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| 18:38 Uhr

Lübbenau
Wenn Leberreim und Orgel eine Symbiose eingehen

 Ahmad Mesgarha liest in der Lübbenauer Nikolaikirche. Die Zuhörer tauchen ein in Fontane-Ton und Orgelklang.
Ahmad Mesgarha liest in der Lübbenauer Nikolaikirche. Die Zuhörer tauchen ein in Fontane-Ton und Orgelklang. FOTO: Philipp Brendel
Lübbenau. Die traditionell gewordenen Sommermusiken haben mit dem letzten Konzert dieses Jahres in Lübbenau Theodor Fontane alle Ehre gemacht. Von Philipp Brendel

Durch die engen Gassen der Altstadt Lübbenaus flanieren, durch die mystischen Gefilde des Spreewaldes mit seinen verzweigten Kanälen treiben oder schließlich ins liebevolle kleine Lehde eintauchen: Das, was Fontane vor über 100 Jahren in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beschrieb, konnten die Gäste der letzten Sommermusik dieses Jahres in einer eindrucksvollen Gedankenreise miterleben. Hierbei ist den Zuhörern eine Symbiose aus traditioneller bis moderner Orgelmusik und eine Lesung mit Fontanes Beschreibungen rund um den Spreewald geboten worden.

Nicht nur für diejenigen, welche die Stadt Lübbenau und den angrenzenden Spreewald kennen, sondern auch für alle angereisten Gäste wird mit der ausdrucksstarken Stimme von Ahmad Mesgarha vom Schauspielhaus Dresden die Spreewaldhauptstadt auf eine besondere Weise lebendig. Es ist nicht nur ein Zurückversetzen in die Zeit Fontanes, sondern auch ein Wiedererkennen der vielen wunderbaren Kleinigkeiten, welche die Spreewaldregion auszeichnen. Wem die Vorstellungskraft noch nicht ausreicht, dem hilft die passende Orgelmusik, gespielt von João Segurado, auf die Sprünge.

Die Reise der Lesung beginnt natürlich in Lübbenau. Es sind die schönen Spreewälderinnen mit ihren auffälligen Trachten und Hauben, die auch damals schon Fontane ins Auge fallen. Die ausführlich von Fontane beschriebenen traditionellen Gewänder und der wendische Gottesdienst werden den Besuchern der Konzertlesung durch typisch spreewäldisch und in Schwarz gekleidete Frauen in den Bankreihen besonders eindrucksvoll versinnbildlicht. Der von Fontane so eindrücklich beschriebene wendische Trauerzug wird durch das bedrückend wirkende „Scherzetto“ von Louis Vierne begleitet.

Lieblich erscheint den Besuchern auch heute noch das beschauliche Lehde. Ahmad Mesgarha betont die eindrucksvollen Worte, die Fontane schon damals für diesen Flecken Erde fand: „Es ist die Lagunenstadt in Taschenformat, ein Venedig, wie es vor 1500 Jahren gewesen sein mag.“ Den Gästen erscheinen augenblicklich die Bilder der kleinen Gehöfte und Wassergassen. Die zahlreichen Einblicke wechseln sich ab: „Obstbäume, Blumenbeete und Fischerkasten teilen sich im Übrigen in das Terrain und geben eine Fülle der reizendsten Bilder.“ Die Reise mit Fontane nach Lehde geht in das „Rosace“ von Henri Mulet auf.

Wenn das Stichwort Fontane fällt, dürfen auch die Leberreime nicht fehlen. Mit Fontane zusammen lernt man nicht nur die ulkigen Reimverse kennen, sondern kehrt mit ihm auch ins Wirtshaus der Frau Schenker ein, die dem Spreewald manch „Heil- und Wunderkräfte“ zuschreibt. Nach einem ausgiebigen „Spreewaldsmahl“ mit Fontane schließt sich mit den Leberreimen ein regelrechter „Jubelhymnus“ an: Mit der lebhaften „Festival Toccata“ von Percy E. Fletcher geht alles in fröhlicher Spreewaldlaune auf.

In einer bildhaft verspielten Sprache beschreibt Fontane das Toben von Kindern im Wasser. Haben die Gäste gerade noch die Bilder dieses Wasserspiels im Gedanken, so gehen sie danach im glockenhellen Gesang des „Jesu geh voran, auf der Lebensbahn“ auf, welches von Katharina Schröder gesungen wird.

Fontane gewährt noch Einblicke in den Kätner Posts Garten, welcher durch das „Sunset“ und „Starlight“ von Sigfrid Karg-Elert musikalisch untermalt wird sowie den Ausklang des Abends bildet.

Erika Seeliger zeigt sich nach dem Konzert begeistert: „Die Musik war auf die Thematik gut abgestimmt. Es war eine schöne Komposition der beiden.“ Jutta Miottke freut die Lesung an sich: „Es ist toll, dass Fontane hier so ausführlich und nicht gekürzt dargelegt wurde.“ Eine weitere Stimme aus dem Publikum war hingegen von der Stimme Ahmad Mesgarhas angetan: „Der Leser war hervorragend. Er hat richtig Lust auf Fontane gemacht.“

Es ist kein Leichtes, die passende Musik zu einer solchen Lesung zu geben. Der Organist João Segurado kann hierbei nähere Einblicke in die Musikauswahl geben: „Wir wollten vor allem eine besondere Farbe in der Musik. Eine Musik, die eine Atmosphäre schafft.“ Kantorin Katharina Schröder stimmt diesem zu: „Ziel war es, dass die Musik den Charakter des Textes aufnimmt.“

Katharina Schröder kann für dieses Jahr der Sommermusik ein positives Resümee ziehen. Höhepunkte des Jahres waren die „Evensongs“ im Juni, die „Lieder, Chansons und Songs aus vergangenen Jahrhunderten“ im Juli und schließlich „Orgel begleitet Fontane“. Die Besucherzahlen konnten sich vor allem beim letztgenannten sehen lassen, sodass man sich auch im kommenden Jahr auf die Sommermusiken freuen kann, sagt Katharina Schröder: „Es ist ein sehr schöner Musikzyklus gerade auch für Touristen. Ich freue mich darauf, im nächsten Jahr weiterzumachen.“