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| 17:23 Uhr

Humanitärer Einsatz
Wohin man sieht: Smog, Schmutz, Müll

Die Internistin Ute Arend ist gegenwärtig in Bangladesch.
Die Internistin Ute Arend ist gegenwärtig in Bangladesch. FOTO: Ute Arend
Vetschau/Chittagong. Die Vetschauer Ärztin Ute Arend ist erneut für German Doctors unterwegs. Diesmal hilft sie den Armen in Bangladesch.

Bereits zwei Mal war die Vetschauer Internistin Ute Arend auf den Philippinen. In Cebu und bei den Mangyans half sie den Armen bei der medizinischen Betreuung. Darüber hinaus hat sie einmal im Slum von Kenia bei Projekten der German Doctors mitgearbeitet.

Seit Mitte Januar ist die engagierte Internistin erneut unterwegs. Diesmal hilft sie in Bangladesch, in der Millionenstadt Chittagong. Darüber berichtet sie den RUNDSCHAU-Lesern:

Schon bei meiner Ankunft hier wird mir klar, dass es sich nicht gerade um eine Postkartengegend handelt. Smog, Schmutz, Müll und Gestank, wohin man schaut und es ist unglaublich laut. Fahrradrikschas, die kleines grünen Babytaxis (CNG’s) und Busse bestimmen die Straßen und wie in Asien üblich: wer am lautesten hupt, hat Vorfahrt. Alle fahren wild durcheinander und dennoch, irgendwie funktioniert es. Für sechs Wochen arbeite ich hier im „Father Boudreau’s Medical Centre“. Es liegt im Stadtteil Patharghata, einer ehemals portugiesischen Enklave, wo viele Christen der Mittelschicht leben. Ansonsten ist das Land zu 86 Prozent muslimisch, aber auch Hindus sind hier zu Hause.

Der Ursprung des medizinischen Zentrums geht auf den kanadischen Priester und Arzt, Father Boudreaux, zurück, der es gründete und bis 1973 leitete. Nach seinem Tod war es zunächst für längere Zeit geschlossen. Durch Gelder der deutschen Entwicklungshilfe und der German Doctors wurde es im Jahr 2000 wiedereröffnet und besteht bis heute aus zwei getrennten Einheiten: dem Father Boudreau’s Medical Centre, welches Patienten der christlichen Mittelschicht gegen Bezahlung betreut, und dem „Medical Center for the Poorest of the Poor“, indem wir die Patienten betreuen, die sich einen einheimischen Arzt nicht leisten können. Hier arbeiten immer zwei deutsche Ärzte für sechs Wochen in ihrer Freizeit unentgeltlich.

Es ist nicht so einfach festzulegen, wer Anspruch auf Behandlung in unserer Abteilung hat. Deshalb gehen zwei geschulte Gesundheitsarbeiterinnen regelmäßig in die umliegenden Slums und laden die Armen, die dort leben, zur Behandlung bei uns ein. Es soll über 1800 Slums innerhalb des Großraumes Chittagong geben mit allein 1,8 Millionen Bewohnern. Die Stadt selbst hat in ihrem Großraum 4,5 Millionen Einwohner. Unsere Patienten sprechen kein Englisch und so hat jeder von uns Ärzten einen Übersetzer. Das macht das Arbeiten natürlich recht mühsam und alles dauert etwas länger. Röntgenuntersuchung, dringende Laboruntersuchungen und Ultraschall können wir im benachbarten Zentrum machen. Das darf man aber nicht mit unseren Möglichkeiten zuhause vergleichen. Hier wird nur das wirklich Allernötigste untersucht. Für mehr ist kein Geld da. Jeder Patient wird bei seiner Anmeldung gewogen, Blutdruck, Puls und Fieber gemessen. So können wir sofort erkennen, ob jemand stark abgenommen hat oder Kinder Fieber haben.

