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| 11:45 Uhr

Viele Entbindungen per Kaiserschnitt
Deutsche Einheit beim Kaiserschnitt

Schnell und schonend,  so wird die Entbindu8ng per Kaiserschnitt  oft angepriesen. Doch es gibt auch Nachteile. Trotzdem ist der Anteil der Schnittentbindungen in Deutschland unverändert hoch. Ost-West-Unterschiede sind fast komplett verschwunden. Foto: fotolia/GordonGrand
Schnell und schonend, so wird die Entbindu8ng per Kaiserschnitt oft angepriesen. Doch es gibt auch Nachteile. Trotzdem ist der Anteil der Schnittentbindungen in Deutschland unverändert hoch. Ost-West-Unterschiede sind fast komplett verschwunden. Foto: fotolia/GordonGrand FOTO: fotolia / GordonGrand
Cottbus. Jedes dritte Kind in Deutschland kommt mittlerweile per Kaiserschnitt auf die Welt. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Von Simone Wendler

Der Kaufmännischen Krankenkasse KKH in Brandenburg war der Fakt kürzlich eine positive Pressemitteilung wert. 2017 sank danach die Quote der Kaiserschnitt-Entbindungen bei KKH-Versicherten in Brandenburg gegenüber dem Vorjahr von 30,5 auf 29 Prozent. Mit diesem geringfügigen Rückgang liegt Brandenburg jedoch immer noch im bundesweiten Durchschnitt, wonach jedes dritte Kind in Deutschland mit einer Schnittentbindung auf die Welt kommt. 1993 war es nur etwa jedes fünfte Baby.

Die damalige Quote war vor allem einer deutlich geringeren Häufigkeit im Osten geschuldet. Doch inzwischen haben die neuen Länder längst aufgeholt. Nach den KKH-Zahlen liegen Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt auch bei etwa 30 Prozent, Sachsen mit 25 Prozent deutlich darunter. Der Freistaat zeigt jedoch gegenüber 2016 die größte Steigerungsrate. Thüringen ist mit 23 Prozent Schnittentbindungen noch bundesweites Schlusslicht.

In Fachgremien, bei Krankenkassen und auch in der Politik ist die Kaiserschnittquote immer wieder mal Thema. Für die Kassen sicherlich auch aus finanziellen Gründen, denn Schnittentbindungen, die im Normalfall keine Stunde dauern, werden den Krankenhäusern deutlich besser bezahlt, als der lange natürliche Weg ins Leben. Also alles nur eine Frage des Geldes?

Sicher nicht, denn für die Kinder hat die Geburtshilfe mit Skalpell längerfristig offenbar auch Nachteile. Das bestätigt Jörg Schreier, seit Anfang Mai Chefarzt der Gynäkologie im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum. Wird diese Entbindungsform geplant und nicht aus einer Notsituation während des Geburtsvorganges gewählt, fehle dem Kind der Kontakt mit Keimen aus dem Geburtskanal. Studien zeigten, dass bei diesen Kindern später häufiger Probleme bei der Ausbildung der Darmflora auftreten oder Allergien.

Diese Babys hätten auch nach der Geburt häufiger Anpassungsstörungen an die neue Umgebung. „Die können sich nicht drauf vorbereiten, die kommen sozusagen aus dem nichts“, so der Cottbuser Chefarzt. Die Frage, nach den Ursachen der seit Jahren hohen Kaiserschnittquote und den Unterschieden nicht nur zwischen Bundesländern, sondern auch zwischen Krankenhäusern in der Region ist jedoch nicht einfach zu beantworten.

Im Lausitzer Seenland Klinikum in Hoyerswerda gibt es seit Jahren nur etwa 20 Prozent Kaiserschnitt­entbindungen. „Auch Kinder in Becken­endlage die zu den besonderen Herausforderungen der Geburtshilfe zählen, können mit entsprechender Vorbereitung in unserem Klinikum natürlich geboren werden“, sagt Gynäkologie-Chefarzt Aiman Bachouri.

