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60 Jahre Theater in Senftenberg (Folge 6) Große Namen im kleinen Haus

Als Klaus Gendries 1959 in der Nachfolge von Horst Schönemann die Leitung des Bereichs „Schauspiel“ am „Theater der Bergarbeiter“ übernahm, brachte er eine Gruppe junger Schauspieler aus Berlin mit: Monika Lennartz, Annekatrin Bürger, Günther Haack, Otmar Von Gisela Kahl

Richter, Rolf Römer. Für einige Jahre wurde Senftenberg ihre künstlerische Heimat. Das Theater hatte zwar weder Kantine noch Bühnenturm, die Stadt war dreckig, sodass man am Tag mehrmals die Oberhemden wechseln musste, aber die Bühne hatte einen außerordentlich guten Ruf. So brauchte Klaus Gendries nicht viel Überredungskunst, einen DEFA-Star wie Annekatrin Bürger nach Senftenberg zu locken. Sie war mit Filmen wie "Die Verwirrung der Liebe" oder "Septemberliebe" berühmt geworden. Bei Günther Haack lag die Sache etwas anders. Haack gehörte in den fünfziger Jahren zu den umschwärmten jugendlichen Filmhelden, doch ein unter Alkoholeinfluss verursachter t*am p*ouml;dlicher Verkehrsunfall unterbrach seine Karriere. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe wurde er nach Senftenberg verpflichtet. Eine seiner ersten Aufgaben war der Clavigo im gleichnamigen Stück von Johann Wolfgang Goethe.
Monika Lennartz kam von der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg. Sie hatte schon während der Ausbildung immer wieder von interessanten Projekten und Aufführungen in Senftenberg gehört. Ihre erste Aufgabe am "Theater der Bergarbeiter" erhielt sie in der Inszenierung "Der Lohndrücker" und "Die Korrektur" in der Regie von Klaus Gendries, beides Stücke von Inge und Heiner Müller. Die zwei Autoren waren häufig bei den Proben anwesend und sehr angetan von der Umsetzung ihrer Texte. Monika Lennartz erinnert sich daran, dass der weiße Mantel von Inge Müller allerdings bald Spuren eines längeren Aufenthaltes in "Kohlhalden" zeigte. Später spielte Monika Lennartz die Sonja in "Onkel Wanja" von Anton Tschechow und die Anne Frank, Erich Petraschk deren Vater. Petraschk war über Jahrzehnte eine der Stützen des Ensembles, dem er seit der Gründung des Theaters angehörte. Petraschk gehörte zum Kern der Schauspielertruppe, und viele fragten ihn, warum er mit seinem Talent denn ausgerechnet an diesem kleinen Theater festhalte: "Angebote hatte ich wohl, ich lehnte sie aber alle ab, weil ich mir sage: Es kommt nicht auf den Ort und das schöne Haus an, an dem Theater gespielt wird, sondern auf das Was und Wie."

Berliner weggelockt
Das Was und Wie interessierte auch Otmar Richter, der an der Volksbühne Berlin engagiert war, als ihn Gendries nach Senftenberg weglobte. Vorsprechen musste er dennoch. Otmar Richter erinnert sich, dass er "einen Inspizienten" spielen sollte. Während er improvisierte, begannen die Techniker auf der Hinterbühne abzubauen und für einen Abstecher zu verladen. Er beobachtete kurz die Situation, brüllte die Techniker an und erklärte, dass die Vorstellung ausfallen würde, kein Abstecher, alles wieder ausladen, das stünde doch am Schwarzen Brett. Die Techniker verließen die Bühne, um am Schwarzen Brett nachzuschauen - und Richter wurde engagiert. Er spielte große Rollen und drehte nebenher immer wieder Filme.