Während meiner ersten Woche hier ist es ungewöhnlich kalt, so kalt wie seit 50 Jahren nicht mehr. Mein Übersetzer sitzt mit dicker Steppjacke und hochgezogener Kapuze in der Sprechstunde. Alle frieren entsetzlich. Es gibt natürlich keine Heizungen und am meisten leiden die Bewohner in den Slums in ihren Blechhütten.

Die Mütter klagen sehr darüber, dass sie nicht wissen, wie sie ihre Kinder warm halten sollen. Dabei schlafen alle in einem Bett und dürften sich gegenseitig wärmen. Ihre Kleidung ist auch wirklich sehr dünn. Sie sind auf tropische Temperaturen eingerichtet. Wenn sie können, legen sie dicke Tücher um oder dann sitzt schon mal ein Mann mit einem Kopftuch in der Sprechstunde. Erst dachte ich, er hat Zahnschmerzen. Wir haben alle Hände voll zu tun, um die vielen Erkältungen unserer vor allem kleinen Patienten zu behandeln. Doch unsere Behandlungsmöglichkeiten sind sehr begrenzt. Meist sind es zum Glück nur einfache Infekte der Atemwege. Da haben wir nur Paracetamol. Hustensaft oder Einreibungen gibt es nicht. Aber eine schwere Bronchitis oder Lungenentzündung können wir mit Antibiotika behandeln.

Ein weiterer Grund für die vielen Atemwegsirritationen ist der derzeitige Smog über Chittagong. Von unserer Dachterrasse, wir wohnen direkt auf dem Dach der Ambulanz, können wir gerade einmal 100 Meter weit schauen. Dann kommt da noch ein anderer Fakt hinzu. Die Slums sind ja überwiegend an den Flussufern gebaut. Dort ist aber der Boden extrem durch Abfälle verseucht. Am Tage, wenn sich die Bewohner draußen bewegen, ist es kein Problem. Der Boden gibt jedoch langsam Toxine frei und in der Nacht atmen die Bewohner diese dann ein. Besonders die Kinder leiden darunter.

Eine junge Frau klagt über Schmerzen im Hals und Nackenbereich. Mir fallen Lymphknotenschwellungen im Halsbereich auf. Erst auf intensives Nachfragen meinerseits berichtet die Patientin, dass sie bis August 2017 eine Tuberkulosebehandlung hatte. Die Behandlung dauerte ein Jahr. Das ist eher ungewöhnlich lange, und so ist zu vermuten, dass es sich um eine multiresistente Tuberkulose gehandelt haben könnte. Doch bevor ich jetzt hier die Pferde scheu machen, bekommt sie für zehn Tage ein Antibiotikum. Inzwischen wird sie noch einmal ins Labor gehen. Ich hoffe, sie kommt nach zehn Tagen wieder. Sollte die Lymphknotenvergrößerungen immer noch da sein, werde ich wohl einen neuen Sputumtest machen lassen müssen, denn es könnte sich nun um eine Lymphdrüsentuberkulose handeln.

In der Regel muss ich so 45 bis 50 Patienten am Tag behandeln. Es ist genügend Zeit, um selbst bei den begrenzten Möglichkeiten eine Diagnose zu stellen und so gut als möglich zu behandeln.

Einmal in der Woche fahren wir direkt in einen Slum, um dort vor Ort Patienten zu behandeln. Doch davon möchte ich beim nächsten Mal berichten.

Abfälle wie hier am Fluss setzen Toxine frei. Und das macht krank. Hinzu kommt der Smog.
Abfälle wie hier am Fluss setzen Toxine frei. Und das macht krank. Hinzu kommt der Smog. FOTO: Ute Arend
Eine typische Straßenszene in Bangladesch: viele Rikschas sind im Stadtbild zu sehen.
Eine typische Straßenszene in Bangladesch: viele Rikschas sind im Stadtbild zu sehen. FOTO: Ute Arend
Es ist so kalt wie seit 50 Jahren nicht mehr in Chittagong. Patienten warten auf die German Doctors.
Es ist so kalt wie seit 50 Jahren nicht mehr in Chittagong. Patienten warten auf die German Doctors. FOTO: Ute Arend