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| 06:41 Uhr

Rechtsrockfestival in der Oberlausitz
Bunter Protest gegen Neonazis in Ostritz

 Bunter Protest im sächsischen Ostritz gegen das Neonazi-Festival „Schild und Schwert“.
Bunter Protest im sächsischen Ostritz gegen das Neonazi-Festival „Schild und Schwert“. FOTO: dpa / Daniel Schäfer
Ostritz. Update: Die Polizei leitete mehrere Ermittlungsverfahren gegen Rechtsextreme ein. Die Teilnehmer des Schild&Schwert-Festivals leiden unter dem verhängten Alkoholverbot. Noch in der Nacht reisen einige hundert Besucher ab. NPD-Funktionär Thorsten Heise schäumt vor Wut. Von Andrea Hilscher

Alle Zufahrtstraßen werden am Samstagfrüh von der Polizei kontrolliert, verdächtige Fahrzeuge auf Waffen und Alkohol kontrolliert. Hubschrauber kreisen über der Stadt – es herrscht wieder einmal Ausnahmezustand in der sächsischen Kleinstadt.

Während Friedenaktivisten auf dem Marktplatz eine „Oase der Ruhe“ schaffen und dafür Sand aufschütten, reisen immer mehr Neo-Nazis zu dem Festival „Schild und Schwert“ an. Das Gelände des Hotels am Neißeblick wird von mehreren Hundertschaften der Polizei überwacht. Wasserwerfer und schweres Gerät der Berliner Polizei rücken an.

 Der Ostritzer  Marktplatz ist zum Sandstrand geworden und soll für entspannte Athmosphäre sorgen.
Der Ostritzer Marktplatz ist zum Sandstrand geworden und soll für entspannte Athmosphäre sorgen. FOTO: dpa / Daniel Schäfer

Jedes ankommende Auto wird kontrolliert, die Festival-Besucher müssen ihre Ausweise vorzeigen. Viele von ihnen kommen aus Cottbus, dem Spree-Neiße-Kreis und dem Landkreis Oberspreewald.

     Jugendliche wetteifern beim Friedensfest in Ostritz bei einem Fußballturnier um den Sieg. Das Fest ist 100 Jahren Ballsport in dem kleinen Oberlausitzer Ort gewidmet.
Jugendliche wetteifern beim Friedensfest in Ostritz bei einem Fußballturnier um den Sieg. Das Fest ist 100 Jahren Ballsport in dem kleinen Oberlausitzer Ort gewidmet. FOTO: LR / Andrea Hilscher

Zahlreiche Stände mit NS-Devotionalien

Das Areal des Rechtsrockfestivals ist in diesem Jahr nicht durch riesige Banner der NPD vor neugierigen Blicken geschützt. Heute sind es Fahnen und Plakate der radikalen „Arischen Bruderschaft“, die auch den Ordnungsdienst stellt.

 Die sächsische Polizei war in Ostritz mit einem Großaufgebot vor Ort und führte strenge Kontrollen durch.
Die sächsische Polizei war in Ostritz mit einem Großaufgebot vor Ort und führte strenge Kontrollen durch. FOTO: dpa / Daniel Schäfer

Auf dem Gelände bieten zahlreiche Stände mit NS-Devotionalien, T-Shirts und Rechtsrock-Musik. Vertreten auch ein Cottbuser Musik-Label, dessen Mitarbeiter eng mit der Kampfsport- und Türsteher-Szene verbunden sind.

