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| 18:32 Uhr

Letzter Schultag für Annahüttes Schuldirektorin
Abschied nach 43 Schuljahren

Sylvia Lorenz  ist Mathe-Lehrerin durch und durch. Vor 43 Jahren  hat sie  in ihrer ersten Unterrichtsstunde im Schulkombinat Annahütte Mathematik gegeben. In ihren letzten beiden Stunden vor ihrem Abschied in die Rentenzeit stand  wieder Mathe  auf dem Stundenplan der Klasse 5.  Mit gebrochenen Zahlen und Wahrscheinlichkeitsrechnung hat Sylivia Lorenz die Fünftklässer in die Ferien geschickt.
Sylvia Lorenz ist Mathe-Lehrerin durch und durch. Vor 43 Jahren hat sie in ihrer ersten Unterrichtsstunde im Schulkombinat Annahütte Mathematik gegeben. In ihren letzten beiden Stunden vor ihrem Abschied in die Rentenzeit stand wieder Mathe auf dem Stundenplan der Klasse 5. Mit gebrochenen Zahlen und Wahrscheinlichkeitsrechnung hat Sylivia Lorenz die Fünftklässer in die Ferien geschickt. FOTO: Steffen Rasche
Annahütte. Schulleiterin Sylvia Lorenz ist am „Blauen Planeten“ in Annahütte eine Institution. Mit ruhiger Hand und viel Herz hat sie das Haus durch gute und schlechte Zeiten manövriert. Von Andrea Budich

Eine Eins schenkt sie niemandem. Sie ist streng, sehr streng sogar, schätzt sie selbst ein. Und trotzdem oder gerade deshalb fließen bei ihrem Abschied Tränen. Sylvia Lorenz (63) gehört an der Grundschule „Blauer Planet“ zum Inventar. Dementsprechend herzlich ist ihr Abschied.

Die Kinder werden ihre Frau Lorenz vermissen, weil keine Mathelehrerin es so gut verstand, sie mit Knobelaufgaben - versteckt in Überraschungseiern - zu Höchstleistungen zu motivieren. Rituale, die sie als Schulleiterin eingeführt hat, erzeugen selbst bei Eltern ein Gänsehautgefühl. Das wird heute wieder so sein, wenn die Sechstklässer durch ein Spalier ihrer Mitschüler ihre Grundschulzeit beenden. Und es ist sogar der neue Schulname „Blauer Planet“, der ganz eng mit Sylvia Lorenz verbunden ist. Bei der Suche nach einem passenden Namen hatte eines bei ihr oberste Priorität: „Der Name muss ausdrücken, was uns wichtig ist“, bringt es die Schulleiterin auf den Punkt.

Ein Abschied mit Wehmut ist es auch für Sylvia Lorenz selbst. Vorbereitungshefte hat sie zu Hause jedenfalls noch so viele auf Vorrat zu liegen, dass sie locker noch fünf weitere Schuljahre dranhängen könnte. Dann sind da noch ihre 30 dicken Ordner für Unterrichtsstunden, die sie normalerweise in den großen Sommerferien sortiert und auf den neuesten Stand bringt. „Das wird dieses Jahr alles anders sein.“ Sie versucht, noch gar nicht an die Veränderungen zu denken. Zur Schulanfangsfeier im August will sie auf gar keinen Fall dabei sein. Sie will verreisen, um möglichst wenig daran denken zu müssen. Denn auch das Ausarbeiten und Feilen an ihrer Einschulungsrede wird sie schmerzhaft vermissen.

Dass sie trotz ihrer Strenge so beliebt ist, hat vielleicht auch ein klein wenig damit zu tun, dass Sylvia Lorenz selbst keine Musterschülerin war. „Sylvia ist zu schwatzhaft. Ihre Zensuren entsprechen nicht ihrem Leistungsvermögen“, stand einst unter ihren Zeugnissen. In ihren Anfangsjahren als Unterstufenlehrerin hatte sie daher auch Probleme, Schüler zu bestrafen, die einen Streich ausgeheckt hatten.

In die Wiege gelegt war das Lehrersein ihr jedenfalls nicht. Im Kindergarten wollte sie noch Verkäuferin werden - abwiegen, einpacken, kassieren, das war ihr Ding. Dann aber, nach ein, zwei Schuljahren, wendete sich das Blatt. Die Verkäuferin war schnell vergessen. Dafür stand die Lehrerin jetzt hoch im Kurs. Und dabei blieb es dann auch. Als sie ihre Aufnahmeprüfung am Institut für Lehrerbildung Löbau machte, gab es keinen Plan B. „Wenn ich es nicht geschafft hätte, wäre es schwierig geworden“, erinnert sie sich.

Sylvia Lorenz schafft es im ersten Anlauf und wird Unterstufenlehrerin. Eigentlich will sie nach dem Studium zurück in die Heimat, den damaligen Bezirk Rostock. Dann lernt sie ihren Mann kennen, der aus dem Kreis Senftenberg stammt. In der Nähe von Wismar hatte sie schon eine Stelle sicher, in Senftenberg gab es keine freien Lehrerstellen. Pionierleiterin oder Horterzieherin - das waren die Alternativen. Weil sie keine Bastelfreundin ist, entscheidet sie sich für die Pionierleiterin. Am 1. August 1975 tritt sie ihren Dienst im damaligen Schulkombinat Annahütte an. Sechs Stunden in der Woche unterrichtet sie - ihre Favoriten sind Mathe und Geografie.

Schulleiterin zu werden, hat definitiv nicht zu ihrem Lebensplan gehört. Sie bewirbt sich 1994 trotzdem, getrieben von der Aufforderung: „Bewerben Sie sich, sonst kommt ein Wessi!“ Inzwischen gehört Sylvia Lorenz nach so vielen Dienstjahren in Annahütte zum Schulinventar. Ihr Resümee nach 43 Schuljahren: „In diesem Beruf hält man nur durch, wenn man es wirklich will und wenn man eine große Portion Humor mitbringt.“ Beides hat Sylvia Lorenz in all den Jahren nie verloren.

Sobald sie verarbeitet hat, dass sie nicht mehr jeden Tag zur Schule muss, hat sie sich vorgenommen, Akkordeon spielen zu lernen. „Damit ich im Kopf fit bleibe“, erklärt sie. Das Instrument steht schon im Wohnzimmer. Die Familie hat es ihr geschenkt.