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| 09:31 Uhr

Lausitzer Altbergbau
Anwohner vom Pappelweg in Lauchhammer bangen erneut um ihre Häuser

 Der Pappelweg und Teile der Külz-Straße stehen auf altem ungesicherten Kippenland. Die Anwohner müssen um ihre Grundstrücke zittern.
Der Pappelweg und Teile der Külz-Straße stehen auf altem ungesicherten Kippenland. Die Anwohner müssen um ihre Grundstrücke zittern. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Lauchhammer. Das Leben auf der Altbergbau-Kippe in Lauchhammer ist ins Wanken geraten. Anwohner der Wilhelm-Külz-Straße in Lauchhammer-Ost haben nun Gewissheit. Sie werden abgesiedelt. Auch am Pappelweg bangen die Bewohner wieder um ihre Häuser. Von Torsten Richter-Zippack

Die Angst ist in den Pappelweg in Lauchhammer-Ost zurückgekehrt. Denn das Gelände auf altem Kippenland soll erneut von Geotechnik-Experten begutachtet werden. Das Ergebnis ist derzeit völlig offen. Schlimmster Fall wäre eine Absiedlung. „Als wir den Anwohnern die Fakten am Mittwoch mitteilten, habe ich in entsetzte Gesichter geblickt“, sagt Bürgermeister Roland Pohlenz (parteilos). Manche hätten ihn gefragt, ob es sich noch lohne, ihre Wohnung neu zu tapezieren. Andere wollten wissen, ob sie den Garten noch bestellten sollten. Kein Wunder, befürchten die Betroffenen durchaus eine Umsiedlung. „Was bei den entsprechenden Untersuchungen des Gutachters herauskommt, wissen wir erst Ende 2019“, erklärt Pohlenz weiter. Bis dahin säßen die Leute wie auf Kohlen.

Beispielsweise Jürgen Schierz, der seit der Jahrtausendwende ein Haus mit Grundstück am Eingang des Pappelweges bewohnt. „Damals gab es keinerlei Beanstandungen bei der Baugenehmigung“, erinnert sich der 72-Jährige, dessen Vater das Areal bereits vor genau 70 Jahren gekauft hatte. „Ich will jedenfalls nicht ausziehen. Das Grundstück ist meine Lebensaufgabe.“ Schierz betreibt dort die Gaststätte „Zum Fuchsbau“.

Erinnerungen werden an den Advent 2009 wach. Vor fast genau zehn Jahren flatterten überall im Pappelweg rot-weiße Absperrbänder. „Gefahr im Verzug“ hieß es damals. Manche Anwohner durften Teile ihrer Anwesen von heute auf morgen nicht mehr nutzen. Der damalige Präsident des Landesbergamtes, Klaus Freytag, hatte die Aktion als Vorsichtsmaßnahme bezeichnet. Bei Erdbauarbeiten waren Auffälligkeiten im Bodengefüge entdeckt worden. Hinzu kommt das aufsteigende Grundwasser. Rutschungen hätten nicht ausgeschlossen werden können. Grund bildet der Tagebau Lauchhammer III. In dieser Grube wurden in den Jahren von 1898 bis 1921 Kohle gefördert. Zurück blieben ungesicherte Kippen, die später bebaut wurden.

„Wir sollen bereits Ende 2009 unsere Sachen packen und ausziehen“, erinnert sich Jürgen Schierz. „Und unsere Hunde wollte man ins Tierheim verfrachten. Letztendlich konnte die Familie samt ihrer Vierbeiner, ebenso wie ein Dutzend weiterer Parteien doch im Pappelweg wohnen bleiben. Eine Lösung brachte damals ein Brunnensystem, der das Grundwasser seitdem auf einem stabilen Niveau hält. Das ist nach Angaben von Experten jedoch keine Lösung für die Ewigkeit, da das Grundwasser weiter steigt.

Weniger Glück hat indes eine Familie aus einem nur wenige hundert Meter entfernten Abschnitt der Wilhelm-Külz-Straße. Die älteren Herrschaften mussten ihr Klinkerhaus im Februar 2019 verlassen. Nach Wochen in einer Ferienunterkunft sind die Lauchhammeraner diese Woche in eine Mietwohnung umgezogen. „Wir als Stadt haben sie dabei massiv unterstützt“, sagt Bürgermeister Pohlenz. Denn die Zufahrt zum Gewerbegebiet Külz-Straße und das Industrieareal selbst müssen bis zum Jahr 2022 abgesiedelt werden. Das haben geotechnische Gutachten ergeben. Neben vier Wohnhäusern sind 200 Arbeitsplätze betroffen. Eine Arbeitgeberin ist Helga Moldenhauer mit ihrer Glas- und Gebäudereinigung. Mit einer möglichen Entschädigung zum Verkehrswert will sich die Unternehmerin nicht zufrieden geben. „Wir wollen bei der Umsiedlung kein finanzielles Plus machen, aber jeden einzelnen Quadratmeter entsprechend ersetzt haben.“ Genauso dramatisch sei, dass die 63-Jährige noch immer keinen schriftlichen Bescheid für die Umsiedlung in der Tasche hat. „Somit können wir uns ja gar nicht um ein neues Grundstück kümmern.“

Angela Lewerenz von der Gemeinsamen Landesplanung kündigt indes für den heutigen Freitag ein Gespräch in der Bund-Länder-Geschäftsstelle für die Braunkohlensanierung an, unter anderem um ein Entschädigungskonzept auszuhandeln. Denn im Einigungsvertrag aus dem Jahr 1990 gibt es keinen Passus, wie mit Altbergbauflächen aus der Zeit von vor 1945 zu verfahren sei.

Michael Matthes von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) kündigt indes an, nach der Absiedlung auf dem Areal an der Wilhelm-Külz-Straße mittels Rütteldruckverdichtung für dauerhafte Sicherheit sorgen zu wollen. Was anschließend mit den Flächen passiert, sei noch völlig offen.

Bereits im Jahr 2016 mussten über 30 Bewohner der Grubenteichsiedlung in Lauchhammer-West ihre Grundstücke aufgrund der Rutschungsgefahr für immer verlassen. Bürgermeister Roland Pohlenz sagt, dass mehr als die Hälfte seiner Stadt durch den Grundwasserwiederanstieg betroffen sei. „Das ist einzigartig in Brandenburg.“