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| 17:52 Uhr

Aktion gegen Grenzkriminalität
Autos durchbrechen Kontrollen der Polizei

 Polizeikontrolle gegen Grenzkriminalität: Hier sind die Drogenhündin „Pamela“ und Beamtin Kerstin Sieber im gemeinsamen Einsatz. Drogen wurden in diesem Fall nicht gefunden.
Polizeikontrolle gegen Grenzkriminalität: Hier sind die Drogenhündin „Pamela“ und Beamtin Kerstin Sieber im gemeinsamen Einsatz. Drogen wurden in diesem Fall nicht gefunden. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Polizeikontrollen gegen Grenzkriminalität: An der Grenze zu Polen stellen Beamte gestohlene Fahrzeuge sicher. Autodiebe gehen auf der Flucht große Risiken ein.

Der Fahrer tritt aufs Gaspedal. Er rast an den Polizeibeamten vorbei, lenkt nach links, um einem parkenden Lastwagen auszuweichen, rammt ihn, fährt weiter, hinein in den Straßengraben, dann wieder zurück auf den Asphalt.

Polizisten springen in ihr Auto. Sie verfolgen den schwarzen Mercedes auf der Autobahn nach Polen. Nach fünf Kilometern verlieren sie ihn aus den Augen. Nun fahnden ihre polnischen Kollegen nach ihm.

Drei Tage lang kontrollieren Hunderte Polizeibeamte das Grenzgebiet. Zu ihnen zählt Polizeiobermeister Robert Tügel, der die Flucht des Mercedes an der Autobahn in Bademeusel erlebt. „In solchen Momenten merken wir, dass unser Beruf nicht ganz ungefährlich ist“, sagt er.

Grenzkriminalität: Methoden der Autodiebe sind raffiniert

Zudem lernen Diebe dazu. Das berichtet Polizeisprecherin Ines Filohn. Sie besucht die Kontrolle in Bademeusel, wo Beamte einen Toyota anhalten.

Der typische Diebstahl eines Autos funktioniert nach ihren Worten heute so: Jemand gibt in zwielichtigen Kreisen eine Bestellung auf. Eine Gruppe öffnet und startet die Fahrzeuge, die nächste transportiert sie. Um die Fahrt kümmern sich oft Drogensüchtige, die unbedingt an Geld kommen wollen und dafür die Gefahr in Kauf nehmen. So nimmt Ines Filohn an, dass der Mann am Steuer des Mercedes bei seiner Flucht ebenfalls unter Drogen stand.

Auf dem Parkplatz in Bademeusel steigen zwei Männer aus dem Toyota. Die Beamten durchsuchen den Kofferraum, die Ablagefläche und das Gepäck. Dabei finden sie einen gebogenen Draht, in der Fachsprache auch als Sperrhaken bezeichnet.

Die beiden Männer schauen zu, als ob sie die Kontrolle nichts angeht. Einer von ihnen lehnt mit verschränkten Armen am Türrahmen des Autos.

Pilotfahrzeug lotst gestohlene Autos zur Grenze

Bei der Kontrolle der Papiere erfahren die Polizeibeamten, dass beide Männer schon wegen des Diebstahls von Autos vor Gericht standen. Sie vermuten, dass der Toyota als Pilotfahrzeug dient, das gestohlene Autos zur Grenze lotst und die Insassen vor Gefahren warnt.

Dazu passt, dass zwei Funkgeräte im Toyota liegen. Allerdings können sie die zwei Männer nicht vor Ort festhalten. Denn es fehlt an einem Beweis dafür, dass sie in diesem Moment in eine Straftat verwickelt sind.

Fast zur gleichen Zeit winken Polizeibeamte an der Grenze bei Forst ein Auto aus dem Straßenverkehr. Sie bitten den Fahrer, Hartmut Koitscha aus Schleife, seinen Kofferraum zu öffnen.

„Als alte DDR-Bürger sind wir ja an Kontrollen gewöhnt“, sagt er halb im Scherz. „Aber ein bisschen mehr Präsenz der Polizei kann ich nur gutheißen.“ Er darf seine Fahrt drei Minuten später fortsetzen.

