Warm angezogen haben sich Ingeborg Staab und Erich Dietrich aus Vetschau. Die beiden hätten aus der Zeitung von der Demo erfahren und seien selbstverständlich mit dabei, wie sie sagen. Sie wollen, dass ihre Ärztin die Praxis wieder öffnen kann, denn sie waren Patienten von Dr. Ute Arend. Ich habe zwei neue Herzklappen bekommen , sagt die Frau. Dr. Arend haben wir zu verdanken, dass meine Frau heute hier stehen kann , ergänzt ihr Mann. Ähnlich geht es Lutz Petrick aus Raddusch, der ebenfalls Patient von Dr. Arend war. Mit seiner Frau Steffi ist er zur Demo nach Vetschau gekommen. Dr. Arend hat seine Krankheit erkannt, jetzt werden wir wohl einen Hausarzt suchen müssen , sagt die bedrückte Radduscherin.
Die seit dem 1. April geltende Gebührenordnung mit der Umbewertung ärztlicher Leistungen und die neue Honorarverteilung sind der Grund, warum nicht nur Patienten, vor allem auch Ärzte aus Vetschau, Lübbenau und Calau zu den Demonstranten gehören. Allgemeinmedizinerin Dr. Michaela Smago-Klose hat ihre Praxis im Lübbenauer Kolosseum bis Mittag geschlossen. Wir sitzen doch alle in einem Boot , erklärt sie. Heute sind es die anderen, morgen vielleicht wir, die ihre Praxis schließen müssen. Die medizinische ambulante Versorgung breche zusammen, wenn nicht bald etwas passiere, betont sie.
Wir werden keine Ruhe geben, bis endlich etwas passiert , stellt Jürgen Müller, Leiter der Vetschauer Herzgruppe, klar. Innerhalb von nur
24 Stunden haben wir diese Demo organisiert , erzählt er aufgeregt. Es gehe nicht mehr nur um die Praxis von Dr. Arend, die die Herzgruppe seit elf Jahren zuverlässig betreue, wie er betont. Er habe gehört, dass mittlerweile rund 800 Praxen in Brandenburg betroffen seien. Seine Wut richtet sich vor allem gegen die Krankenkassen: Die residieren in ihren Palästen, doch die Vor-Ort-Betreuung gehört schon lange der Vergangenheit an.
Das Durchschnittsalter der Herzgruppenmitglieder liege bei 70 Jahren, aber eine solche Patientenbetreuung habe noch keiner von ihnen erleben müssen, sagt ein erzürnter Vetschauer. Sollen wir alle früher sterben? - diese Frage ist für wütende Patienten nicht mehr nur eine Frage auf ihrem Transparent, sondern wäre nach ihrer Auffassung die logische Konsequenz aus einer verfehlten Gesundheitspolitik.
Stefan Krause, Facharzt für Augenheilkunde in Vetschau, sieht sich in der gleichen Situation wie Ute Arend: Wenn das so weitergeht, bin ich im ersten Halbjahr 2006 auch am Ende, denn über 27 Prozent des Honorars sind bei mir bei gleicher Leistung weggebrochen , sagt er. Er sei akut wirtschaftlich gefährdet. Mario Karwath, Allgemeinmediziner aus Calau, ist sich sicher, dass auch in Calau Praxen schließen müssen, wenn sich der Trend fortsetzt. Er könne sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Rentner wohl in diesem Land nicht leben sollen, sie kosten zuviel . Anders sei die Politik nach seiner Auffassung nicht zu deuten. Warum brauchen wir so viele Krankenkassen, deren Vorstände unglaublich Geld verdienen , sagt Karwath provozierend und erntet den Beifall der Versammelten. Dr. Wolfram Linz, Facharzt für Orthopädie in Lübbenau, wünscht sich, dass noch mehr Bürger auf die Straße gehen. Die Krankenkassen verbrauchen mehr für sich selbst als für die medizinische Versorgung , sagt er und fordert alle auf, den Kassen Licht ans Rad zu machen.
Sichtlich ergriffen richtet Ute Arend ihre Kritik auch an die Kassenärztliche Vereinigung, von der sie bislang geglaubt hätte, sie sei ihre Interessenvertretung. Bisher hat sich niemand bei mir gemeldet , erklärt sie und beschreibt die für sie unerträglichen Zwänge, unter denen auch die medizinische Betreuung gelitten hätte. 38 Prozent Honorareinbußen hätten schließlich zum Ende ihrer Praxis geführt. Es wird noch viele Proteste geben, das wird ein Flächenbrand , erklärt sie.