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| 01:03 Uhr

Als wir die Wollsocken noch stopften

Stopfen Sie noch Ihre Socken„ Ich auch nicht. Aber vielleicht verschlingen Sie wie ich Henning Mankells spannende Romane. Dann interessieren Sie sicher Wallanders Gedanken zu diesem Punkt. Von Sabine Fuhrmann (*)

Im Roman „Die fünfte Frau“ fragt ihn seine Tochter Linda, warum es so schwer sei, in Schweden zu leben. „Manchmal stelle ich mir vor“ , sagte Wallander, „dass es damit zu tun hat, dass wir aufgehört haben, unsere Strümpfe zu stopfen . . . Als ich groß wurde, war Schweden noch ein Land, in dem man seine Strümpfe stopfte. Ich habe es sogar noch in der Schule gelernt. Aber eines Tages war Schluss damit. Kaputte Strümpfe wurden weggeworfen. Keiner stopfte mehr seine Wollsocken. Die ganze Gesellschaft veränderte sich. Verbrauchen und Wegwerfen wurde zur einzigen Regel, die wirklich alle vereinte . . . Solange es nur die Strümpfe betraf, war diese Veränderung vielleicht nicht so gravierend. Aber das Prinzip griff um sich. Schließlich wurde es zu einer Art unsichtbarer, aber ständig gegenwärtiger Moral. Ich glaube, das hat unsere Auffassung von Richtig und Falsch verändert, was man gegenüber anderen Menschen tun durfte und was man nicht tun durfte. Alles ist so viel härter geworden. Immer mehr Menschen, vor allem die Jungen, fühlen sich überflüssig oder sogar unwillkommen im eigenen Land. Wie reagieren sie“ Mit Aggression und Verachtung . . . Es wächst im Moment eine Generation auf, die mit noch größerer Aggressivität reagieren wird. Und die haben keine Erinnerung daran, dass es tatsächlich einmal eine Zeit gegeben hat, wo wir unsere Wollsocken gestopft haben. Wo wir weder Wollsocken noch Menschen verbraucht und weggeworfen habe.“ Interessant, nicht wahr? Man könnte den Gedankenfaden gut aufnehmen und ein bisschen weiterspinnen, an einem regnerischen Wochenende.
(*) ev. Pfarrerin aus Ortrand