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Wo die Kinder wichtig sind

Wie Bolschwitz vor mehr als 20 Jahren aus der Vogelperspektive ausgesehen hat, zeigt Ortsvorsteher Jürgen Jentsch der Jury.
Wie Bolschwitz vor mehr als 20 Jahren aus der Vogelperspektive ausgesehen hat, zeigt Ortsvorsteher Jürgen Jentsch der Jury. FOTO: Kuschy
Bolschwitz. Heute nimmt Oskar Kindergarten-Frei. Der Fünfjährige ist unentbehrlich beim Rundgang der Wettbewerbskommission "Unser Dorf hat Zukunft" durch Bolsch witz. Hannelore Kuschy

Der junge Mann vertritt an diesem Vormittag die gesamte Kinder- und Jugendschaft des idyllisch gelegenen Dorfes. Immerhin ist jeder sechste Bolschwitzer zwischen einem und 16 Jahre alt. Nur sein Freund Emil, der muss heute in die Kita - also lastet auf Oskars Schultern eine gehörige Verantwortung. Die er perfekt meistert. Er stellt seine Fähigkeiten bei der Viehfütterung unter Beweis, mischt die gedämpften Kartoffeln für die beiden Schweine im Stall von Jürgen Jentsch mit Schrot und Wasser, füttert die "Ringelschwänze" und den Bullen nebenan.

Das, was Oskar viel Spaß macht, hat durchaus einen tiefen Sinn. Den der Ortsvorsteher der Jury auch gleich erklärt: "Die Kinder erfahren so, welche Arbeiten im Dorf zu erledigen sind. Wir versuchen damit, ältere und junge Bolschwitzer zusammenzubringen. Die einen mit ihren Erfahrungen, die anderen, die von ihnen lernen."

Die Gäste sind schwer beeindruckt. Denn sie hatten zuvor auch schon von Stefanie Kain und Reni Walter erfahren, was die Muttigruppe, zu der auch noch Peggy Wunderlich gehört, in dem Ortsteil auf die Beine stellt. Sie kümmern sich um die Kleinen, veranstalten Kinderzampern, Herbstfest und Weihnachtsfeier. Inzwischen würden einige schon so selbstständig, dass sie beispielsweise Halloween ganz allein organisieren, erzählen die beiden Frauen, die auch zur elfköpfigen Frauengruppe des Ortes gehören, die sich monatlich trifft und viel unternimmt.

"Hier merkt man, dass Kinder wichtig sind", stellt Marlies Schöne von der Jury fest. Jürgen Jentsch lasse sich immer etwas einfallen. Der Ortsvorsteher erzählt den Gästen, die auf der Sitzecke mitten im Dorf Platz genommen haben, dass Bolsch witz zum 9. Mal am Wettbewerb teilnimmt, anfangs noch unter dem Motto "Unser Dorf soll schöner werden". Heute gehe es doch mehr um das Leben in der Gemeinschaft, sagt er. Den Bolschwitzern sei es nicht wichtig, in diesem Wettbewerb zu gewinnen, aber dabei zu sein, das schon. Und so seien aus vergangenen Wettbewerben doch einige Euro ins Dorf geflossen. Bäumchen wurden gepflanzt, die mittlerweile zu stattlichen Bäumen herangewachsen sind.

Jürgen Jentsch greift in eine große Kiste. Denn diesmal gibt es für jedes Kommissionsmitglied eine Verpflegungstüte für die Zeit des Aufenthaltes. Und der wird sichtlich genossen. Denn zuerst geht es durch den wunderschönen Blumengarten von Richard Glaschik. Er hat auch die Blumen auf den rustikalen Holztischen spendiert. Der Rentner hält den Dorfplatz in Schuss, mäht, gießt Blumen und kümmert sich um das Laub. Als seine Frau krank war, habe er so gut es gehe im Garten für Ordnung und viele bunte Blüten gesorgt.

"Für so ein kleines Dorf ist es schwierig, immer was Neues zu haben, aber ich finde es so toll, was sie hier machen", sagt Rudolf Kupfer von der Jury. Die lässt sich nun gern über Stock und Stein führen, vorbei an einem Rübenfeld und am künftigen Zuhause von Reni Walter. Ihre junge Familie baut sich gerade ehemalige Gästezimmer zur Wohnung um. Derweil wohnt das Ehepaar mit den beiden Kindern bei den Eltern - vier Generationen, zwischen einem und 85 Jahren unter einem Dach. Die große Ferienwohnung werde weiter vermietet. "Wir sind gut ausgebucht. Die Gäste lieben die Ruhe hier. Außerdem ist Bolsch witz ein guter Start überall hin", erzählt die junge Mutter auf dem Weg zum Gemeindeteil Erlenau, schließlich vorbei am Tabakfeld der Jannaschks. Seit Jahren ist ihr Tabakhof von Bolschwitz nicht mehr wegzudenken. Drei Landwirte im Haupt- und zwei im Nebenerwerb, ein Imker, ein Tierarzt und ein Hofladen, fünf Pachtjäger gehören zum Dorf. Auch die freiwillige Feuerwehr, die trotz des Kinderreichtums noch keine eigene Kinder- und Jugendwehr aufstellen konnte. Aber zwei stehen schon in den Startlöchern: Oskar, der heute zwar als Tierfütterer Anerkennung erntet, aber natürlich in seinem feschen Anzug angetreten ist, und sein Freund Emil.

Zum Thema:
Neun Dörfer im Oberspreewald-Lausitz-Kreis nehmen am diesjährigen Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" teil. Die Bewertungskommission besucht jedes Dorf. Im Norden waren es gestern Bolsch witz und Muckwar. Am 13. September geht es nach Kalkwitz und Groß Mehßow. Den Abschluss bildet Raddusch am 14. September. Aus dem Süden des Kreises nehmen Dörrwalde, Schwarzbach, Kostebrau und Grünewalde teil.