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| 13:50 Uhr

Häftling in der Schule
Wenn cool sein ins Gefängnis führt

Im Beisein von Yvonne Seidel, Chris Böttcher und Daniela Kock (stehend von links), von der JVA Luckau-Duben, ist an der Oberschule Calau erstmals ein Präventionstag durchgeführt worden.
Im Beisein von Yvonne Seidel, Chris Böttcher und Daniela Kock (stehend von links), von der JVA Luckau-Duben, ist an der Oberschule Calau erstmals ein Präventionstag durchgeführt worden. FOTO: Hegewald / Hegewald Uwe
Luckau/Calau. Calauer Oberschule und Justizvollzugsanstalt Luckau-Duben starten gemeinsames Projekt.

Als einen zugänglichen, lockeren und wortgewandten jungen Mann haben Calauer Oberschüler kürzlich Chris Böttcher kennengelernt. Würden sie den 29-Jährigen auf der Straße begegnen, käme keiner der Mädchen und Jungen der Klasse 8b auf den Verdacht, dass er in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Luckau-Duben eine mehrjährige Haftstrafe absitzt.

„Ich sehe ein, dass ich großen Blödsinn verzapft habe und dafür in den Knast gewandert bin. Nochmal wird mir das nicht passieren“, beteuert Böttcher. Dass eine schwierige Kindheit mit Heim-Aufenthalten hinter ihm liegt, will er nicht als Entschuldigung geltend machen. Doch warum geriet er überhaupt auf die schiefe Bahn? Cool rüberkommen, ständig im Mittelpunkt stehen und Partys feiern, trendige Klamotten tragen ohne sich diese leisten zu gönnen und Kumpels gefallen, die sich später so gar nicht als Kumpels erwiesen, führt er an.

„Als ich in U-Haft gekommen bin, war mein Geld weg, meine Freunde waren weg und ich selbst war auch weg. Allein meine Freundin hat zu mir gehalten. Sie besucht mich gelegentlich und schreibt mir Briefe“, erzählt Chris Böttcher. Handy und Telefon gibt es im Gefängnis nicht, allenfalls ein Fernsehgerät, wenn man sich diesen mühsam zusammengespart hat. „Angefangen hat alles in eurem Alter“, sagt er mit Blick in die Klasse.

Die JVA-Abteilungsleiterin Yvonne Seidel und die Sozialpädagogin Daniela Kock wollen von den Calauer Schülern wissen, ob sie selbst auch schon einmal krumme Dinger gedreht hätten.

„Ich bin schon mal Moped gefahren, ohne einen Führerschein zu besitzen“, räumt ein Schüler ehrlich ein. Andere gestehen, sich schon mal an einer Mobbingkampagne gegenüber einem Mitschüler beteiligt zu haben.

„Und? Habt ihr euch auch schon mal Gedanken gemacht, wie sich der dann Schüler fühlt“, will Yvonne Seidel gern wissen. Achselzucken. Als sie nachhakt, wohin dauerhaftes Mobbing führen kann, lenken die Achtklässler ein: Verzweiflung, Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken führen sie an. Daniela Kock ergänzt: „Einige Betroffene isolieren sich, schüren Rachegedanken oder lassen ihre Wut an Unschuldigen oder Schwächeren aus.“ Solltet ihr selbst von Mobbing betroffen sein, so rät sie, Kontakte zu Eltern, Freunden, Verwandten oder Lehrern knüpfen.

„Im Knast bist du weitestgehend auf dich allein gestellt. Problemen kannst du dort nicht einfach aus dem Weg gehen, du musst dich diesen stellen“, erzählt Chris Böttcher, der wegen schweren Betrugs einsitzt. Irgendwann habe ihn ein komplettes Sondereinsatzkommando überwältigt. „Die vermuteten eine ganze Betrüger-Bande; sie konnten sich gar nicht vorstellen, dass knapp 400 Straftaten auf die Kappe nur eines Einzelnen gehen“, schildert er in der Klasse die Momente seiner Festnahme.

Chris Böttcher hat sich mittlerweile für einen Neuanfang entschieden. Nach seinen Erfahrungen als Kantinenfachkraft und einer Ausbildung als Fachmann in der Systemgastronomie will er nun auch noch eine Lehre als Koch erfolgreich abschließen. „Wenn alles gut geht, habe ich mit 29 Jahren meinen ersten Berufsausbildungsabschluss in der Tasche“, sagt er.

Aufgrund seiner kooperativen Einstellung befindet sich chris Böttcher inzwischen im offenen Vollzug und durfte deshalb auch an dem Schulprojekt in Calau teilnehmen. Wie Daniela Kock und Yvonne Seidel informieren, sei es das erste Präventions-Projekt dieser Art überhaupt. Bei Klassenleiterin Kathrin Hoch seien sie mit dem Vorschlag gleich auf offene Ohren gestoßen, wie auch bei Hanns Christian Hoff.

Der Leiter der JVA Luckau-Duben gab nach einer eingehenden Prüfung seinen Segen für das Projekt, welches fortgeführt werden soll. Chris Böttcher hat bereits signalisiert, auch zukünftig dabei mitwirken zu wollen.