| 17:38 Uhr

Ausstellungseröffnung
Wanderung durch Schwalmes Bilderwelten

Schauspieler und Autor Lutz Jahoda (r.) sowie der Lübbenauer Bürgermeister Helmut Wenzel  hielten im Rathaus-Foyer die Lobreden auf Reiner Schwalme (l.).
Schauspieler und Autor Lutz Jahoda (r.) sowie der Lübbenauer Bürgermeister Helmut Wenzel  hielten im Rathaus-Foyer die Lobreden auf Reiner Schwalme (l.). FOTO: Daniel Preikschat / LR
Lübbenau. Kritisch, witzig, gekonnt — 120 Karikaturen Reiner Schwalmes werden in Lübbenau präsentiert.

Ein 90-Jähriger hält die Laudatio für einen 80-Jährigen. Schon allein dieser Umstand verlockte am Donnerstag Abend zum Besuch des Lübbenauer Rathaues. Der 90-Jährige, den mindestens 150 Besucher antrafen, wirkte allerdings durchaus nicht 90-jährig. Mit Schwung und Temperament gab Lutz Jahoda eine kurzweilige Lobrede zum Besten, die seine Zuhörer immer wieder schmunzeln, lächeln, kichern und staunen ließ.

Reiner Schwalme, so der 90-Jährige über den 80-Jährigen, sei ein „Großmeister der Politsatire“, ein „Historiker mit dem Zeichenstift“. Er könne, was ein guter Zeichner, Karikaturist und Buchillustrator mit wachem Geist können muss: verknappen, verzerrt darstellen, auf das Wesentliche reduzieren. Über Geschichtskenntnisse müsse er verfügen, angriffslustig sein, dabei zugleich ein Menschenfreund mit Einfühlungsvermögen. So sei denn Reiner Schwalme eben auch „ein Problemversteher wie kein Zweiter, einer, der sich in Nöte, Ängste, Missbehagen eines Anderen hineinversetzen kann.“

Am Ende seines Vortrags kehrte Lutz Jahoda gar den Dichter heraus. Es klang fast wie ein Vermächtnis, als er über Schwalme reimte: „Seine zeichnerischen Werke zu bewahren, gilt als Pflicht. Leicht erkennbar deren Stärke, damit auch ein Kind bemerke, was erlaubt ist und was nicht.“ Und anspielend auf die Zahl der Lebensjahre: „Achtzig plus neunzig ergibt hundertsiebzig! Bei hundertsiebzig, schnallt euch bitte an! Ab hundertsiebzig im Gegenwind verbiegt sich Manches noch zum Guten.“

Die Schau stehlen konnte der ehemalige DDR-Fernsehliebling und verspätete Literat dem Karikaturisten aus Lübbenau allerdings nicht. Schwalme, dem Schmeichelreden wahrscheinlich berufsbedingt schon immer suspekt gewesen sind, dankte kurz für die „ultimative Lobhudelei“. Und lud dann sogleich ein zu der von Lutz Jahoda so genannten „Wanderung durch Schwalmes Bilderwelten“. Auf drei Stockwerken haben sie die Ausstellungsmacher – neben Schwalme selbst noch Queenie Nopper und Michael Hensel von der Lübbenaubrücke – ausgebreitet. 120 Arbeiten aus 50-jähriger Tätigkeit als politischer Karikaturist hatte Schwalme ausgewählt für die Ausstellung anlässlich seines 80. Geburtstages im vergangenen Jahr. Aber wie sie präsentieren?

Auf Vorschlag Michael Hensels wurden 36  PVC-Planen in verschiedenen Formaten mit den Karikaturen bedruckt. So konnten Arbeiten zusammengefasst werden, die eine thematische Nähe aufweisen. Wie jetzt in der Ausstellung schön zu sehen, hat Schwalme immer wieder die Profitgier der Wirtschaftsbosse, Waffenexporte und Auslandseinsätze der Bundeswehr kritisch betrachtet, aber auch die falschen Wahlversprechungen der Politiker und die Leichtgläubigkeit der Wähler. Das diktatorische Gebahren einiger Staatschefs, religiöser Wahn und die um sich greifende Umweltzerstörung – Reiner Schwalme schreckte vor großen politischen Themen nie zurück.

Platz hatten bei ihm, zumindest legt das die Ausstellung nahe, aber offenbar auch immer Humor und Witz. Bei Schwalme ersticht schon mal ein Weihnachtsmann einen Kollegen und stiehlt ihm den Geschenkesack. Oder eine Frau serviert Tee mit kämpferische Geste und dem Revolutionsmotto: „Liberté, Egalité, Fraternité, Pfefferminztee!“

Reiner Schwalmes Arbeiten, finden Queenie Nopper und Michael Hensel, könnten überall in Deutschland ausgestellt werden – und würden ihr begeistertes Publikum finden. Was jetzt noch bis zum 23. Februar während der Öffnungszeiten im Rathaus zu sehen ist, sei als Wanderausstellung konzipiert. Die Planen können zusammengerollt werden und sind leicht zu transportieren, außerdem sind sie witterungsbeständig und sehr stabil.

Selbst wenn die Karikaturen in ferner Zukunft einmal an Aktualität eingebüßt haben sollten, würde sich immer noch eine gute Verwendung finden. Queenie Niopper hat da schon eine Idee: „Man könnte aus ihnen Taschen schneidern.“

Leere Wahlversprechungen.
Leere Wahlversprechungen. FOTO: Reiner Schwalme
Langweiliger Tatort.
Langweiliger Tatort. FOTO: Reiner Schwalme
Langsam mahlende Mühlen der Bürokratie.
Langsam mahlende Mühlen der Bürokratie. FOTO: Reiner Schwalme
Thema Umweltzerstörung.
Thema Umweltzerstörung. FOTO: Reiner Schwalme
Selbstverliebter Präsident.
Selbstverliebter Präsident. FOTO: Reiner Schwalme
Bei Reiner Schwalme bekommt sein Fett weg, wer es verdient. Fernsehkonsumenten, Politiker mit ihren Versprechen, Recep Tayyip Erdogan, der in der Türkei die Pressefreiheit angreift, der selbstverliebte Donald Trump, den die Erderwärmung nicht interessiert, und untätige Bürokraten.
Bei Reiner Schwalme bekommt sein Fett weg, wer es verdient. Fernsehkonsumenten, Politiker mit ihren Versprechen, Recep Tayyip Erdogan, der in der Türkei die Pressefreiheit angreift, der selbstverliebte Donald Trump, den die Erderwärmung nicht interessiert, und untätige Bürokraten. FOTO: Reiner Schwalme