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| 14:23 Uhr

Traditionelles Handwerk
Zwei Kerle mit dem Feuer-Gen

 Wenn Grobes zu Filigranem wird: Rick Jurisch arbeitet in der Kleinen Spreewaldschmiede in Stradow bei Vetschau. Gemeinsam mit Martin Hampe besitzt der Schmiedemeister wahrhaftig das Feuer-Gen.
Wenn Grobes zu Filigranem wird: Rick Jurisch arbeitet in der Kleinen Spreewaldschmiede in Stradow bei Vetschau. Gemeinsam mit Martin Hampe besitzt der Schmiedemeister wahrhaftig das Feuer-Gen. FOTO: Cornelia Meißner
Vetschau/Stradow. Rick Jurisch und Martin Hampe pflegen eine alte Tradition: das Schmiedehandwerk in der „Kleinen Spreewaldschmiede“ bei Vetschau. Von Cornelia Meißner

Kohledunst. 1200 Grad. Das Fauchen des Gebläses verkündet den Sauerstoff in der Esse und das Hochschlagen der Flammen. Sie entzünden den Raum einen Moment hell. Die „Kleine Spreewaldschmiede“ ist wohl temperiert. Der Meister zieht das glühende Eisenstück aus dem Feuer. Schnell muss es auf den Amboss. Sogleich schwingen sie die Hämmer, mit Kraft fahren sie auf das Metall nieder. Langsam ergibt sich das Eisen, wird dünn, flach, zu einem Axtkopf.

Rudeleisen, Feuer- und Eishaken, Äxte, landwirtschaftliche Geräte – im Spreewald hat das Schmiedehandwerk eine lange Tradition, aber auch ein Problem: Den „Jungen“ fehlt es zunehmend an nötigem „Feuer“ für das „Alte“. Ganz anders ist das bei Rick Jurisch und Martin Hampe. Dem Team der „Kleinen Spreewaldschmiede“ in Stradow bei Vetschau kann es gar nicht heiß genug werden.

Rick Jurisch, der 29-jährige Spreewälder, wollte schon als Kind Schmied oder Steinmetz werden. „Das muss wohl an meinen Vorfahren liegen, ich habe halt ein Feuer-Gen“, sagt er. Einer seiner Großväter war ebenfalls Schmied. „Zudem ist es einfach toll, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen, zu sehen, wie Grobes zu Filigranem wird.“ Aus dem Spreewald wollte er nie weg, auch wenn ihn sein Weg zunächst nach Berlin führt. Wer Schmied werden möchte, lernt heute Metallbauer mit Fachrichtung Metallgestaltung. Rick Jurisch ist nach dreieinhalbjähriger Ausbildung einer der wenigen Jahresabsolventen. „Es kommen ungefähr 24 Leute pro Jahr von den drei Schulen deutschlandweit“, verrät er. Er selbst setzt noch den Metallbaumeister obenauf und kann später seinen alten Lehrklassenkumpel Martin Hampe (auch 29 Jahre) für sein Projekt gewinnen.

Feuer und Metall sind die Leidenschaft des jungen Rick. Bereits in Kindertagen experimentiert er herum. Kein Wunder also, dass er von den ersten „Lehrpfennigen“ einen Amboss erwirbt. Mit der Zeit kommen weitere Werkzeuge hinzu. 2016 geht der frisch gebackene Schmiedemeister ins Risiko, macht sich selbstständig und holt als Gesellen Martin Hampe aus dem Märkischen in den Spreewald. Gemeinsam bauen sie den alten Stall auf dem Hof der Großeltern Jurisch um, und die „Kleine Spreewaldschmiede“ heizt dauerhaft die Esse an.

Heute sind die Metallgestalter spezialisiert auf Restaurierung und Rekonstruktion. Sie erwecken wunderschöne Zäune und Tore zu neuem Leben, machen Scharniere, Türschlösser und altes Gerät wieder nutzbar. Die Besonderheit: Die Mitarbeiter der Spreewaldschmiede können einen bestimmten Greif- und Hebelhaken zum Transport von Baumstämmen herstellen. Jurisch und Hampe gehören zu den Wenigen, die Rudeleisen und Original Spreewälder Eishaken schmieden. „Rudeleisen werden im Spreewald von den Kahnfährleuten verwendet. Sie gehören auf das untere Ende der Rudel, den Stangen zum Staken. Wenn wir mit unserer Feldschmiede auf den Märkten sind, können die Eisen auch direkt warm auf die Rudel aufgezogen und vernietet werden, dann brauchen die Kahnleute nicht extra zu uns in die Werkstatt kommen“, sagt Geselle Hampe.

Zudem werden Messer, Äxte, Kerzenständer und Kunstgegenstände hergestellt. „Die Original Spreewaldeishaken werden ebenfalls an Stangen montiert. Die größeren dienen zum Runterreißen von Schilf auf den Dächern, wenn es brennt, während die kleineren als Sicherheitshaken genutzt werden, wenn die Spreewälder im Winter über zugefrorene Fließe wandeln.“

Der Spaß an der Arbeit ist den „Feuerteufeln“ deutlich anzumerken. „Natürlich müssen wir in erster Linie überleben. Aber uns ist vor allen Dingen die Freiheit wichtig, tun zu können, was Freude macht“, schwärmt Meister Rick Jurisch über seinen Beruf. Dass er und sein Geselle Martin ein gutes und äußerst lustiges Team sind, davon können sich Besucher so mancher Märkte überzeugen. Während die Beiden über einzelne Arbeitsabläufe keine großen Worte mehr verlieren brauchen, gelten sie auf den Märkten, wie Martin sagt, als „eisenverbiegende Waschweiber“ und sorgen mit viel Witz für lockere Atmosphäre. Interessierte können die Feldschmiede nebst lustigen Schmiedeleuten übrigens auch gern für ein Event buchen.

Auch Schmiede-Workshops vor Ort sind möglich. „Wir geben gern Einblicke in unsere tägliche Arbeit und teilen unser Wissen. Die Teilnehmer können sich ausprobieren oder weiterbilden. Am Schluss soll jeder mit einem guten Gefühl nach Hause gehen“, sagen die Metallverarbeiter. „Das Tolle an dem Material ist ja, dass alles möglich ist. Da hat man ein Stück Flachstahl oder Vierkant, und mit einer guten Idee und gezielten Hammerschlägen wird es am Ende ein Traum aus Stahl“, sagt der Meister.

Auf dem Gelände des Bauernhofs hat Rick Jurisch noch viel vor. Mit Blick über die eigenen Felder erklärt der junge Schmiedemeister: „Es wird weiter ausgebaut. In die Scheune kommen irgendwann ein paar Ferienwohnungen. Dann bleiben die Besucher gleich über Nacht, und wir können abends am Lagerfeuer ein bisschen quatschen.“

Apropos, da gab es doch noch diese Geschichte? „Ja. In der Tat haben wir des Teufels Huf beschlagen. Soviel sei verraten: Es trug sich seinerzeit in Leipe zu, dass ein Wirt bestohlen wurde. Damit sich der Vorgang nicht wiederhole, bat der Gastwirt uns dazu. Wie wir dem Teufel einen eisernen Schuh verpassten, was eine Ochsenkette damit zu tun hatte und ob wir unsere Seele verkaufen mussten, dass erzählen wir gern – am Feuer der Kleinen Spreewaldschmiede oder der Feldschmiede bei uns auf dem Hof.“

Weitere Informationen über den Schmiedemeister und seinen Gesellen können auch im Internet auf www.kleine-Spreewaldschmiede.de abgerufen werden.