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Zu Besuch in der alten Heimat

Die Reihenhäuser in der Bebelstraße, gefertigt aus Plattenbau-Komponenten – für Stadtführer Jürgen Othmer (2.v.l.) war der Halt hier ein Muss.
Die Reihenhäuser in der Bebelstraße, gefertigt aus Plattenbau-Komponenten – für Stadtführer Jürgen Othmer (2.v.l.) war der Halt hier ein Muss. FOTO: Preikschat
Lübbenau. Der Treffpunkt war gleich ein erster Höhepunkt für die knapp 20 Klassentreffen-Teilnehmer. Vom Terrassendach des elfgeschossigen Spreewaldhauses konnten die Damen und Herren Jahrgang 1958 und 1959 auf ihre ehemalige Bildungseinrichtung in der Humboldtstraße herabschauen. Daniel Preikschat

In der EOS "Rosa Luxemburg" hatten sie vor 40 Jahren Abitur gemacht. Manch einer der Ausflügler dürfte auch das Wohnhaus erkannt haben, in dem er einst mit Eltern und Geschwistern wohnte. Der erste Eindruck von oben: "Grüner und bunter als damals."

Weitere Überraschungen folgten auf ebener Erde beim Durchstreifen der Wohnquartiere und bei Betrachtung diverser Städtebauprojekte. Den neuen WiS-Geschäftssitz am Oer-Erkenschwick-Platz - klar, den musste Jürgen Othmer von der Lübbenaubrücke seinen Gästen zeigen. An den Reihenhäusern in der Bebelstraße, gefertigt aus Plattenbau-Komponenten, führte ebenfalls kein Weg vorbei.

Spätestens jetzt konnte Dr. Gabi Ernst-Brandt festhalten: "Also, wirklich schön geworden. Gerade im Vergleich mit anderen Städten dieser Größe." Die Lehrerin aus Bonn freut sich für ihre alte Heimat.

Sabine Huwe, ebenfalls heute Lehrerin, vermisste allerdings Balkone an dem Wohnblock in der Straße des Friedens, in dem mal ihre Eltern gewohnt haben. Es müsse auch günstiger Wohnraum angeboten werden. Vielleicht fehlten deshalb hier die Balkone, mutmaßte Jürgen Othmer. Ihre Eltern seien aber auch schon längst umgezogen, so Sabine Huwe, nämlich in den Nachbarblock. Sie würden gern in der Neustadt leben, ließen auf die WiS nichts kommen. Einmal im Monat seien sie oder ihre Schwester bei den Eltern. Bad Freienwalde, wo sie unterrichtet, sei nicht weit weg. Daher sei sie auf dem Laufenden über das, was in Lübbenau so ansteht. Die Umgestaltung des Roten Platzes, sei "fällig". Der Platz habe ihr noch nie gefallen. Aber mittlerweile, da rings um das Einkaufszentrum alles so schick geworden ist, sei der Rote Platz zum "Schandfleck" geworden. Nicht widersprochen mochte ihr da Ulrike Schuldt, Wasserbauingenieurin aus Stralsund. Sie wohnte in der Straße des Friedens, mit Blick auf den Roten Platz: "Da waren wir oft als Kinder. Es gab damals mehr Geschäfte, man konnte Rollschuhlaufen." Ulrike Schuldt sagt: "Damals hat es mich hier weggetrieben."

Auch Dr. Detlev Langmann aus der NRW-Stadt Würselen, in der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz wohnt, hat diese Erinnerung: "Für junge Leute war Lübbenau trotz Spreewald nicht attraktiv." Der Chef einer Unternehmensberatung hat mit seinen Eltern in der Schillerstraße gewohnt, nahe der Gaststätte "Turbine", aus der am Wochenende oft nächtlicher Lärm bis in die Wohnung drang. Der Vater wohne immer noch dort, und auch gern. "Heute, aus der Erwachsenenperspektive", sagt Detlev Langmann, "ist die Neustadt schön und lebenswert." Angenehm überrascht hat ihn außerdem, dass im Gewerbegebiet so viele Arbeitsplätze entstanden sind." Allein bei Kaufland-Logistik arbeiten rund 560 Beschäftigte.

Wo sich heute das Industrie- und Gewerbegebiet von Lübbenau befindet, haben Väter und Mütter der Neustadt-Besucher in Kraftwerk und Braunkohlenwerk gearbeitet. Der Arbeitskräftebedarf dort hat die Familien in den Sechziger Jahren nach Lübbenau geholt - mit der Aussicht auf Wohnungen mit fließend Wasser und Fernwärme, wie sich Thomas Mattuschka erinnert, Bauüberwacher beim Landesbetrieb Straßenwesen. "Wir kamen 1967 aus Weißack", sagt der EOS-Absolvent von 1977. Er sei heute noch oft in der Neustadt und gehe gern im Delphinbad schwimmen. In schicken Quartieren bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, ist aus seiner Sicht "das beste Konzept", auch jüngere Mieter zu binden.

Und wo, fragten sich die Klassentreffen-Teilnehmer in der Bunten Bühne, ihrer letzten Besuchsstation, gebe es eine Stadt von der Größe Lübbenaus mit Theater?! Überall schließen Theater, hier sei eins eröffnet worden. Gerard Pieper, einer der Absolventen, die in Lübbenau geblieben sind, hat die Aufführung von "Olsenbande" gesehen: "Der Darsteller von Kjeld war besser als das Original."