Gefährliche Manöver an Kontrollstellen

Nicht jede Kontrolle bei Sacro geht so harmonisch aus. Oberkommissar Florian Podolski berichtet von einer Flucht, die ähnlich wie in Bademeusel verlief.

„Wir hatten schon Hinweise darauf, dass ein Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit in unsere Richtung fährt“, sagt er. „Wir wollten es anhalten, aber der Fahrer lenkte hinüber auf die Gegenspur.“

Nach Angaben des Polizeipräsidiums handelt es sich beim Auto um einen gestohlenen BMW. Nach der Flucht finden die Beamten das Fahrzeug in der Nähe von Lubsko. Den polnischen Fahrer fasst schließlich eine deutsch-polnische Streife.

In einem Ford Galaxy finden die Polizisten ein Fahrrad, zwei als Taschenlampen getarnte Elektroschocker, einen Schlagstock, einen Schlagring und eine Sturmhaube. Dem 27-jährigen Fahrer weisen sie bei einem Test den Konsum von Amphetaminen nach. Die gefundenen Gegenstände stellen sie für weitere Ermittlungen sicher.

Ein junger Mann aus Forst steigt aus seinem Auto.

Der Polizeibeamte fragt ihn: „Wann haben Sie zum letzten Mal Alkohol getrunken?“

Der Fahrer antwortet: „Mit 16.“

„Na“, sagt der Polizist“, „das ist ja noch gar nicht so lange her.“

Der Fahrer erwidert: „Sie sind ja nett. Ich bin jetzt 23.“

Tatsächlich deutet der Alkoholtest darauf hin, dass der junge Mann tatsächlich abstinent lebt. Das Ergebnis lautet: null Promille.

Eine Jurastudentin aus Halle begleitet die Polizei zur Kontrolle in Guben. Auf einem Parkplatz an der Berthold-Lissner-Straße schaut Annika R. den Beamten bei ihrer Arbeit zu. Ihren vollen Namen will sie nicht öffentlich preisgeben.

„Mich interessiert, wie der Alltag bei der Polizei aussieht“, sagt sie. „Vor allem wegen des Bezuges zu Polen hospitiere ich hier.“ Vielleicht werde sie ja eines Tages als Richterin oder Anwältin arbeiten, und da sei es besser, die Realität nicht nur aus den Lehrbüchern oder den Akten zu kennen.

Verständigungsprobleme bei Polizeikontrollen an der Grenze

Eine junge Frau hält mit ihrem VW Touran. Polizeiobermeister Julian Kliem fragt : „Wann haben Sie zum letzten Mal Betäubungsmittel zu sich genommen?“

Sie fragt mit polnischem Akzent zurück: „Was für ein Ding?“

„Ein Narkotikum“, sagt er.

Sie schüttelt den Kopf. „Ich nehme keine.“

Julian Kliem hakt nach. „Wie lange haben Sie heute Nacht geschlafen?“

„Mit Schlaftabletten ging es ganz gut“, sagt sie.

Er stutzt kurz: „Sie haben doch gesagt, dass Sie nichts dergleichen genommen haben.“

Sie seufzt. „Meine Mutter ist neulich gestorben.“

Julian Kliem erwidert: „Das tut mir leid.“

Auf einem Drogentest beharrt er. Doch der fällt zu ihren Gunsten aus. Die junge Frau kann weiterfahren.

Hinter der Abfahrt Kodersdorf wird der Verkehr zäher, kurz vor Görlitz ist Feierabend: Stau auf der Autobahn 4. Wie an einer Perlenschnur stehen die Lkw dicht an dicht auf dem rechten Fahrstreifen. Auf der linken Spur drängen sich Pkw und Kleintransporter.

Der Grund für die Stockung: Die Autobahn wird ein paar Hundert Meter vor der deutsch-polnischen Grenze auf eine Fahrspur verengt und der Verkehr auf den Parkplatz „An der Neiße“ abgeleitet. Dort stehen mehrere Polizeibeamte und winken stichprobenartig verschiedene Fahrzeuge heraus.