Die geniale Idee
Viele Inszenierungen der "Gendries-Zeit" von 1959 bis 1962 mehrten den Ruhm des Theaters der Bergarbeiterstadt und seiner Protagonisten. Carlo Goldonis "Viel Lärm in Chiozza" war eine deutsche Erstaufführung und wurde 1960 vom DDR-Fernsehen aufgezeichnet. "Mit zustimmendem Trampeln und Johlen wird diese Inszenierung von Goldonis Komödie vom Senftenberger Publikum quittiert", hieß es im Premierenbericht der "Märkischen Union". Dabei sollte auch dieses Stück eigentlich am Deutschen Theater in Berlin herauskommen. Es handelte sich um eine Neuübersetzung, aber irgendwie kamen der Regisseur Karl Paryla und Hanns Eisler, der die Musik komponieren sollte, nicht zusammen. Also wurde das Stück nach Senftenberg gegeben. Der Übersetzer hatte sehr gute Verbindungen zum "Piccolo Theater" in Mailand, wo etwa zeitgleich der berühmte Gio rgio Strehler am selben Stück arbeitete. Jedenfalls sollte Professor Sartorie vom "Piccolo Theater" Bühnenbild und Kostüme entwerfen. Die Premiere rückte näher, aber es kamen keine Entwürfe. Gendries wurde unruhig, und der Ausstattungsleiter Eberhard Bleichert hatte eine geniale Idee: "Jetzt läuft doch im Kino ‚Liebe, Brot und tausend Küsse' mit Gina Lollobrigida. Das ist der Kassenschlager. Lasst sie doch so laufen." Annekatrin Bürger als Lucietta bekam eine schwarze Perücke, ein enges Kleid, die Jungs Jeans. Wenige Tage später kamen die Entwürfe aus Mailand: historische Kostüme, ein Feuerwerk an Farben, aber die Menschen waren nicht mehr richtig wahrzunehmen. Die Aufführung in Senftenberg, in modernen Kostümen, wurde ein grandioser Erfolg.
Zu einem ebenso großen Erfolg gestaltete sich 1962 die Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Drama "Rose Bernd" mit Annekatrin Bürger in der Titelrolle. Nach einem Gastspiel in Berlin wurde "die" Bürger daraufhin von Wolfgang Heinz an die Volksbühne engagiert. In der "Berliner Zeitung" schrieb Dr. Walther Pollatschek: "In reicher Vielfalt tief erlebt ist die Rose gegeben, ein Dorfmädchen warmblütig und herb und in dieser Herbheit zurückgenommen, sodass man nicht vom Mitfühlen überschwemmt, sondern zum Verstehen geführt wird . . . aus einem Mitleidsstück wird in möglichem Maße ein Kampfstück. Was hier gemacht wurde, ist nicht nur schauspielerische Leistung, die der jungen Darstellerin großen Rang sichert, es ist wirkliche Neugewinnung Gerhart Hauptmanns . . . Im ganzen ist es eine Aufführung - fast nur mit sehr begabten Jungen! - die hocherfreulich in Niveau und Ensembleleistung ist. Otmar Richter, Dietmar Richter-Reinick, Rolf Römer dürften eine gute Zukunft haben."

