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| 20:04 Uhr

RUNDSCHAU-SERIE MEINE HEIMAT OBERSPREEWALD-LAUSITZ
Seit 63 Jahren hinterm Ladentisch

 Nahezu im Alleingang schmeißen Marita und Otto Burdack ihren Laden. Ein Geschäft im Tante-Emma-Flair mit einer historischen Inventarausstattung aus dem Jahr 1900. Wandregale, Schubläden etc. sind mit dem Bau des Geschäftshauses eingebaut worden und haben zwei Kriege und mehrere Gesellschaftsordnungen überlebt. Marita Burdack steht seit 50 Jahren hinter dem Ladentisch und bringt es bisher auf insgesamt 63 Arbeitsjahre.
Nahezu im Alleingang schmeißen Marita und Otto Burdack ihren Laden. Ein Geschäft im Tante-Emma-Flair mit einer historischen Inventarausstattung aus dem Jahr 1900. Wandregale, Schubläden etc. sind mit dem Bau des Geschäftshauses eingebaut worden und haben zwei Kriege und mehrere Gesellschaftsordnungen überlebt. Marita Burdack steht seit 50 Jahren hinter dem Ladentisch und bringt es bisher auf insgesamt 63 Arbeitsjahre. FOTO: Uwe Hegewald
Altdöbern. „Heimat ist, wo wir unseren Lebensfaden festgemacht haben“, sagt ein Sprichwort. Die RUNDSCHAU besucht Menschen, um zu erfahren, wann, warum und wo sie ihren Lebensfaden im Kreis festgemacht haben. Heute: Marita Burdack (Altdöbern). Von Uwe Hegewald

„Gelernt ist gelernt“, sagt Marita Burdack, wenn sie eine bereits geöffnete Zucker- oder Mehltüte wieder verschließt und auf den Kopf stellt, ohne dass auch nur ein Krümelchen herausrieselt. „Ich hatte einen strengen Lehrmeister, der das perfekte Verschließen von Tüten forderte“, erinnert sich die Altdöbernerin an die Anfänge ihrer Lehrzeit. Im Jahr 1957 ging sie bei der einst renommierten Firma Riedel & Sohn in die Lehre, um sich zur Verkäuferin ausbilden zu lassen. Ein Beruf, den sie mit Leidenschaft ausführt – bis zum heutigen Tag. „1961 bin ich zur HO gewechselt und habe dieser bis zur Wende die Treue gehalten“, berichtet die Altdöbernerin.

Am 1. August 1969 war Marita Burdack ins vertraute Verkaufsgebäude in die Altdöberner Bahnhofstraße 36 zurückgekehrt. „Meine Tante Elisabeth hatte nachgefragt, ob ich mir vorstellen könnte, nach Hause zu kommen. Mit 66 Jahren wollte sie einen Schlussstrich unter ihr Arbeitsleben als Verkäuferin ziehen“, so die Nachfolgerin, die sich nicht zweimal bitten lassen musste.

Schließlich war es der Vater von Marita Burdack, der dort am 16. Oktober 1931 einen Kolonialwarenladen eröffnete. Vergilbte Fotos sind die einzigen Erinnerungen an ihrem Vater, der nicht aus dem Krieg heimkehrte und dessen Name Fritz Brauer einst über der Eingangstür zu lesen war. Heute führt die Tür in eines der außergewöhnlichsten Läden der Lausitz. Die Inhaberin erklärt: „Das Gebäude wurde 1900 bereits mit Geschäftsräumen erbaut. Aus jenem Jahr stammt auch die Inneneinrichtung mit Regalen, Schubfächern und Schüben zum Abstellen von Waren.“

Alles Notwendige für den alltäglichen Bedarf findet seinen Platz, auch der Bautzener Senf, den Marita Burdack schon vor 50 Jahren über die Ladentheke reichte oder das Vollwaschmittel Spee, das seit 1968 auf dem Markt ist. Doch wie kann sich ein so kleiner Laden gegenüber der mächtigen Konkurrenz der Discounter am Leben halten? „Wir machen das, um eine Aufgabe zu haben und aus Kundentreue“, erklärt die Altdöbernerin. „Wir“, dass sind Ehemann Otto und Tochter Andrea, Inhaberin einer Boutique mit Änderungsschneiderei im Nachbargebäude. Otto ist für das Heranschaffen des Warensortiments zuständig. Jeden Donnerstag geht es zum Einkauf in den Großhandel, wo auch kleine Mengen bezogen werden können. „Wir wissen, welche Produkte gefragt sind und von den Leuten gekauft werden. Ladenhüter können wir uns nicht erlauben“, erklärt Marita Burdack ihre Geschäftsphilosophie.

In der zurückliegenden Woche mussten Waren dichter aneinandergerückt werden, um Platz für Dekorationsgegenstände zu schaffen. Die Tafelwaage „Florenz Express“ ist aus der Abstellkammer hervorgeholt worden und viele weitere technische Wegbegleiter der zurückliegenden fünf Jahrzehnte. Auch die legendäre Rechenmaschine hat ihren Platz gefunden. Verwandte hatten diese seinerzeit aus Österreich geschickt und die Burdacks zum glücklichsten Paar der Gemeinde gemacht.

Geht das rastlose Seniorenpaar doch seit fast sechs Jahrzehnten gemeinsam durch dick und dünn. „Es war Liebe auf dem ersten Blick“, flüstert Familienoberhaupt Otto, als seine Marita an der Ladentür eine Cottbuser Freundin samt Jubiläumstorte empfing. Im März 1961 hatte es ihn von Doberlug-Kirchhain nach Altdöbern verschlagen. Geologische Bohrungen für den Tagebau Greifenhain standen an und nach Feierabend die Suche nach einem Lebensmittelgeschäft, um die damals noch erforderlichen Bezugsscheine für 200 Gramm Butter einlösen zu können. Es sollte nicht der einzige Grund gewesen sein, warum der Kirchhainer den HO-Laden häufiger als nötig aufgesucht hat.

Am 19. Januar 1963 wurde geheiratet. „Mitten im Winter, weil wir sonst keine Chance gehabt hätten, das benachbarte leer gezogene Wohnhaus zu erwerben“, begründet er. Den Charme des Tante-Emma-Ladens, in dem sich bekanntlich auch Zeit zum Plaudern mit Kunden genommen wird, hat sich das Paar bewahrt. Als das Brandenburger Fernsehen vor fünf Jahren mit seinem Heimat-Journal in Altdöbern Station machte, durfte ein Dreh in dem altehrwürdigen Haus mit der heutigen Bezeichnung „Lebensmitteleck“ nicht fehlen. Die Frage, wie lange sie in diesem noch Regie führt, kann Marita Burdack selbst nicht beantworten, stellt aber zumindest ein „solange es die Gesundheit zulässt“ in Aussicht. Momentan öffnet sie Dienstag, Donnerstag und Freitag von 8 – 12 Uhr und 14 – 18 Uhr.