Nur geringfügig häufiger wird bei Entbindungen im Klinikum Niederlausitz zum Skalpell gegriffen. „Jeder dieser Kaiserschnitte ist in der Regel medizinisch indiziert“, so Chefärztin Astrid Wollbrandt. In der Sprechstunde zur Geburtsplanung würden die Frauen untersucht, aufgeklärt und ausführlich beraten.

Das Klinikum ist ein perinataler Schwerpunkt, in dem Entbindungen bereits ab der 32-Schwangerschaftswoche vorgenommen werden. Auch die Geburt solch kleiner Frühchen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass eine Schnittentbindung nötig wird.

Das Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus bekommt es als Schwerpunktklinik mit einem Parentalzentrum des Levels 1 mit den kompliziertesten Entbindungen in der Region zu tun. Rund 1200 Kinder erblicken hier jährlich das Licht der Welt. Die Kaiserschnittquote ging von 34,7 Prozent im Jahr 2015 auf 31,9 Prozent im vorigen Jahr zurück. Für eine Schwerpunktklinik ein erfreulicher Trend.

Gynäkologie-Chefarzt Jörg Schreier sieht für die deutschlandweit relativ hohen Schnittentbindungsquote auch objektive Ursachen. Das Durchschnittsalter der Gebärenden steigt, und damit die Risiken wie Bluthochdruck oder Diabetes, die sie mitbringen. Auch die Zahl der Schwangerschaften, die nur mit medizinischer Hilfe zustandekommen und daraus resultierende Risikogeburten nehme zu.

Schließlich zeige auch die in den vergangenen Jahren hohe Quote ihre Folgen. Denn nach einem Kaiserschnitt betrage die Wahrscheinlichkeit 50 Prozent, dass es bei einer zweiten Schwangerschaft erneut zu einer Schnittentbindung kommt.

Dem Verdacht, Geburtshelfer könnten sich mit der Entscheidung zum Schnitt gegen mögliche Klagen wegen Geburtsschäden juristisch absichern wollen, misst Schreier keine Bedeutung zu: „Auch den Kaiserschnitt müssen sie im Streitfall klar begründen.“

An den aus einer Notfallsituation vorgenommenen Kaiserschnitten, nach einer Statistik von 2010 etwa jeder zweite, wird sich nach Einschätzung von Chefarzt Schreier auch künftig nicht viel ändern. Bei den geplanten Fällen ohne vorherige Wehen sieht er inzwischen einen langsamen Rückgang: „Das Pendel schlägt um.“

Angela Aurich würde sich über so eine Entwicklung freuen. Sie ist Mitglied im Vorstand des Hebammenverbandes Brandenburg und arbeitet selbst seit Jahren als Hebamme in einer Entbindungsklinik in der Lausitz. Sie beklagt eine zunehmende „Pathologisierung der Schwangerschaft“ durch immer mehr Vorsorgeuntersuchungen.

„Dass Schwangerschaft, Entbindung und Wochenbett ein natürlicher Vorgang sind, gerät immer mehr aus dem Blick“, so Aurich. Mehr Aufklärung darüber müsste schon in den Schulen beginnen. Für viele junge Mädchen sei das ein angstbesetztes Thema. Und auch in der Schwangerenvorsorge müsste die Beratung der Frauen über Risiken und Möglichkeiten der Entbindung noch besser werden: „Wenn wir die Risikoabwägung weitgehend den Frauen überlassen, werden die immer auf Nummer sicher gehen wollen, also zum Kaiserschnitt tendieren.“

Eine noch bessere Beratung der werdenden Mütter sei aber von den vorhandenen freiberuflichen Hebammen nicht zu leisten. „Ich denke, wir könnten gut einhundert Kolleginnen mehr in Brandenburg brauchen“, sagt Aurich. Wünschenswert aus ihrer Sicht wäre eine Kaiserschnittquote von etwa 20 Prozent. Ein Patentrezept, um dahin zu kommen, habe sie aber auch nicht.