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| 21:41 Uhr

Heimatkunde
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Hier präsentiert Helmut Ruhland einen uralten Ortsplan von Kleinkoschen. Vor rund 130 Jahren sprachen alle Einwohner Sorbisch/Wendisch. Manche Wörter haben Eingang in den Niederlausitzer Dialekt beziehungsweise in die Senftenberger Mundart gefunden.
Hier präsentiert Helmut Ruhland einen uralten Ortsplan von Kleinkoschen. Vor rund 130 Jahren sprachen alle Einwohner Sorbisch/Wendisch. Manche Wörter haben Eingang in den Niederlausitzer Dialekt beziehungsweise in die Senftenberger Mundart gefunden. FOTO: Richter-Zippack
Kleinkoschen. Rund um Senftenberg sprechen die Einheimischen eine besondere Mundart. Der Kleinkoschener Helmut Ruhland pflegt diese Sprache von Geburt an. Von Torsten Richter-Zippack

„Also ich käme mir richtig blöd vor, müsste ich reines Hochdeutsch sprechen“, stellt Helmut Ruhland gleich mal klar. Der 79-jährige Kleinkoschener und Vorsitzender des örtlichen Heimatvereins weiß im wahrsten Sinne des Wortes, von was er spricht. „Auf unserem Hof wird seit Generationen die Senftenberger Mundart gepflegt“, erklärt Ruhland. Da heiße es eben mal „ich weeß nich“, statt „ich weiß nicht“. Oder aber werde „gepietscht“ statt „getrunken“. Zudem fahren die Kinder „mit’s Rad nach Schule“, anstatt sich mit dem Fahrrad zur Schule zu begeben. Doch was ist die Senftenberger Mundart überhaupt? „Eine Art Dialekt mit deutschen und wendischen Begriffen und Grammatik“, erklärt Helmut Ruhland. Und „Senftenberger Mundart“ sei womöglich auch nicht der korrekte Begriff, sprächen doch auch die Einheimischen um Hoyerswerda, Spremberg und Cottbus so ähnlich.

„Im Jahr 1884 haben bei uns in Kleinkoschen noch alle Einwohner Wendisch gesprochen“, weiß Helmut Ruhland. Das hatte der sorbische Sprachwissenschaftler Arnost Muka (Ernst Mucke) auf seinen Wanderungen durch die Region herausgefunden. Heute dürfte im 550-Einwohner-Ort am Senftenberger See so gut wie keiner mehr die westslawische Sprache beherrschen. Dennoch, so sagt Heimathistoriker Ruhland, der auch die Chronik von Kleinkoschen verfasst hat, hätten sich viele wendische Wendungen im hiesigen Dialekt erhalten. So stamme beispielsweise das Wort „pietschen“ vom sorbischen „pic“ (gesprochen „pietsch“) ab. Und da im Sorbischen keine Artikel verwendet werden, seien diese in der Senftenberger Mundart auch verzichtbar. Beispiel gefällig? „Ich gehe in Schule“.

Helmut Ruhlands dialektisches Vorbild ist der einstige Senftenberger Gymnasiallehrer Paul Wilke. Der hat durch seine mundartlichen Erzählungen wie „Alte Stadtmaua“ oder „Niemtscher Pusch“ eine gewisse Bekanntheit erlangt. „Meine Cousine heiratete im Jahr 1947 den Sohn von Lehrer Wilke“, erzählt Helmut Ruhland. Das Paar lebte in Kleinkoschen im letzten Gehöft vor dem Ortsausgang in Richtung Lieske. Als weitere hiesige Mundartdichter führt Ruhland Namen wie Johann Brasa aus Reppist sowie Paul Mudrick an.

Die Ruhlands sind indes bereits seit den Jahren 1893/1894 auf dem bis heute in Familienbesitz befindlichen Gehöft in der Ortsmitte von Kleinkoschen ansässig. „Vorher handelte es sich um das Anwesen Mirschinka. In einem uralten Holzbalken haben wir die Jahreszahl 1494 gefunden“, sagt Helmut Ruhland. Zum Vergleich: Kleinkoschen ist anno 1410 erstmals urkundlich erwähnt worden. Ruhlands Frau kommt aus Gubinchen, heute Gubinek, also ebenfalls eine gebürtige Niederlausitzerin. Die Mutter von Helmut Ruhland stammt dagegen aus der Oberlausitz, und zwar aus Geierswalde, das allerdings nur einen Steinwurf von Kleinkoschen entfernt liegt. „Meine Eltern haben immer so gesprochen, wie sie es von ihren Eltern gelernt hatten. So kam ich vom ersten Lebenstag an mit dem Senftenberger Dialekt in Verbindung“, erinnert sich der heute 79-Jährige. Nicht zuletzt war die Mutter noch des Sorbischen mächtig.

Natürlich sprechen auch die beiden Söhne von Helmut Ruhland den Niederlausitzer Dialekt, ebenso die Enkeltochter. „Manche Leute versuchen ihren Kindern zwanghaft, das Hochdeutsche beizubringen. Das halte ich nicht für richtig. Man muss doch seine Herkunft nicht verleugnen“, kommentiert Ruhland. Der Landwirtschaftsexperte war einst im Senftenberger Landratsamt tätig. „Da haben wir alle die gleiche Mundart gesprochen. Es war selbstverständlich“, erinnert sich der Kleinkoschener. Heute sei dies wohl längst nicht mehr so. Auch im Heimatort Kleinkoschen sei die Mundart heute nicht mehr so geläufig wie in früheren Jahrzehnten. Grund bilde der massive Zuzug in das Dorf in unmittelbarer Nähe des Senftenberger Sees. Und bereits zu DDR-Zeiten hatten die vielen aus der Fremde in die Lausitz gelockten Arbeiter und Ingenieure der Kohle- und Energiewirtschaft ihre Heimatdialekte mitgebracht. „Ich merke schon nach ein paar Worten, wer von hier stammt und wer eben nicht“, sagt Helmut Ruhland schmunzelnd. Und weiter: „Eenma  Lausitza, immer Lausitza.“