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| 20:52 Uhr

Großräschen
Als Frau Wolf dem Wolf begegnete

Auch nach seinem Vortrag nahm sich Sebastian Ehret (l.) Zeit, um mit Zuhörern zu diskutieren. Unter ihnen Horst Lehmann (r.) Rentner, Gästeführer bei IBA-Tours und exkursio sowie bekennender Wolfsbefürworter.
Auch nach seinem Vortrag nahm sich Sebastian Ehret (l.) Zeit, um mit Zuhörern zu diskutieren. Unter ihnen Horst Lehmann (r.) Rentner, Gästeführer bei IBA-Tours und exkursio sowie bekennender Wolfsbefürworter. FOTO: Uwe Hegewald
Großräschen. Das Studierhaus in Großräschen setzt das Thema Wolf auf die Tagesordnung. Von Uwe Hegewald

Wen zieht es an einem Sonntagnachmittag zur besten Kaffeezeit in einen Versammlungsraum, um zum vermeintlich x-ten Mal einem Vortrag über Wölfe zu lauschen? So viele, dass im IBA-Studierhaus zusätzliche Stühle herangeschleppt werden müssen, um allen interessierten Zuhörern einen Platz anbieten zu können.

„Wie wollen und können wir mit dem Wolf zusammenleben?“, so der Titel des Vortrages von Sebastian Ehret. Und wer bitteschön ist Sebastian Ehret? Ein rhetorisch versierter und souverän auftretender junger Mann, der sich im Rahmen seiner Promo­tion am Geographischen Institut der Universität Kiel aus soziologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive mit dem Zusammenleben von Menschen und Wölfen in der Lausitz auseinandersetzt. Rund vier Wochen streift er durch die Region, arrangiert mehr als 30 Treffen, bei denen mehr als 50 Stunden Gesprächsmaterial zusammenkommen. Um Vertrauen zu gewinnen und in Dialoge einsteigen zu können, bedient sich Sebastian Ehret einer kleinen List: „Ich habe Hundehalter beim Gassi gehen begleitet. Bei entspannter Atmosphäre haben die Leute zum Thema Wolf schnell Position bezogen“, resümiert er. Einzelne hätten von Begegnungen mit Wölfen berichtet und von Verhaltensmomenten, die stark voneinander abweichen.

Katja Wolf, Macherin im Studierhaus Großräschen, kennt aus eigenen Erfahrungen, wie es ist, wenn die Wolf auf den Wolf trifft. „Der hat in gefühlter Entfernung von fünf Metern meinen Weg gekreuzt, ohne auch nur die geringste Notiz von mir zu nehmen“, erinnert sie sich an den Augenblick, der sich bereits vor acht Jahren zugetragen hat. Inzwischen ist sie schon vier Wölfen begegnet und hat diese Momente eher als Glücksmomente wahrgenommen. „Sie entsprechen eben nicht dem Beuteschema von Isegrim“, flüstert Horst Lehmann mit einem Augenzwinkern. Der Rentner, Gästeführer bei IBA-Tours und exkursio outet sich als Wolfsbefürworter. „Das Tier hat seine Daseinsberechtigung und erfüllt wichtige Funktionen. Wir Menschen stehen in der Verantwortung, ihm entsprechende Räume zu gewähren“, argumentiert er.

Sebastian Ehret will dieser Meinung nicht grundsätzlich entgegentreten. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (1973) und die im Juni 1982 in Kraft getretene Berner Konvention, ein amtliches Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume, bildeten schließlich die entsprechende Basis. Auf der „Roten Liste“ gefährdeter Wildtiere stünde nun mal auch der Name von Canis lupus, so Isegrims wissenschaftlicher Name. Sebastian Ehret hat aber auch nachvollziehbare Ängste, Zweifel und offene Fragen wahrgenommen. „Debatten laufen sehr kontrovers und die Meinungen gehen weit auseinander“, führt er an. Sehen Wolfsbefürworter den „günstigen Erhaltungszustand“ von 1000 Tieren in Deutschland noch nicht erreicht, beklagen Wolfsgegner die zu hohe Zahl der Raubtiere und deren viel zu schnelle Vermehrung. Der Wolf bleibe ein Reizthema, das sich nicht rein ökologisch oder wirtschaftlich beantworten lässt. Ehret sieht sich eher in einer aufzeichnenden, vermittelnden Rolle – vorurteilsfrei und mit genügendem Abstand, um ergebnisoffene Dialoge und Debatten zu führen. „Ich wünsche mir, dass wir Meinungen anderer Personen akzeptieren, ohne diese auch teilen zu müssen. Wölfe sollen nicht als Tiere betrachtet werden, die die Gesellschaft spalten“, appelliert er. Zuhörer des zweieinhalbstündigen Vortrages, inklusive Diskussion, quittieren die Ausführungen des Kielers mit intensivem Applaus. „Selten haben wir Vorträge gehabt, bei denen Gäste bis zum Schluss so konzentriert zuhören“, fasst Katja Wolf zusammen. Auch wenn die Informationsveranstaltung an einem Sonntagnachmittag zur besten Kaffeezeit stattfindet.