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13 Jahre für Totschlag an Ehefrau

In Handschellen wird der Angeklagte am Freitag in den großen Saal des Cottbuser Landgerichts geführt. Kurz darauf folgt die Urteilsverkündung.
In Handschellen wird der Angeklagte am Freitag in den großen Saal des Cottbuser Landgerichts geführt. Kurz darauf folgt die Urteilsverkündung. FOTO: jag
Cottbus/Senftenberg. Der 32-jährige Tschetschene, der im November vergangenen Jahres in Senftenberg seine Ehefrau brutal umgebracht hat, ist wegen Totschlages zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Jan Augustin

Des Totschlags schuldig. Rashid D. muss für 13 Jahre hinter Gitter. Das Cottbuser Landgericht hat am Freitag so entschieden. Der Angeklagte nimmt den Urteilsspruch ohne jede erkennbare Regung entgegen. Neben ihm sitzt eine Dolmetscherin und übersetzt die einstündige Urteilsbegründung des Vorsitzenden Richters Frank Schollbach. Dass Rashid D. seine Frau auf brutalste Weise umgebracht hat, ist nicht vorstellbar. Die fast hagere Figur, seine Erscheinung, passen nicht ins Bild. Brauner Pulli, blaue Jogginghose, einfache Turnschuhe. Die schwarzen Haare kurz, der Bart gewachsen. Rashid D. ist Moslem.

Der aus sehr einfachen Verhältnissen stammende Verurteilte sei davon ausgegangen, seine Frau habe ein Verhältnis mit einem Bekannten der Familie gehabt. Aus objektiver Sicht und nach hiesigen Wertvorstellungen sei das ein niederer Beweggrund, der eine Verurteilung wegen Mordes zur Folge gehabt hätte, erklärt Schollbach. Doch die Beurteilung, ob ein Mord oder ein Totschlag vorliegt, sei kompliziert. Die Kammer habe Zweifel am Vorliegen der subjektiven Voraussetzung für die Erfüllung des Mordmerkmals. Die setze voraus, "dass der Angeklagte die tatsächlichen Umstände, die die Niedrigkeit seiner Beweggründe ausmachten, auch erkannt hat", sagt Schollbach. Der Angeklagte aber sei in seinem muslimischen Glauben verhaftet, den er auch sein Leben lang gelebt habe. "Wir haben auch gesehen, dass der Angeklagte hier nach seinen Moral- und Wertevorstellungen sein Leben in Deutschland eingerichtet hat." Die Frau kümmere sich um Kinder und Haushalt, er um Behördengänge.

Das Landgericht folgt mit dem Urteil zum Teil der Forderung der Staatsanwaltschaft, die im Laufe der Beweisaufnahme vom erhobenen Mordvorwurf abrückt und 14 Jahre Haft für gerecht hält.

Das Unfassbare geschieht in einer Novembernacht. Die Kinder schlafen. Eine Zeugin in der Wohnung und mehrere Nachbarn müssen den Horror aber ertragen. Nach einer anfänglich verbalen Auseinandersetzung zückt Rashid D. ein Messer und sticht insgesamt 19-mal auf seine Ehefrau ein. Die Klinge trifft Lunge und Herz. Die 1. Große Strafkammer geht davon aus, dass die damals 27-Jährige auch an diesen Verletzungen gestorben wäre, erläutert Frank Schollbach. Doch die Frau kann sich zunächst retten und flüchtet ins Bad. Dort lässt er sie, an den Beinen festhaltend, kopfüber aus dem Fenster des zweiten Stockes fallen. Dass sie selbst gesprungen sei, so wie es Rashid D. sagt, glaubt das Gericht genauso wenig wie die angeblich fehlende Tötungsabsicht. Die Frau knallt auf einen Fahrradständer, bewegt sich am Boden aber noch. Rashid D. rennt aus der Wohnung, zieht nach Zeugenaussagen den Kopf seiner Frau nach hinten und schneidet ihr mir vier Schnitten die Kehle durch. Richter Schollbach spricht von einem Fall "äußerster Brutalität".

In Tschetschenien hat Rashid D. in ärmlichen Verhältnissen gelebt. Er hilft seiner Mutter auf dem Basar aus, arbeitet gelegentlich als Bauhelfer. Im Prozess sagt er, dass er in Tschetschenien von den Polizeibehörden verfolgt wurde und gefoltert worden ist. Ein neues Hüftgelenk und ein Bandscheibenvorfall beeinträchtigen ihn noch heute. 2003 lernt er in der Heimat seine spätere Frau kennen. Mit ihr und den Kindern kommt er im vergangenen Jahr über Weißrussland und Polen nach Deutschland. Erst nach Eisenhüttenstadt, seit August wohnt die Asylbewerber-Familie in einem Mehrfamilienblock in Senftenberg. Eine für Oktober geplante Abschiebung nach Polen scheitert, weil Rashid D. nicht zu Hause ist.

Die fünf Kinder sind wieder in ihr Heimatland gebracht worden, wo sie bei den Großeltern leben.