Von Liesa Hellmann

„Man tanzt, man schwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt. Nun sage mir, wo es was Besseres gibt?“, sagt der Teufel Mephisto beim Anblick der Brockenhexen zum Titelhelden von Johann Wolfgang von Goethes „Faust“. Am Abend des 30. April gehen, noch bevor es dunkel wird, die Hexen um. Allerdings treten sie nicht aus Harzer Tannenwäldern hervor, und sie versammeln sich auch nicht auf dem Gipfel des Brockens. Sie lauern am Lehder Fließ und tanzen um den Maibaum im Freilandmuseum Lehde. Walpurgisnacht und Spreewald – wie passt das zusammen?

„So lange ich denken kann, wurde so etwas hier nicht gemacht“, sagt Gertraut Romke, die ihr ganzes Leben – im Sommer werden es 88 Jahre sein – im Spreewalddorf Leipe verbracht hat. „Als ich Kind war, wurde auch in Leipe ein Maibaum aufgestellt. Aber Hexen kamen da nicht vor.“ Marlene Jedro, die sich mit Spreewälder Sagen und Bräuchen beschäftigt, stimmt ihr zu: „Ich wohne seit 50 Jahren in Leipe und kenne diesen Brauch hier nicht.“ Das könne aber auch daran liegen, dass Leipe als Insel inmitten des Spreewalds liegt und bis in die 1960er-Jahre nur per Kahn erreichbar war; an anderen Orten könne anderen Bräuchen nachgegangen worden sein.

Steffen Franke: „Wir wollen den Gästen den Aufenthalt angenehm machen.“

„Die Walpurgisnacht ist eigentlich kein typisch Spreewälder Brauch“, sagt auch Steffen Franke, Vorstandsvorsitzender der Kahnfährgenossenschaft Lübbenau und Umgebung eG, die das Event gemeinsam mit dem Freilandmuseum Lehde und dem Verein Rubiško organisiert. „Wir suchen aber immer nach Möglichkeiten, den Gästen den Aufenthalt angenehm zu machen.“ Bei der Walpurgisveranstaltung gehörte dazu zunächst eine Kahnfahrt nach Lehde, der unterwegs Hexen am Ufer auflauerten.

Im Freilandmuseum wurde dann ein Maibaum aufgestellt, und es gab Spiele für die Besucherinnen und Besucher: Gummistiefelweitwurf, um die Wette Wasser vom Fließ zu einem Bottich tragen und Tauziehen. Die Türen der Häuser im Freilandmuseum wurden mit Kreide mit Kreuzen versehen, die Schutzzeichen sein sollen. Zurück nach Lübbenau ging es wieder mit dem Kahn in einer etwas größeren Runde und in Begleitung eines Kahns voller Hexen, die in ihrem Gebaren durchaus den Hexen aus Goethes „Faust“ Konkurrenz machten: „Das drängt und stößt, das rutscht und klappert! Das zischt und quirlt, das zieht und plappert! Das leuchtet, sprüht und stinkt und brennt! Ein wahres Hexenelement!“ So beschreibt Mephisto den Anblick der Walpurgisnacht, die er mit Faust besucht. Allerdings nehmen die beiden am Hexentanz am Brocken teil. Ist die Walpurgisnacht im Spreewald also nur eine touristische Veranstaltung ohne historischen Bezug?

Das Austreiben böser Geister hat auch im Spreewald Tradition

„Das Aufstellen des Maibaums hat auch im Spreewald Tradition“, sagt dazu Steffen Franke. Jenny Linke von den Museen des Landkreises Oberspreewald-Lausitz, zu denen auch das Freilandmuseum Lehde gehört, erklärt: „In der Walpurgisnacht wird das Austreiben des Winters und der bösen Geister begangen. Dies ist Teil des heidnischen Glaubens, der auch in vielen Bräuchen steckt, die typisch für den Spreewald sind.“

Andrea Pursche sieht das ähnlich. Sie ist Vorsitzende des Vereins Rubiško, der sich der Pflege sorbischer und wendischer Trachten und Bräuche verschrieben hat. Am Abend des 30. April ist sie mit Hexenhut, aufgemalten Spinnenweben und unter dem Namen „Walburga“ unterwegs. Der Verein stellt mit einigen „Gasthexen“ die Hexentruppe des Abends. „Wir wollen einerseits einen lustigen Abend gestalten und andererseits das Fest auf seine historische Basis zurückführen“, sagt Pursche und fügt an: „Wir sind kein Karnevalsverein.“ Das Hexenbrennen, ein anderer Name für die Walpurgisnacht, sei ein altslawisches Fest, das jedoch in der Oberlausitz verbreiteter sei, erklärt sie. Der Kern des Festes – die Vertreibung des Bösen in der Nacht zum 1. Mai – habe aber auch im Spreewald Tradition, so Pursche. Ausdruck davon seien etwa die Osterfeuer und das Zampern. Andrea Pursche ist überzeugt: „Der Glaube an das übernatürliche Böse oder auch an das Gute spielt auch heute noch für viele Menschen eine Rolle.“