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| 02:43 Uhr

Auf dem Weg zurück ins eigene Leben

Patient Franz Mende (l.) aus Großräschen bespricht mit seinem Therapeuten Martin Felgentreu den Trainingsplan. Das vom Fraunhofer Institut entwickelte Telematik-Therapieverfahren haben die Geschäftsführerin der Klinikum Campus GmbH, Simone Weber-Karpinski (r.), und der leitende Arzt der Stroke Unit, Prof. Fritjof Reinhardt (2. v. r.), nach Klettwitz geholt.
Patient Franz Mende (l.) aus Großräschen bespricht mit seinem Therapeuten Martin Felgentreu den Trainingsplan. Das vom Fraunhofer Institut entwickelte Telematik-Therapieverfahren haben die Geschäftsführerin der Klinikum Campus GmbH, Simone Weber-Karpinski (r.), und der leitende Arzt der Stroke Unit, Prof. Fritjof Reinhardt (2. v. r.), nach Klettwitz geholt. FOTO: Steffen Rasche/str1
Klettwitz. Mit einem ambulanten Telematik-Rehazentrum beschreitet das Klinikum Niederlausitz neue Wege in der Langzeitbehandlung von Schlaganfall-, Parkinson- oder Schwindelpatienten. Herzstück ist ein vom Fraunhofer Institut Berlin entwickeltes Trainingsprogramm. Für 2017 stehen bereits 150 Patienten auf der Warteliste. Andrea Budich

Das größte Glück für Franz Mende (61) aus Großrä schen ist, dass er endlich wieder spürt, was ihm wirklich gut tut. Nach seinem Schlaganfall im Hirnstammbereich vor vier Jahren war nichts mehr wie es war in seinem Leben. Der Maurer konnte sich nicht mehr bücken, sich nicht drehen, musste sich beim Treppensteigen am Geländer hochziehen und hatte seitliche Ausfallschritte beim Gehen. Die nach der Akutbehandlung auf der Stroke Unit in Senftenberg folgende dreiwöchige Reha an der Ostsee änderte daran nicht wirklich etwas. Die Klinik weit weg, kein aufmunternder Besuch von daheim, die Reha-Gruppe viel zu groß und nicht auf seine persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten. Frank Mende wollte sich schon aufgeben, bis er sein Problem in der Sprechstunde von Prof. Fritjof Reinhardt in der Senftenberger Schwindel- und Sturzambulanz anspricht.

Seitdem trainiert er bis zu dreimal in der Woche im neuen ambulanten Telematik-Therapiezentrum am Familiencampus Klettwitz. Der Weg ist kurz, die Gruppe klein, der Trainingsplan maßgeschneidert und jederzeit von seinem persönlichen Therapeuten Martin Felgentreu korrigier- und anpassbar. "Die ambulante Betreuung passt einfach in meinen Alltag", sagt der Rentner. Vom sichtlich zufriedenen Professor bekommt er ordentliche Fortschritte bescheinigt, die es im nächsten Schritt sogar erlauben würden, das Gerät zu Hause alltagsintegriert unabhängig von festen Übungsstunden zu nutzen.

Idee aus San Francisco

Der Großräschener Rentner hat inzwischen zu seinem alten Leben zurückgefunden. Die Ausfallschritte sind weg, das Drehen im Kopf auch, und die Treppenstufen schafft er wieder ohne den Griff zum Geländer.

Zurück ins eigene Leben geführt hat Franz Mende das Herzstück des ambulanten Trainingszentrums: ein eigens vom Fraunhofer Institut entwickeltes Telematiksystem. Die Idee stammt aus San Francisco, die technische Umsetzung aus Berlin. "Wir führen die Patienten an das interaktive Therapieprogramm heran. An einem Ort, der nicht Krankenhaus ist, aber dazugehört", erklärt die Chefin vom Familiencampus Klettwitz, Simone Weber-Karpinski.

Dabei handelt es sich um keine Telemedizin im klassischen Sinne. In Klettwitz haben die Fernseh-Bildschirme eine Seele. Das sind Physiotherapeut Martin Felgentreu und Ergotherapeutin Maria Fränkel - beide den Patienten aus dem Senftenberger Krankenhaus bekannt. Sie korrigieren, leiten an und greifen ein, wenn der Trainingsplan nicht korrekt abgearbeitet wird, wenn Arme oder Beine von den auf dem Bildschirm dargestellten Positionen abweichen. Wie gut das seit 2016 eingeführte Therapieverfahren den Patienten tut, erlebt Physiotherapeut Martin Felgentreu bei den zweieinhalbstündigen Trainingseinheiten immer wieder. "Die Erfolge sind so motivierend, dass die Patienten dafür weite Anfahrtswege in Kauf nehmen", bestätigt er.

Suche nach Partnern gestartet

Die Wirkung der ambulanten Telematik-Reha ist bereits in zwei Promotionen nachgewiesen worden. Beide kommen zu dem Ergebnis, dass die Patienten dank des speziellen Trainingsplans selbstständiger werden und der sogenannte Drehtür-Effekt seltener wird. Nach der erfolgreichen Einführung hat jetzt die Suche nach Partnern bei der Deutschen Rentenversicherung und bei Krankenkassen begonnen. Nachdem im Vorjahr der Schwerpunkt auf Patienten mit Schwindel und Sturzneigung lag, verschiebt sich der Fokus in diesem Jahr auf Parkinson-Patienten sowie auf chronische Schmerzpatienten. 150 Betroffene stehen bereits auf der Warteliste. Sie stammen bis aus Dresden und Berlin.