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| 19:14 Uhr

Existenzgründerin mit Auszeichnung
Gut mit Tuch bald gut betucht?

Die 30-jährige Yvonne Hamm in ihrem Atelier in Calau, in der sie modische Kinderkleidung entwirft und eigene Schnittmuster herstellt.
Die 30-jährige Yvonne Hamm in ihrem Atelier in Calau, in der sie modische Kinderkleidung entwirft und eigene Schnittmuster herstellt. FOTO: Rüdiger Hofmann / LR
Calau. Calauer Schneiderin macht sich selbstständig und bekommt Preis als grüne Gründerin. Von Rüdiger Hofmann

Gemütlich und aufgeräumt mutet das Atelier von Yvonne Hamm aus Calau an. Bespickt ist es mit den tollsten Stoffen, Schnittmustern, Tüchern und individuell gefertigter Kinderkleidung. Natürlich darf das wichtigste Werkzeug nicht fehlen: eine Nähmaschine. Die 30-Jährige hat sich einen Traum erfüllt: Seit Anfang März ist die gebürtige Heidelbergerin in ihrer Schneiderwerkstatt in Calau selbständig. Sie wohnt dort mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern. Auf dem Hof laufen drei Quessantschafe umher. Bald schon werden sie – umgangssprachlich formuliert – der Künstlerin einen Teil ihres Brotes liefern. Ihre Wolle eignet sich hervorragend zur Verarbeitung beim Schneidern.

Selbst beigebracht hat sich Yvonne Hamm das Nähen von Kindesbeinen an. „Mit fünf Jahren hat mich meine Oma an die Nähmaschine gelassen, mit zehn Jahren habe ich meine erste Hose selbst genäht.“ Viel experimentiert hat sie als junges Mädel, hat Nähte von Kleidungsstücken aufgetrennt, um sie anschließend wieder zusammenzunähen. „Die private Schule für Modedesign musste ich wieder verlassen, weil ich das Geld dafür nicht aufbringen konnte“, sagt die junge Unternehmerin. Häufig umgezogen sei sie, immer mit der Nähmaschine im Gepäck. Über Regensburg, Mannheim und Berlin landet sie schließlich in Calau. Die zweifache Mutter findet Spaß an Rollenspielen, stellt dafür eigene Schnittmuster für Verkleidungen her. „Ich kann dann ausprobieren, wie der Stoff fällt, wie die Muster aussehen und wo sie am Körper anliegen“, sagt die Schneiderin. Im November 2017 gründet sie ihr Modelabel „Viva la Mila“. Sie benennt es nach ihrer älteren Tochter Mila.

Zur Zeit arbeitet Yvonne Hamm rund um die Uhr: Sie wirkt gewissenhaft, sehr selbstkritisch, und ihre Ideen sprudeln nur so aus ihr heraus. „21 Probenäherinnen  aus Mexiko, Österreich, Deutschland und Norwegen testen derzeit meine entworfenen Schnittmuster“, sagt sie. Samt Fotos und Videos will sie diese als E-Book im Internet verkaufen. Ab dem 1. April möchte Yvonne Hamm dann auch ihre Internetseite www.vivalamila.de freischalten.

Die Brandenburger Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Petra Budke, zeichnet die junge Unternehmerin mit dem Preis „Grüne Gründerin“ aus. Gewürdigt werden ihr Mut und ihr Geschäftssinn.
Die Brandenburger Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Petra Budke, zeichnet die junge Unternehmerin mit dem Preis „Grüne Gründerin“ aus. Gewürdigt werden ihr Mut und ihr Geschäftssinn. FOTO: Rüdiger Hofmann / LR

Inzwischen ist die Öffentlichkeit auf die Calauer Existenzgründerin aufmerksam geworden. Ende der vergangenen Woche hat die Brandenburger Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Petra Budke, die 30-Jährige ausgezeichnet. Seit Mai 2016 vergibt der Brandenburger Landesverband der Grünen den Preis „Grüne Gründerin“ an engagierte Frauen aus der Mark, um ihnen mehr Präsenz in der Öffentlichkeit zu geben und ihren Mut und Geschäftssinn zu würdigen.

Budke begründete die Wahl von Yvonne Hamm als achtzehnte Grüne Gründerin damit, dass sie hochwertige Kleidungsstücke, Geschenke und Accessoires kreiere und bei den Kundinnen ein Bewusstsein für den Wert von Kleidung schaffe: „Nachhaltigkeit und Hochwertigkeit sind Yvonne Hamm wichtig: Weniger kaufen, aber dafür langlebiger, auf- und wiederverwerten, selbermachen.“ Wunderbar sei es, dass die Calauerin außerdem eine kreative Nähgruppe für Kinder und Jugendliche eröffnen möchte, die neben der Handarbeit auch Geduld und Konzentration lernen. „Das zeugt davon, dass Yvonne Hamm ihr Wissen weitergeben will und es ernst damit meint, andere zu befähigen, nachhaltiger zu leben“, sagt Budke.

Fast schon schüchtern reagiert die junge Unternehmerin auf die Auszeichnung. „Ich habe mir nie Gedanken gemacht, ob ich grün oder nachhaltig bin. Aber die Vorstellung, dass da eine Mutter irgendwo in einer Fabrikhalle für einen Hungerlohn und unter schlimmen Gegebenheiten Akkordarbeit leisten muss, um ihre Familie zu versorgen, war meine Motivation, etwas ändern zu wollen.“