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Zamper-Männer ziehen den femininen Joker

Zampern hat in Lubochow Tradition aber auch eine Besonderheit ? den jährlichen Wechsel von Frauen- und Männerfastnacht. In diesem Jahr trat eine Ausnahmeregelung in Kraft. Als Akkordeonspielerin durfte Samira Mohamed die männliche Zamper-Gesellschaft musikalisch begleiten.
Zampern hat in Lubochow Tradition aber auch eine Besonderheit ? den jährlichen Wechsel von Frauen- und Männerfastnacht. In diesem Jahr trat eine Ausnahmeregelung in Kraft. Als Akkordeonspielerin durfte Samira Mohamed die männliche Zamper-Gesellschaft musikalisch begleiten. FOTO: Uwe Hegewald (LR-MOB-RED-202)
Lubochow. Der Oberspreewald-Lausitz-Kreis umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Heute nach Lubochow.

Zampern. Treffpunkt 12 Uhr. Bauernstube. Im Twitter-Stil und mit wenigen Worten hat das "schnelle Internet" von Lubochow kürzlich den geselligen Jahresauftakt verkündet. Kenner werden bei der Lubochower Definition vom schnellen Internet schmunzeln, genügen doch für dieses ausschließlich ein kleine Tafel und ein Stück Kreide. Egal, die Dorfbewohner hätten ihr Zampern ohnehin nicht vergessen, stehen diese in Lubochow doch unter besonderen Vorzeichen. "Es gibt einen jährlichen Wechsel. In den Jahren mit geraden Jahreszahlen zampern die Frauen, an den ungeraden die Männer", erklärt Frank Kosiol. Dr. Martin Schultze kennt den Hauptgrund der selbst auferlegten Anweisung: "Es muss ja auch Leute geben, die die Zamperleute empfangen", begründet er.

Aber ganz ohne Mädel geht es trotz eingeschworener Männerrunde dann doch nicht. Auf der schwierigen Suche nach musikalischer Begleitung muss der feminine Joker gezogen und Akkordeonspielerin Samira Mohamed engagiert werden. "Ich mache alles für das Dorf", sagt die seit 2010 in Lubochow lebende und in Cottbus praktizierende Frauenärztin mit einem Augenzwinkern. Samira Mohamed gilt als Paradebeispiel für gelungene Integration. Einen Tag nach ihrem Einzug klopften seinerzeit Zamperer an ihr Hoftor und wurden herzlich empfangen. Vorausschauend hatten "Eingeborene" den Brauch erklärt und die Bereitstellung von Eiern, Speck und etwas Bargeld empfohlen. "Uns liegt das Gemeinschaftliche und Miteinander am Herzen. Schließlich verfügen wir im Dorf weder über Kirche, Kneipe oder Konsum", skizziert Kerstin Schönrock den Ist-Zustand.

Vielleicht liegt jedoch gerade in dieser Konstellation das Geheimrezept, das die Dorfbewohner verbindet. Die Harmonie im Ort und seine Nähe zum entstehenden Altdöberner See machen das Dorf auch für Menschen interessant, die in Berlin, Babelsberg, Cottbus oder Dresden arbeiten. Und wer in Lubochow Wurzeln geschlagen hat, will dieses Dorf nicht wieder verlassen. "Wir bringen es im Dorf auf drei Grundstücke mit Vier-Generationen-Haushalten", führt Martin Schultze mit unüberhörbarem Stolz an. Frühzeitig werde der Nachwuchs ans gemeinschaftliche Miteinander herangeführt und in Entscheidungen einbezogen. Als es um die Neugestaltung des Spielplatzes ging, organisierte Ortsvorsteherin Monika Schultze einen Pkw-Konvoi, der umliegende Spielplätze ansteuerte. Die Knirpse konnten die einzelnen Geräte bespielen und ihre Wünsche formulieren, an denen sich die Erwachsenen dann orientierten. Ohne dabei das Budget aus den Augen zu verlieren.

Wo das Geld knapp ist, versucht die Dorfgemeinschaft mittels Eigenleistung gegenzusteuern. "An dieser Stelle gehört es sich, auch mal der Gemeinde Neu-Seeland, dem Amt Altdöbern und der Amtsverwaltung einen Dank auszusprechen. Über mangelnde Unterstützung können wir nicht klagen", betont Kerstin Schönrock. Das Gros der Aktivitäten im Dorf steht unter der Regie von FF und LaLeLu - der freiwilligen Feuerwehr und dem Dorfverein Landleben Lubochow. Neben der Fastnacht, Maibaumaufstellen, dem Familien-, Sport- und Dorffest stehen in Lubochow auch Halloween und drei Weihnachtsfeiern (Senioren, Frauen, Männer) auf dem Programm. Hinzu kommen gelegentliche Busausflüge, Fahrradtouren und spontane Veranstaltungen wie Backofen- oder Scheunenfeste.

Den Auftakt bildet in der Regel das Zampern, bei dem der Tross bis an die Gemarkungsgrenze, ans Sieben-Mühlen-Fließ, zieht. Mit dem Besuch von zwei Mühlen, die noch bewohnt sind, summiert sich die Zamperstrecke auf rund sieben Kilometer. Stattlich aber bei weitem kein Vergleich zu einem früheren geachteten wie engagierten Bürger. Im Auftrag von elf Bauern machte der sich 1835 per Fuß auf den Weg nach Frankfurt/Oder, um an der Versteigerung des Gutsdorfes teilzunehmen. Die mitgeführten 6000 Taler genügten, um Lubochow zu ersteigern und jedem der elf Bauernwirtschaften 135 Morgen Land zuzusprechen. Fortan sahen sich die Dorfbewohner auf Augenhöhe - eine Konstellation, die sie sich bis heute bewahrt haben. "Wir sehen uns auch auf Augenhöhe mit den anderen Dörfern der Gemeinde Neu-Seeland und Nachbardörfern, mit denen enge Kontakte gepflegt werden", sagt Martin Schultze. Ressen, Lindchen, Pritzen (Gemeinde Altdöbern), Greifenhain (Stadt Drebkau) und Woschkow (Stadt Großräschen) zählt der studierte Landwirt auf. Er resümiert eine "positive Grundstimmung" die sich mit Erfüllung von zwei Wünschen nochmals festigen könnte: ein kleiner Imbiss für Einheimische und Radtouristen sowie eine lang ersehnte Kurzmitteilung am "schnellen Internet"- Brett: Breitband für alle. Ab morgen. 12 Uhr.

Zahlen und Fakten

In Lubochow leben 79 Personen, davon 14 Kinder. 1990 waren es 141 Einwohner, der Höchststand datiert mit 212 Bürgerinnen und Bürgern aus dem Jahr 1946.

An den Protestaktionen der Bürgerinitiative "Altdöberner See" gegen das Einleiten von Eisenhydroxidschlamm in den gleichnamigen See haben sich alle Haushalte beteiligt. Regelmäßige Treffen der Bürgerinitiative finden noch heute in der Bauernstube statt. Der nächste Termin: am Sonntag, dem 5. März, um 15 Uhr).