Spürhund „Pamela“ hilft bei Polizeikontrollen an der Grenze

Ein weißer Kleinbus mit polnischem Kennzeichen gerät ins Visier der Polizisten. Die Insassen, alle Männer mittleren Alters, müssen aussteigen, sämtliches Gepäck wird ausgeladen. Dann hat „Pamela“ ihren Auftritt. Die zehnjährige Hündin durchsucht gemeinsam mit Zollhauptsekretärin Kerstin Sieber das Fahrzeug. Auf und unter den hinteren Sitzreihen scheinen sich keine Drogen zu befinden. Doch „Pamela“ begutachtet neugierig eine im Fahrzeug hängende Jacke, ebenso den Motorraum.

Ein Beamter durchsucht das Kleidungsstück. „Sauber“, lautet sein Kommentar. Dann wird die Motorhaube geöffnet. Auch nichts. Die Polen dürfen nach ihrer Zwangspause weiterfahren. Sie nehmen die Kontrolle gelassen. „Dobre, dobre“, sagt einer von ihnen, auf Deutsch „Gut, gut“.

Ein paar Meter weiter steht der „Scan-Van“ der Zollbeamten. Ein Röntgengerät durchleuchtet Gepäckstücke in Sekundenschnelle. „Die braunen Farben stehen für organisches Material, in diesem Fall Fischfutter“, erklärt Zollhauptsekretär Lars Menzel.

Blau bedeute hingegen Metall. Einmal, so berichtet der Beamte, hatte er einen Schlagring verortet. Bei der Überprüfung entpuppte sich die vermeintliche Waffe als Teil einer Gürtelschnalle.

Polizisten entwickeln bei Grenzkonrollen ein Gespür

Welches Fahrzeug nun konkret aus der Schlange ins Visier der Beamten gerät? „Die entsprechenden Mitarbeiter haben dafür schon so ein Gefühl“, erklärt der Görlitzer Polizeisprecher Torsten Jahn. „Das kann eine harmlos wirkende Limousine sein. Oder ein Transporter mit verdunkelten Scheiben, natürlich auch Lkw“, sagt Jahn weiter.

Die Beamten müssen auf vieles achten. Das Spektrum reicht von der Verkehrstüchtigkeit des jeweiligen Fahrzeugs über Drogen und Waffen bis zu illegaler Migration.

Diese spielt nach Angaben von Michael Engler von der Bundespolizei Ludwigsdorf nicht nur bei der Einreise nach Deutschland eine Rolle. „Bei der Ausreise nach Polen schauen wir auf Schwarzarbeiter“, erklärt er. Fündig werden die Beamten bei einem 28-jährigen Rumänen. „Gegen ihn lag ein Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Dortmund vor. 4900 Euro standen offen. Das Geld legte er tatsächlich gleich auf den Tisch und durfte dann weiterfahren“, berichtet Torsten Jahn.

„Die Kontrollierten tragen ihr Schicksal meistens mit Fassung“, berichtet Michael Engler aus seinem Alltag. Dass bei jemandem die Sicherungen durchbrennen, käme sehr selten vor. Wird eine Person mit verbotenen Gegenständen erwischt, zeige sie sich in der Regel geständig. Mehr noch: „Die meisten Leute, insbesondere Deutsche, sagen uns, dass sie die Grenzkontrollen richtig gut finden“, ergänzt Engler.

Ruhig ist es an diesem Abend am Übergang Görlitz-Stadtbrücke. Dort kontrollieren deutsche und polnische Beamte gemeinsam. Bei den meisten Fahrzeugen ist alles in Ordnung. Eine junge Polin wird über den korrekten Gebrauch ihrer Fahrzeugbeleuchtung belehrt. Dann darf auch sie weiterfahren.

40 Stunden Polizeikontrolle im Grenzgebiet

Insgesamt sind während der insgesamt 40-stündigen Kontrolle entlang der kompletten sächsisch-polnischen Grenze rund 200 Beamte von Polizei, Bundespolizei und Zoll im Einsatz. Hinzu kommen mehrere Rauschgifthunde und eine Reiterstaffel, die durch die Görlitzer Innenstadt patrouilliert.