Polit-Theater
Aber so groß die Erfolge auch waren, die Zeichen zunehmender politischer und ideologischer Verhärtung waren nicht zu übersehen. 1960 war eine Aufführung des Stückes "Die Sorgen und die Macht" von Peter Hacks in Senftenberg noch möglich gewesen. 1961, im Jahr des "Mauerbaus", war ein Mann wie B.K.Tragelehn als Regisseur am "Theater der Bergarbeiter" nicht mehr tragbar. Tragelehn war Meisterschüler von Bertolt Brecht, Regisseur und Übersetzer. Auch er hatte von guten Aufführungen in Senftenberg gehört, interessierte sich für das Theater und sollte als Regisseur mit Beginn der Spielzeit 1961/62 anfangen. Tragelehn erinnert sich: "Das Theater hatte sich doch der Gegenwartsdramatik ziemlich verschrieben und das interessierte mich auch. Als ich dann im Frühsommer nach Senftenberg kam und wir am Leitungstisch saßen, da habe ich au s der neuesten Arbeit Heiner Müllers vorgelesen, ,Die Umsiedlerin', eine Komödie über die Vergenossenschaftlichung der Landwirtschaft, da haben die sich halb totgelacht. Ich wollte dann mit dieser Inszenierung in Senftenberg mit den Studenten gastieren. (Tragelehn probierte die Uraufführung des Stückes mit Studenten der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst.) Wir selbst hatten ja für die Spielzeit Heiner Müllers ,Weiberkomödie' nach Inge Müllers ,Weiberbrigade' geplant. Ich wollte einen Moliére machen, den ich selbst übersetzt hatte . . . Die Hauptrolle spielt hier ein älterer Schauspieler, der schwer zu besetzen ist . . . Und da war in Senftenberg Erich Petraschk, der hat mir sehr gefallen, der sollte das spielen. In Senftenberg waren überhaupt eine Reihe guter Schauspieler . . . Auch die ganze Atmosphäre war in Senftenberg sehr gut. Oft gingen wir abends gemeinsam in den ,Klub der Intelligenz', der ja gleich neben dem Theater lag und da gab es immer ,Goldberger' und ,Stonsdorfer' und viele, leidenschaftliche Gespräche." Tragelehn wurde nie als Regisseur in Senftenberg engagiert. Die Uraufführung der „Umsiedlerin“ gestaltete sich zu einem beispiellosen kulturpolitischen Skandal. Die wider sprüchliche, tragikomische Darstellung der Verhältnisse in der sozialistischen Landwirtschaft seit der Bodenreform, die besondere Ästhetik des Stückes und der Sprache - die Landarbeiter und Bauern sprachen im klassischen Versmaß - passte den verantwortlichen Genossen der Partei- und Staatsführung nicht. Die Studenten wurden Verhören unterworfen, mussten Stellungnahmen und Selbstkritiken schreiben, alle Textbücher wurden eingesammelt. Tragelehn wurde aus der SED, in die er ein Jahr vorher eingetreten war, ausgeschlossen und in den Tagebau nach Klettwitz, über den Heiner Müller seinen "Klettwitzer Bericht" geschrieben hatte, verbannt. Tragelehn wiederum schrieb dort seine "Klettwitzer Elegien". Aber auch das Ensemble des Senftenberger Theaters wurde unter Verdacht gestellt. Die Dramaturgie wurde angegriffen, weil sie das Programmheft für die Urauff&u uml;hrung gemacht hatte. Monika Lennartz erinnert sich, dass zwei Männer aus Berlin vor ihrer Wohnungstür in Senftenberg standen und die Herausgabe des Textbuches forderten, das in ihrem Besitz war und sie danach mehrfach im Theater verhört wurde. Denn es wurde behauptet, man wisse um die Fluchtbemühungen des gesamten Ensembles in den Westen. Auch Klaus Gendries bekam die Macht der "Kleingeister" zu spüren. Sein Leitungsstil, der auf Ensemble-Mitbestimmung beruhte, wurde scharf angegriffen, ebenso die Spielplanvorhaben "Senftenberger Erzählungen" von Hartmut Lange (das Stück erlebte seine Uraufführung während des 1. GlückAufFestes 2004), "Weiberbrigade" von Inge Müller oder "Haben" von Julius Hay. Als er 1963 Senftenberg verließ, um als Regisseur am Staatstheater in Dresden zu arbeiten, teilte man ihm dort mit, dass die SED -Bezirksleitung auf Grund der Vorkommnisse in Senftenberg seine Verpflichtung untersagt habe. Gendries ging nach Berlin zum Fernsehen der DDR und wurde dort zu einem der erfolgreichsten Regisseure, u. a. drehte er "Aber Vati", "Florentiner 73", "Der Schimmelreiter", "Am grauen Strand, am grauen Meer", "Claire Berolina". B.K.Tragelehn arbeitete bis 1979 als freier Regisseur in der DDR und ging dann in die BRD. Vor kurzem kehrte er nach Senftenberg, an die NEUE BÜHNE, zurück: zur öffentlichen Premiere seines Buches "Roter Stern in den Wolken".

Quelle: Recherche Hans-Peter Rößiger

Nächste Folge: Kurt Natusch und das Musiktheater