Einen Winter mit wirklich weißem Schnee gab es in der mittleren Lausitz zwischen Lauchhammer und Senftenberg noch vor 20, 30 Jahren nur für wenige Stunden. Oftmals dauerte es gar nicht lange, und der Flockenwirbel war mit einem grau-schwarzen Schleier überzogen. Der Kohlendreck kam von überall. Allein in Lauchhammer hat es nach Angaben des Werkes „Braunkohlenverstromung im Lausitzer Revier“ sieben Brikettfabriken gegeben. Rund 11 000 Menschen waren dort beschäftigt.

Dreck aus Süd und West

Besonders schnell verfärbte sich der Schnee bei westlichen und südwestlichen Winden. Denn Lauchhammer-West und -Süd waren die lokalen Zentren der Kohleveredlung. Wer 1989 mit dem Auto auf der Grundhofstraße von Mitte nach West unterwegs war, wurde auf großen Tafeln auf die „technischen Gase“ aus den nahen Brikettfabriken und Kraftwerken hingewiesen. Diese zwangen manchmal sogar am helllichten Tage zum Einschalten der Scheinwerfer, da man kaum noch etwas sah. Im Auto erhielt man dann oft vom Fahrer die Anweisung „Scheiben hochkurbeln!“, da es tatsächlich ganz unangenehm zu riechen begann. Besonders drastisch war es an den Biotürmen in Lauchhammer-West, die zur Kokerei gehörten. Die Gerüche bewegten sich etwa zwischen faulen Eiern und Buttersäure.



Schmutz machte Angst

Atem(be)raubend war auch ein Ausstieg aus dem Zug am einstigen Bahnhof Lauchhammer-Süd. Das unmittelbar an der Bahntrasse befindliche Kraftwerk 69 sowie die dazugehörige Brikettfabrik boten ein fast angsteinflößendes Bild. Selbst an klaren Sommertagen waren die alten Anlagen, deren Wahrzeichen die beiden schlanken Schornsteine bildeten, in einen schmutzig-gelben Staub eingehüllt. Die Emissionen trug der Westwind in Richtung Schwarzheide. Doch selbst wenn der Wind auf Ost drehte, wollte sich bei den Schwarzheidern keine saubere Luft einstellen. Dann stank es nämlich nach Herbiziden aus dem Synthesewerk.

Immerhin hatten die Einwohner dadurch die Möglichkeit, die jeweilige Windrichtung nach dem Geruch recht treffsicher zu bestimmen. Selbst die Fensterbretter wiesen besonders in den Morgenstunden verschiedenfarbige Überzüge auf. In der Bevölkerung wurde gemunkelt, dass nachts in manchen Betrieben einfach die Filter in den Schornsteinen außer Betrieb genommen wurden und somit der komplette Dreck in die Atmosphäre und schließlich zum Boden zurück gelangen konnte.

Bei den Lauchhammeranern, Schwarzheidern, Schipkauern und den Einwohnern weiterer Orte waren ebenso lang anhaltende trockene Ostwindlagen gefürchtet. Dann begannen nämlich die noch nicht vollständig rekultivierten Kippen zu wandern. Manchmal gab es sogar richtige Sandstürme. Viele Leute stellten daher Schippe und Besen nie allzu weit weg.



Schwarz aus dem Wasser

Auch der Senftenberger See blieb vom Kohlendreck nicht verschont. Wer erinnert sich nicht an die schwarzen Teppiche auf dem Wasser? Besonders der Niemtscher Strand hatte unter den Emissionen der nahen Briesker Kraftwerke und Brikettfabriken zu leiden. Mancher kam fast schmutziger aus dem Wasser heraus als er hineingegangen war.

Zu Höchstform aufgelaufen

Doch nicht nur Industrieabgase machten den Menschen im Altkreis Senftenberg mächtig zu schaffen, sondern auch so manche unruhige Nacht. Denn da liefen oft die Truppen der Roten Armee auf dem südlich an das Kreisgebiet angrenzenden Armeeübungsplatz Königsbrück zu Höchstform auf. Es knallte und rumste, als wäre ein neuer Krieg ausgebrochen. Der Krach war teilweise bis nach Schwarzheide und Lauchhammer deutlich zu hören. Als „Zugabe“ gab es manchmal auch ein Blitzfeuerwerk am südlichen Nachthimmel.

Und wenn der Wind dann doch auf Nord drehte, konnte man in Gedanken auf der rasselnden Grubenbahn in den Klettwitzer Tagebauen mitfahren. Dieses Geräusch wurde nur vom lauten Quietschen der großen Bagger übertönt.

Inzwischen gehören all diese Gerüche und Geräusche der Vergangenheit an. Wirklich ruhig ist es dennoch nicht geworden. Dafür sorgen unter anderem der stark angestiegene Verkehr auf der vor elf Jahren ausgebauten Autobahn sowie mancher Jugendliche in seiner „rollenden Disko“. Die schwarzen „Kohleteppiche“ auf dem Senftenberger See und anderen Gewässern gehören dagegen endgültig der Vergangenheit an.