawensiedlung. Das Trio zählt zum Mitarbeiterstamm "Lausitzer Zeitreisen". FOTO: uhd1
Koyne. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Die Station heute: Koyne. Uwe Hegewald

Wer die Geschichte der Lausitz hautnah erleben will, der sollte sich auf den Weg nach Koyne machen. Koyne? Nie gehört. Wo bitteschön liegt das denn?

Reiner Winkler kennt die Antwort: "Koyne ist eine Siedlung des Ortsteiles Kleinleipisch in der Stadt Lauchhammer." Genau genommen sind es eigentlich zwei Siedlungen, fügt der Ortsvorsteher von Kleinleipisch an und verweist auf das Objekt "Lausitzer Zeitreisen". Spätestens jetzt dürfte bei vielen Leuten der Groschen fallen, gilt die Anlage doch als beliebtes Freizeit- und Feriendomizil. "Wir beherbergen Ferienkinder, veranstalten Projekttage, Klassentreffen, Workshops und hatten auch schon ein Cousinen-Treffen organisiert", erzählt Julie Fütz von der Hausleitung. In der Kernstadt Lauchhammer aufgewachsen, zog es sie zum Studium im Fachgebiet Museumswissenschaften nach Leipzig, um sich jetzt im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes im Objekt einzubringen.

Was sie in den ersten Wochen ihrer Dienstzeit bereits resümiert: "Die Leute, die hier arbeiten, sind mit Herzblut und Leidenschaft dabei." So dürften es auch Besucher wahrnehmen - wie sonst wäre die Liste der Reservierungen schon jetzt für diesen Sommer gut gefüllt. "Im Juli erwarten wir wieder eine internationale Delegation mit Leuten aus England, Frankreich und der Schweiz", kündigt Julie Fütz an.

Oftmals stehen Gäste vor der Qual der Wahl: Ziehen wir nun ins Tipi-Dorf ein, in eines der Lehmfachwerkhäuser, in die Wagenburg oder ins Slawendorf, dem inoffiziellen Stammlager derer vom Verein Eysenkraut? Bis ins Jahr 2002 reichen die Ursprünge der "Lausitzer Zeitreisen", die im Verein "Lausitzer Wege" fortbestehen.

"Mit 21 ABM-Kräften sind wir damals ins leer geräumte Schulgebäude von Grünewalde eingezogen und haben quasi bei Null angefangen", sagt Sigrid Groß. "Um die Räumlichkeiten einigermaßen freundlich zu gestalten, wurde auch schon mal an Sperrmülllagern gestoppt", sagt die Frauendorferin. Auch Klaus Bodis zählt zu den Engagierten der ersten Stunde. Er kann sich sogar noch an das Datum des schrittweisen Umzuges von Grünewalde nach Koyne erinnern. "Im Jahr 2007 war das. Für das Senftenberger Museum hatten wir das Rad einer Kanone zur Reparatur, als Sturmtief Kyrill in Lauchhammer eine Schneise der Verwüstung hinterließ", so Bodis. Dass Koyne selbst mit verwüsteten Gegebenheiten zu kämpfen hatte, liegt Jahrzehnte zurück.

Wie Ortsvorsteher Reiner Winkler berichtet, "war das Dorf vor 80 Jahren von Tagebauen umgeben und wenig attraktiv". Koyne war wie Kleinleipisch als Insel inmitten der Abraumwüste stehen geblieben. Seit 82 Jahren lebt Horst Harder auf dieser "Insel" und dürfte sich selbst "Robinson Crusoe von Koyne" nennen. Doch der drahtige Mann ist bekennender Bergmann. "Die Eltern sind 1928 aus Ostpreußen hierher gekommen. In der Kohle wurden immerzu Leute gesucht", erzählt er. Mit 14 Jahren habe auch er im Bergbau angeheuert und noch im selben Jahr einen schmerzlichen Verlust hinnehmen müssen. 1948 kamen vier Bergleute bei einem Grubenwehreinsatz im Schacht des Tagebaus Koyne ums Leben - unter ihnen sein Vater. "Die Kerle wollten anderen Kumpeln zur Hilfe eilen und kehrten selber nicht mehr zurück", erinnert sich Horst Harder. Und auch daran kann sich der "Stammesälteste" aus Koyne sehr gut erinnern: "22 Familien lebten 1945 im Dorf. Mit den Flüchtlingsfamilien wuchs die Zahl auf 40. Es gab im Ort sogar mal einen Karnevalsverein", erzählt er. Heute leben neun Familien in Koyne, wo kaum noch etwas an Bergbauzeiten erinnert. Auch nicht an die einstige Anordnung der Wohnhäuser in Hufeisenform, die das Dorf zu einem großen Dreiseitenhof gestalteten. Üppiges Grün und stattliche Bäume vermitteln einen Hauch von dem, wie es dort vor bergbaulichen Zeiten ausgesehen hat. Ein Forsthaus, das bis heute existiert und in dem vor einigen Jahren eine junge Familie eingezogen ist, gilt als ältestes Gebäude im Ort. Keine Autos, keine Bahn oder etwa Flugzeuglärm durchbrechen die Stille, die allein durch das Zwitschern der Vögel hörbar wird. Das ist Entschleunigung pur. Die hinter der Wohnsiedlung liegende Bergbaufolgelandschaft benötigt noch etwas Zeit zum Regenerieren, wie der unweit entfernte Koynesee. Seine Wasserqualität wird jedoch als "extrem sauer" eingestuft. "Dort sollte keiner freiwillig seine Füße reinstecken", erklärt Bergarbeiter-Urgestein Horst Harder. Die Gegend um Koyne ist bei Pilzsammlern und Spaziergängern beliebt - aber Vorsicht ist geboten.

Zum Thema:
Koyne zählt 20 Einwohner. Eine frühere Besiedlung des Gebietes wurde durch Funde in Hügelgräbern bei Koyne nachgewiesen. Die Funde stammen aus der Bronzezeit von 1400 bis 400 vor Christi. Zudem stand der Ortsname Pate für die frühe Fachliteratur für Bergbaufolgelandschaften. Erschienen ist die Broschüre "Das Koyne-Verfahren zur Wiedernutzbarmachung von Kippen des Braunkohlenbergbaues bereits im Jahr 1966. Die Elektrofirma von Harry Reisewitz ist das einzige im Ort ansässige Unternehmen.