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| 17:29 Uhr

Der besondere Fall
Mit Spitzensport wieder zurück ins Leben

Mehrmals die Woche wird trainiert.
Mehrmals die Woche wird trainiert. FOTO: Dawid Sykala
Cottbus. In unserer Serie „Der besondere Fall“ erzählen wir von außergewöhnlichen Schicksalen, Diagnosen und medizinischen Wegen. Der 44. besondere Fall kommt aus dem Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum.

Heute feiert Dawid Sykala aus dem polnischen Zary seinen 29. Geburtstag. Daran hätte im Sommer vor zwei Jahren kaum noch jemand geglaubt. Damals hing das Leben des jungen Lkw-Fahrers am seidenen Faden. „Am 1. Juli 2016 geriet ich auf der A 13 in einen Stau. Ein Laster fuhr ungebremst auf, schob auch zwei andere Autos zusammen. Mich schleuderte es kurz vor der Autobahnabfahrt nach Cottbus aus meinem Lkw, wie mir später erzählt wurde“, sucht der junge Mann sich zu erinnern.

Noch heute zieht es ihn immer wieder ins Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum. Es ist für ihn kein traumatischer Ort. Im Gegenteil: „Hier wurde ich wiedergeboren“, weiß er: „Denn ohne die Ärzte in Cottbus wäre ich nicht mehr am Leben“, sagt er und bringt seinen Lebensrettern auch gern ein paar Fotos und Videos mit, die von seiner neuen Leidenschaft, dem Sport, künden.

In jenen Sommertagen vor zwei Jahren aber war daran nicht zu denken. Seine Verletzungen waren so schwer, dass die Rettungsärzte vor Ort zunächst an das Unfallkrankenhaus Berlin dachten. Den Transport aber hätte der Verunglückte nicht überlebt. So ging es kurzerhand ins Carl-Thiem-Klinikum Cottbus, das von der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie als überregionales Traumazentrum zertifiziert wurde.

Seit 2012 regelt die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie die flächendeckende Notfallversorgung nach vorgegebenen Standards, die eine reibungslose Rettungskette ermöglichen. Ein Anruf in der Notaufnahme mobilisierte auch in diesem Fall sofort das Rettungsteam in Cottbus für die akute Versorgung des Schwerstverletzten. Privatdozent Dr. med. Andreas Domagk, Chefarzt der Unfallchirurgie, schildert die Ereignisse: „Es herrschte eine so eine dramatische Situation an der Unglücksstelle, dass der Notarztwagen auf der falschen Straßenseite halten musste.

Ein grausames Bild bot sich den Einsatzkräften. Der Unterschenkel des Verunglückten war im Lkw geblieben, als Dawid Sykala herausgeschleudert wurde. Auch sein linker Arm war fast vollständig aus dem Körper gerissen worden. Hinzu kamen mehrere schwere Weichteilverletzungen. Nase und Zähne waren gebrochen“, so Domagk. „In diesem Fall handelt es sich um ein Polytrauma, bei dem die Summe aller Verletzungen lebensbedrohlich wirkt“, erläutern Privatdozent Dr. med. habil. Jens Soukup und Anästhesist Martin Duda.

„Trotz sofortigen Abbindens vor Ort war der Blutverlust so enorm, dass es an ein Wunder grenzt, dass er überlebt hat. Ich habe vorher noch keinen Patienten erlebt, der das mit so einem extrem niedrigen Hb(Hämoglobin)-Wert geschafft hat. Er war fast ausgeblutet, sagt Dr. Domagk.

Dawid Sykala beim Diskuswerfen.
Dawid Sykala beim Diskuswerfen. FOTO: Dawid Sykala

Intensivmediziner Dr. med. Alexander Nicko hatte an diesem Abend Dienst und war an der Erstversorgung in der Notaufnahme und der Intensivstation beteiligt. „Bei diesem extrem hohen Blutverlust haben wir uns sofort für den Operationssaal entschieden.

Die schweren Blutungen wurden von den Chirurgen gestoppt, der Stumpf am linken Bein versorgt. Parallel dazu mussten der Kreislauf stabilisiert und intensivmedizinische Maßnahmen eingeleitet werden. Alles gleichzeitig. Ohne den Einsatz vieler Notfallspezialisten, die gewohnt sind, Hand in Hand zu arbeiten, wäre das unmöglich gewesen“, erinnert er sich.

Allein in den ersten 24 Stunden erhielt der Patient 18 Blutkonserven, insgesamt wurden es mehr als doppelt so viele. „Immer genügend Blutreserven zu haben, ist eine der Voraussetzungen für die Zertifizierung zum überregionalen Traumazentrum. Die nächste Rezertifizierung steht im nächsten Jahr an“, sagt der Chefarzt der Unfallchirurgie.

In den nächsten Wochen folgte für Dawid Sykala Operation auf Operation. Fast vier Monate befand er sich im Carl-Thiem-Klinikum. 24 Tage wurde er künstlich beatmet. „Ich hatte keine Angst vor Operationen, freute mich sogar etwas darauf. Denn die Narkose war für mich ein wenig Erholung von den Schmerzen und dem gesamten Stress“, gesteht er. Der junge Patient lernte fast das halbe Haus kennen. Vom Anästhesisten über den Unfallchirurgen, die Krankenschwestern und Pfleger  bis zu Physiotherapeuten und Logopäden. „Für mich war es ein großes Glück im Unglück, dass ich nach Cottbus gekommen bin“, zeigt sich Dawid Sykala überaus dankbar. Das Ärzteteam aber ist voller Respekt für den Kampfgeist des jungen Mannes: „Wenn ein Patient will, hat er eine Chance“, sagt der Chefarzt der Unfallchirurgie. Dawid Sykala aber ist nicht nur dem Tod von der Schippe gesprungen. Er stellt sich auch mutig den Herausforderungen des Lebens. Eine Prothese hilft ihm. Dabei ist es nicht immer leicht, die Balance zu behalten. Und doch: Trotz Verlust des linken Unterschenkels und des linken Armes fährt er wieder Auto – mit Automatik. Was ihm aber vor allem neuen Lebensmut gibt: Mehrmals die Woche trainiert er mit anderen Behindertensportlern in Zielona Gora Kugelstoßen und Diskuswerfen. Als Jüngster unter den Trainierenden hat ihn der Ehrgeiz gepackt: „Ende September will ich bei den polnischen Meisterschaften starten. Mein großes Ziel aber sind die Paralympics“, sagt er mit einem bescheidenen, aber siegesgewissen Lächeln. Glückwunsch – nicht nur zum heutigen Geburtstag!

Dr. med. Alexander Nicko und Dawid Sykala im CTK.
Dr. med. Alexander Nicko und Dawid Sykala im CTK. FOTO: CTK / Susann Winter