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| 01:38 Uhr

Als zum letzten Mal in Sauo die Glocken läuteten

Ein Anblick , den es heute nicht mehr gibt: Die Kirche des abgebaggerten Dorfes Sauo. Am Heiligen Abend 1969 fand hier der letzte Gottesdienst statt.
Ein Anblick , den es heute nicht mehr gibt: Die Kirche des abgebaggerten Dorfes Sauo. Am Heiligen Abend 1969 fand hier der letzte Gottesdienst statt. FOTO: privat
38 Jahre sind ins Land gegangen, seitdem in der Sauoer Kirche der letzte Heilig-Abend-Gottesdienst gefeiert wurde. Alle wussten damals, dass es mit ihrem Dorf zu Ende geht. Der Braunkohlenbergbau forderte sein Recht. Doch dass bereits am 24. Dezember 1969 die Glocken der erst 1934 erbauten Kirche zum Abschied läuteten, ahnten nur wenige. Daher war die Stimmung nicht durchweg melancholisch, sondern auch von der Freude auf das Fest geprägt. Von Torsten Richter

„Sehr kalt war es an jenem 24. Dezember des Jahres 1969“ , erinnert sich der ehemalige Sauoer Einwohner Gerd Nitschke. Später sollte der Winter 1969/70 als einer der schneereichsten in die Annalen eingehen. „Wir mussten Heiligabend in der Kirche kräftig mit unserem Kanonenofen einheizen. Allerdings war die Sauoer Kirche sehr groß. Am Ofen konnte man aufgrund der Hitze nicht sitzen, doch am anderen Ende blieb es kalt“ , so Gerd Nitschke.

Erst sieben Monate zuvor geheiratet
Der Ex-Sauoer war beim letzten Heiligabend-Gottesdienst in seiner Heimatkirche als damals 22-Jähriger dabei. „Kein Wunder, meine Mutter hatte schließlich Küsterdienst und unsere ganze Familie war immer sehr kirchlich“ , begründet er. Erst am 10. Mai 1969 hatte Gerd Nitschke in der Sauoer Kirche geheiratet. Seine Frau stammt ebenfalls aus der Bergarbeitergemeinde nordwestlich von Senftenberg. Die Nitschkes wohnten gleich dem Gotteshaus gegenüber in der Dorfstraße 24. Auf dem Weg in die Kirche musste die Familie die Gleise der mitten durch Sauo hindurch führenden Kohlenbahn überqueren.
Das Feuer im Kanonenofen habe Weihnachten 1969 allerdings nur wenige Leute gewärmt. „Damals war die Kirche, die über 100 Plätze bot, keineswegs mehr voll gefüllt“ , erinnert sich Gerhard Nitschke. Ende der 60er-Jahre hatte der Zerfall der Dorfgemeinschaft begonnen. Die Sauoer zogen nach Senftenberg, Großräschen, Schipkau und in andere Orte. In den Jahrzehnten zuvor sei die Kirche am Weihnachtsabend immer bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen. Sogar diejenigen wären erschienen, die sonst mit der Kirche nichts am Hut hatten.
„Wir gehörten mit zu den Letzten, die gegangen sind. 1969 bot unser Dorf schon einen traurigen Anblick. Wir blickten teilweise bereits auf Ruinen, beispielsweise im so genannten ,Millionenviertel', einem Sauoer Vorort“ , erzählt der gelernte Maler. Dennoch sei Pfarrer Pollack in seinem Heiligabend-Gottesdienst nicht auf die bevorstehende Abbaggerung eingegangen. „Es wusste damals kaum jemand, dass es unser letztes Weihnachtsfest in Sauo ist. Die Leute dachten damals alle an die Festtage. So wurden die Abschiedsgedanken vertrieben“ , sagt Gerd Nitschke. Am Harmonium habe eine Frau Gritzbach (geborene Konzack) die beliebten Weihnachtslieder „Vom Himmel hoch, da komm' ich her“ , „Stille Nacht“ oder „Oh' du fröhliche“ gespielt. Vorn am Altar sei auch 1969 ein prächtiger Weihnachtsbaum aufgestellt gewesen. Selbst ein Krippenspiel hätten die Gemeindeglieder organisiert. Im Kirchenschiff habe ein großer Weihnachtsstern heruntergehangen.

Diebstahl und Vandalismus
„Ab 1970 gab es in der Sauoer Kirche keine richtigen Gottesdienste mehr. Wir haben uns lediglich manchmal zum Kirchenchor getroffen“ , erinnert sich Gerd Nitschke. Dann sei im Zuge der Bergbaudevastierung alles sehr schnell gegangen. „Das Altarbild wurde gestohlen. Später tauchte es in einer Gartensparte wieder auf. Das Harmonium musste aufgrund der Beschädigungen in Gänze entsorgt werden. Sogar die bleiverglasten Fenster wurden gestohlen“ , sagt Gerd Nitschke. Insgesamt waren der Sauoer Kirche nicht einmal vier Jahrzehnte Lebenszeit vergönnt. Gerd Nitschke wohnt heute mit seiner Familie in Brieske. „In der dortigen Kirche wollen wir auch den Heiligen Abend 2007 feiern“ , kündigt er an.

Zum Thema Der vermisste Schatz
 Laut Gerd Nitschke wurden kurz vor dem Abriss des Sauoer Gotteshauses zwei große Kisten, die in der Kirche einen halben Meter tief vergraben waren, in einer „Nacht-und-Nebel“ -Aktion abgeholt. Allerdings ist weder bekannt, was sich in ihnen befand, noch, wohin sie verbracht wurden. Wer Näheres weiß, kann sich gern an die RUNDSCHAU, Telefon 03573 376415, wenden.