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Wer war "Robert Koch" aus Lübbenau?

Lübbenau. Das Netz der Stasi-Spinne zog sich durch die Lübbenauer Neustadt: Insgesamt 113 konspirative Wohnungen sind für die Stadt nachgewiesen. Die Aufarbeitung weiterer Akten aus der Dienststelle Calau wird noch dauern. Jan Gloßmann

Die Frage nach Robert Koch ist dank Lexika und Internet schnell zu beantworten: Mediziner, Mikrobiologe, Nobelpreisträger, zudem Namenspatron vieler Straßen in deutschen Städten. So auch in Lübbenau.Wer aber war "Robert Koch" aus Lübbenau?

17 Säcke Material

Dem gehen Roland Jahn, Rüdiger Sielaff und die Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen nach. Die Behörde sichtet das Material der ehemaligen Stasi-Kreisdienststelle Calau, und die Arbeit währt noch: "Allein aus der Dienststelle Calau gibt es noch 17 Säcke mit zerschnittenem Material", sagt der Bundesbeauftragte Roland Jahn.

Anhand von Stasi-Karteien und Akten hat die Behörde beispielsweise die konspirativen Wohnungen in Lübbenau gefiltert. Zehn waren es in der Alexander-von-Humboldt-Straße, wie eine Perlenschnur ziehen sich die geheimen Treffs durch Robert-Koch-, Otto-Grotewohl- und Straße der Jugend. Die Neustadt war der Hort der Spitzelei, das Interesse der Stasi groß an allem, was im und rund ums Kraftwerk passierte oder auch nur gesprochen wurde. 113 konspirative Treffs in Lübbenau sind anhand einer Stasi-Kartei nachweisbar, von denen - da staunt selbst Fachmann Jahn - 1989 noch 80 "in Funktion" waren. 31 Straßen sind aufgelistet.

Wer stellte seine Wohnung oder ein Zimmer zur Verfügung? "Manche", sagt Jahn, "waren überzeugte Spitzel, andere verschafften sich einen finanziellen Vorteil, und es gab Leute, die wurden erpresst." Die Behörde wolle die Dichte zeigen, "wo jemand bereit war mitzuarbeiten", es gehe darum, ein "differenziertes Bild" zu zeichnen, "um zu wissen, wie das funktionieren konnte". Namen und Adressen werden nicht genannt, das bleibt Sache der Betroffenen.

Joachim Burisch (62) steht vor dieser Karte, sein Finger tippt auf die Altstadt, er weiß ja, wo er aufgewachsen ist. "Aha." Er sei überrascht über die Dichte des Netzes.

Prag 1968

Was Stasi und Staat mit Menschen angerichtet haben, hat er gespürt. 1968 sei er als vermeintlicher Rädelsführer einer Gruppe Jugendlicher ins Visier der Stasi geraten. "Wir haben gemeinsam Musik gemacht, hatten eine Band", sagt Burisch, der Jahre später selbst als Parteiloser beim Generaldirektor des Braunkohlekombinates arbeitete, aber auch einen Ausreiseantrag laufen hatte. 1968, als 18-Jähriger, sei er dann sofort zur Armee gezogen, sozusagen aus dem Verkehr gezogen worden. "Vielleicht war das auch Glück", sinniert er heute. Wenig später sind drei seiner Freunde wegen ihres Protestes gegen den Einmarsch des Warschauer Paktes in Prag in Lübbenau verhaftet worden. Ermittlungen, U-Haft, Verurteilungen waren die Folge; sie prägten das Leben der jungen Leute auch durch fortgesetzte Bespitzelung.

Und "Robert Koch"? Die Wohnung, die "Robert Koch" als Stasi-Zuträger nutzte, lag in der Lübbenauer Humboldtstraße. "Robert Koch" war eine Frau, geschieden und - das geht aus der Musterakte hervor - damit erpressbar. Die Stasi habe das gezielt genutzt; vermerkt ist es in der Akte, die über jeden Schritt der Anwerbung zwischen Januar und Juni 1982 Auskunft gibt. "Robert Koch" war bis 1989 aktiv, wurde dann wegen "Unehrlichkeit und Unzuverlässigkeit archiviert".

Roland Jahn: "Erst da haben es die Leute geschafft, ihre Angst loszuwerden."