 Der Veranstalter des Neonazi-Festivals, Thorsten Heise (NPD), wütet auf der Bühne  gegen die Kontrollen der Polizei und das ausgesprochene Alkoholverbot. Und er bedroht Journalisten.
Der Veranstalter des Neonazi-Festivals, Thorsten Heise (NPD), wütet auf der Bühne gegen die Kontrollen der Polizei und das ausgesprochene Alkoholverbot. Und er bedroht Journalisten. FOTO: LR / Andrea Hilscher

Kein Alkohol für das Festival

 Das THW beschlagnahmt immer wieder Bier und Schnapsflasche. Die Neonazis werfen dennoch viele Bierbüchsen über den Zaun auf das Gelände. Alkohol ist beim Festival per Gerichtsbeschluss verboten worden.
Das THW beschlagnahmt immer wieder Bier und Schnapsflasche. Die Neonazis werfen dennoch viele Bierbüchsen über den Zaun auf das Gelände. Alkohol ist beim Festival per Gerichtsbeschluss verboten worden. FOTO: LR / Hilscher Andrea

Auf der Bühne des Areals redet sich Veranstalter Thorsten Heise (NPD) warm: Er wütet empört gegen die Kontrollen der Polizei und das ausgesprochene Alkoholverbot. Mehrere tausend Liter hat das THW bereits beschlagnahmt.

„Die Festivalgäste werfen immer wieder Flaschen und Dosenbier über die Zäune auf das Gelände“, sagt ein Polizist. Dennoch sei das Alkoholverbot weitgehend durchgesetzt. Die Rechtsrocker wollen sich in einem Ostritzer Supermarkt mit Nachschub versorgen, doch auch das wird schwierig: Anwohner und TReilnehmer des Friedensfestes kaufen die örtlichen Bierbestände auf.

Thorsten Heise, dessen Versandhandel noch immer Bands des in Deutschland verbotenen Netzwerks „Blood & Honour“ vertreibt, bezieht sich in seiner Eröffnungsrede auf dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Er bezweifelt die Täterschaft des Rechtsradikalen Stefan E., der noch bis zum Frühjahr auch im sächsischen Mücka aktiv gewesen sein soll. „Lübcke wurde von einem Verrückten, wahrscheinlich von seinem eigenen Sohn, getötet“, sagt Heise.

NPD-Funktionär droht Journalisten

Im gleichen Atemzug beginnt er gegen einzelne, als besonders kritisch bekannte Journalisten zu wettern. Er nennt Namen, sagt über einen ARD-Journalisten: „Die Pistole ist schon geladen.“ Nach einer Kunstpause sagt Heise weiter: „Er hat ihn selbst befüllt“, dann verweist er auf das Übergewicht des Reporters. Die Rechtsrock-Fans jubeln, die Polizei schreitet zunächst nicht ein, leitet aber in der Folge ein Ermittlungsverfahren ein. Auch der Tritt gegen die Wade eines Fotografen wird polizeilich verfolgt.

Am Nachmittag reisen Teilnehmer einer linken Gegendemonstration unter dem Motto „Rechts rockt nicht“ an. Noch bevor sie ihre Kundgebung auf einer etwas außerhalb gelegenen Wiese beginnen, gibt es Ärger: Ein sächsischer Polizist trägt auf seiner Uniform zwei martialisch wirkende Abzeichen auf seiner Uniform. Als Demonstranten ihn nach deren Bedeutung fragen, wird er unwirsch, einem Journalisten wird ein Verfahren angedroht. Auch angereiste Bodyguards von Fernsehteams drohen mit gerichtlichen Schritten: Sie wollen weder gefilmt noch fotografiert werden. Dann taucht Heise selbst am Rande der Veranstaltung auf, Es kommt kurzzeitig zu Tumulten, dann beruhigt sich die Lage.

Sachsens Innenminister dankt Ostritzern

Trotz dieser Störungen bleibt der bunter Protest der 150 Teilnehmer friedlich. „Wir freuen uns über alles, was den Neonazis und Extremisten auf friedliche Weise zeigt, dass für sie bei uns kein Platz ist“, sagt Michael Schlitt, Mitorganisator der Ostritzer Friedenfeste. Ihm und seinen Mitstreitern dankte Sachsens Innenminister Roland Wöller am Samstag für ihr unermüdliches zivilgesellschaftliches Engagement. Gleichzeitig sagte er, dass die Polizei dennoch die Aufgabe habe, auch den Teilnehmern des Rechtsrock-Festivals ihr Recht auf Versammlungsfreiheit zu garantieren.