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Ansitz unterm Hintern geklaut

Johannes Köhler (65) aus Großkmehlen zeigt hier einen geschweißten Ansitz bei Kroppen, wie er seinem Jagdkollegen Günther Bruntsch gestohlen worden ist. Der Rentner ist seit dem Jahr 1995 Jäger.
Johannes Köhler (65) aus Großkmehlen zeigt hier einen geschweißten Ansitz bei Kroppen, wie er seinem Jagdkollegen Günther Bruntsch gestohlen worden ist. Der Rentner ist seit dem Jahr 1995 Jäger. FOTO: Feller
Kleinkmehlen. Während im Raum Calau in diesem Jahr eine Jagdkanzel nach der anderen zerstört worden ist, blieb es im Süden des Landkreises Oberspreewald-Lausitz eine lange Zeit ruhig. Bis zum vorletzten März-Wochenende. Seitdem fehlen im Revier Kroppen ein Eisenansitz und eine lange Metallleiter. Manfred Feller

Günther Bruntsch aus Kleinkmehlen kann seine Aufgabe als Jäger nicht mehr voll erfüllen. Unbekannte haben in seiner 170 Hektar großen Jagdpacht Kroppen-Heinersdorf nicht ganz billige Hilfsmittel einfach abtransportiert. In der Nacht zum 23. März, das war ein Montag, verschwand zuerst eine aus Rohr und Flacheisen geschweißte, transportable, etwa 50 Kilogramm schwere und ungefähr drei Meter hohe Eisenkanzel (Foto). Der Kfz-Elektrikmeister hatte sie selbst zusammengeschweißt und erst im vergangenen Oktober aufgestellt. Wert: etwa 350 Euro.

Eisenleiter verschwunden

Nur eine Nacht später verschwand in seinem Revier, das von teilweise sehr holprigen Feld- und Waldwegen durchzogen ist, eine schwere, fünf Meter lange, konische Eisenstehleiter für eine Jagdkanzel. "Zwei Männer haben mit den zweieinhalb Zentnern gut zu tun", weiß der 66-jährige Jäger. Weitere 250 Euro sind futsch.

Der Kleinkmehlener kann sich nicht erklären, welches Motiv hinter dem Zweifachdiebstahl steckt. Waren es einfach nur Diebe, militante Tierschützer oder sogar Jäger aus einem fernen Revier? Fest stehe, dass sie das Gebiet ausgekundschaftet haben und dann mit einem halbwegs geländegängigen Fahrzeug mit großer Ladefläche oder Anhänger vorgefahren sind. Vielleicht hat in der Gegend um Kroppen bis hinein ins Sächsische jemand etwas gesehen? Günther Bruntsch, der erst seit 2002 Jäger ist, hat die Fahrzeugspuren fotografiert und Anzeige erstattet.

Einen einfachen Ersatz aus Holz hinzimmern, das geht nicht. Die Berufsgenossenschaft kontrolliere die Sicherheit, weil auch Unbefugte hinaufklettern könnten. Zudem ist das Metall witterungsbeständiger.

Schießen hat nicht Priorität

Werden Ansitze, Leitern und Kanzeln zerstört, können die Hege- und Pflegeaufgaben eines Jägers nicht erfüllt werden. Dazu gehöre auch der Erhalt der Lebensräume des Wildes, also von Wald und Flur. Auf dem Schießen, das militante Tierschützer auf die Tanne springen lässt, liege nicht das Hauptaugenmerk. "Für einen Schwarzkittel sitzt man bis zu 200 Stunden an", sagt der benachbarte sächsische Jäger Mario Wenzel aus Blochwitz. Als Landwirt wisse er, dass Wildtierpopulationen in Grenzen gehalten werden müssen. "Machen wir das nicht, könnte die Landwirtschaft, so wie wir sie heute kennen, nicht existieren. Es dürften nur Früchte angebaut werden, die zum Beispiel die Wildschweine meiden, wie Gerste, sagt der 56-Jährige. Mensch und Tier leben in keiner Wildnis, sondern in einer Kulturlandschaft.

Das zu verkaufende Wildbret decke längst nicht alle Kosten, die ein Jäger habe. Neben dem Pachtzins und Versicherungen müsse laut Jagdgesetz anteilmäßig auch der Wildschaden auf den Feldern beglichen werden.

Und das kann teuer werden, weiß Walter Beckmann, Vorstand der Agrargenossenschaft "Elster/Pulsnitz" Frauendorf nur zu gut. Wildtiere richten auf den Feldern der Genossenschaft jährlich Schäden in Höhe von 20 000 bis 30 000 Euro an. Den Jägern sei in den vergangenen drei Jahren jedoch nichts in Rechnung gestellt worden. Ohne Jäger müsste der große Landwirtschaftsbetrieb jährlich Wildschäden im Umfang von bis zu 200 000 Euro hinnehmen und kompensieren.

Walter Beckmann zieht den Hut vor den Jägern. Sie opfern nicht nur ihre Freizeit für einen regulierten Wildbestand. Sie sorgen auch dafür, dass nicht willkommene, weil Schaden verursachende Einwandertiere wie Waschbären dezimiert werden, sich nicht noch mehr Wildunfälle durch Überpopulationen ereignen und dass tote Tiere nicht ewig am Straßenrand liegen bleiben und verwesen.

Walter Beckmann weiß von Regionen, wo die Wildschweinschäden in der Landwirtschaft so hoch sind, dass dort mit Blick auf die Schadensregulierung keiner mehr jagen möchte.

Elke Faber, Vorsitzende des Jagdverbandes Senftenberg mit 235 Mitgliedern, weiß aktuell von keinen anderen Fällen außer aus dem Revier Kroppen, wonach weitere Ansitze, Leitern und Kanzeln gestohlen beziehungsweise zerstört worden sind. Sie hofft, dass es dabei für eine lange Zeit auch so bleibt.

Kommentar: Wenn der Jäger nicht mehr schießt