Nach Angaben von Polizeiführer Sven Forbriger werden nicht nur die eigentlichen Grenzübergangsstellen im Auge behalten, sondern ebenso rund ein Dutzend illegaler Knotenpunkte. Der Erfolg zumindest der ersten der beiden Kontrollnächte kann sich sehen lassen: „So ruhig war es schon lange nicht mehr“, resümiert Forbriger.

 Ein Mercedes, rechts im Bild, rammt einen Lastwagen auf der Flucht an der Autobahn bei Bademeusel. Kurierfahrer gehen mit gestohlenen Autos oft lebensgefährliche Risiken ein, wie die Polizei mitteilt.
Ein Mercedes, rechts im Bild, rammt einen Lastwagen auf der Flucht an der Autobahn bei Bademeusel. Kurierfahrer gehen mit gestohlenen Autos oft lebensgefährliche Risiken ein, wie die Polizei mitteilt. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
 Rund drei Kilometer lang war der abendliche Lkw-Stau auf der A 4 aufgrund der Grenzkontrolle der Polizei.
Rund drei Kilometer lang war der abendliche Lkw-Stau auf der A 4 aufgrund der Grenzkontrolle der Polizei. FOTO: Torsten Richter-Zippack
 Am Grenzübergang bei Sacro (Spree-Neiße) kontrollierten die Polizeibeamten Hunderte Autos und Insassen auf der Reise von Deutschland nach Polen.
Am Grenzübergang bei Sacro (Spree-Neiße) kontrollierten die Polizeibeamten Hunderte Autos und Insassen auf der Reise von Deutschland nach Polen. FOTO: LR / René Wappler
 Polizeikontrolle gegen Grenzkriminalität: Hier sind die Drogenhündin „Pamela“ und Beamtin Kerstin Sieber im gemeinsamen Einsatz. Drogen wurden in diesem Fall nicht gefunden.
Polizeikontrolle gegen Grenzkriminalität: Hier sind die Drogenhündin „Pamela“ und Beamtin Kerstin Sieber im gemeinsamen Einsatz. Drogen wurden in diesem Fall nicht gefunden. FOTO: Torsten Richter-Zippack
 Ein Mercedes, rechts im Bild, rammt einen Lastwagen auf der Flucht an der Autobahn bei Bademeusel.. Kurierfahrer gehen mit gestohlenen Autos oft lebensgefährliche Risiken ein, wie die Polizei mitteilt.
Ein Mercedes, rechts im Bild, rammt einen Lastwagen auf der Flucht an der Autobahn bei Bademeusel.. Kurierfahrer gehen mit gestohlenen Autos oft lebensgefährliche Risiken ein, wie die Polizei mitteilt. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
 Rund drei Kilometer lang war der abendliche Lkw-Stau auf der A 4 aufgrund der Grenzkontrolle.
Rund drei Kilometer lang war der abendliche Lkw-Stau auf der A 4 aufgrund der Grenzkontrolle. FOTO: Torsten Richter-Zippack
 Am Grenzübergang bei Sacro kontrollierten die Polizeibeamten Hunderte Autos auf der Reise von Deutschland nach Polen.
Am Grenzübergang bei Sacro kontrollierten die Polizeibeamten Hunderte Autos auf der Reise von Deutschland nach Polen. FOTO: LR / René Wappler
 Ein Mercedes, rechts im Bild, rammt einen Lastwagen auf der Flucht an der Autobahn bei Bademeusel. Kurierfahrer gehen mit gestohlenen Autos oft lebensgefährliche Risiken ein, wie die Polizei mitteilt.
Ein Mercedes, rechts im Bild, rammt einen Lastwagen auf der Flucht an der Autobahn bei Bademeusel. Kurierfahrer gehen mit gestohlenen Autos oft lebensgefährliche Risiken ein, wie die Polizei mitteilt. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau