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Vom heimischen Erntefeld ins Gefangenenlager

Zeitzeugenbericht. Erhart Krätzschmar erläutert an der Informationstafel auf dem Gelände des Massengräberfeldes die Geschichte des Lagers und die Entwicklung des Gedenkortes.
Zeitzeugenbericht. Erhart Krätzschmar erläutert an der Informationstafel auf dem Gelände des Massengräberfeldes die Geschichte des Lagers und die Entwicklung des Gedenkortes. FOTO: Fotos: Veit Rösler
Erhart Krätzschmar hat das sowjetische Speziallager Nr. 1 bei Mühlberg überlebt. Die Narben im Nacken des 79-Jährigen sind ihm bis heute als sichtbare Zeugnisse einer 17-monatigen Leidenszeit geblieben. Von 1945 bis 1948 sind dort mindestens 6766 Gefangene ums Leben gekommen. Die Initiativgruppe Lager Mühlberg hat die Namen der Opfer in mühevoller Arbeit zusammengetragen und wird die Erinnerungstafeln am Samstag während eines Festaktes in Anwesenheit von Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) und Bad Liebenwerdas Bürgermeister Thomas Richter (CDU) enthüllen. Von Jörg Ciszewski

Erhart Krätzschmar steht am Rande der ehemaligen Lagerstraße und blickt auf die Tafel mit der Aufschrift „Baracke Nr. 2“ . Hinter dem Schild hat sich die Natur längst ihren Raum zurückerobert, doch zwischen dem Gras und den Bäumen sind noch die Fundamente der Gefangenenunterkunft auszumachen, in der Krätzschmar einen Teil seiner Jugend verloren hat. In den mehr als 40 Holzbaracken von etwa 68 Metern Länge und zwölf Metern Breite, die entlang der Lagerstraße standen, waren jeweils bis zu 250 Menschen eingepfercht. Aus dem Fenster seiner Unterkunft habe Krätzschmar damals als 16-Jähriger oft beobachten müssen, wie Leichen auf Transportern aus dem Lager geschafft worden sind.

Bis zu 100 Tote täglich
„Gegen Ende 1946 verkleinerte die Lagerleitung die tägliche Ration auf 300 Gramm Brot und die Ruhr brach aus. Um Weihnachten wurden 80 bis 100 Leichen täglich abtransportiert. An meinem Fenster vorbei“ , erinnert sich Krätzschmar. Die Toten verscharrte man in der Nähe des mit sechsfachem Stacheldraht gesicherten Lagers.
Bereits 1939 wurde auf dem Areal vier Kilometer östlich von Mühlberg ein Kriegsgefangenen-
lager der Wehrmacht errichtet, in dem Soldaten aus halb Europa interniert waren. Die Zahl der bis 1945 verstorbenen Häftlinge wird auf 3000 geschätzt. Die Toten setzte man auf dem Soldatenfriedhof in Neuburxdorf mit militärischen Ehren bei. Nach dem Einmarsch der Roten Armee übernahmen die sowjetischen Besatzer am 23. April 1945 das Lager, das bis 1948 mehr als 21 800 Inhaftierte durchliefen. In der Regel seien das laut Informationsbroschüre der Initiativgruppe Mitläufer, Gutsbesitzer, Fabrikanten, Menschen aus dem bürgerlich-liberalen Milieu oder Jugendliche gewesen, denen vorgeworfen wurde, sich als so genannte Werwölfe an militärischen Aktionen beteiligt zu haben. Diesem Vorwurf sah sich auch Krätzschmar ausgesetzt.
Am 28. September 1945 wurde der 16-Jährige direkt vom heimischen Erntefeld in die sowjetische Kommandantur nach Wurzen verschleppt. Es folgten 14 Tage lang Verhöre. „Die Dolmetscherin sprach kaum Deutsch und ich kein Russisch. Immer wieder die Frage: Warum du schießen? Warum du Werwolf? Ich wusste nicht, was das sollte.“ Am Ende musste Krätzschmar die russischen Vernehmungsprotokolle unterschreiben und wurde ins Lager nach Mühlberg gebracht. „Ich hatte Glück, dass ich direkt in die Arbeitskolonne eingeteilt worden bin“ , sagt er heute, denn viele der anderen Häftlinge blieben sich selbst überlassen. Die Kolonne musste die großen Barackenfenster des Kriegsgefangenenlagers bis auf ein kleines Sichtfeld mit Holz vernageln. „Außerdem wurden alle Betten so gestellt, dass es keine toten Winkel mehr gab. Alles musste einsehbar sein.“
Erhart Krätzschmar steht auf der Lagerstraße und deutet auf ein freigelegtes Fundament. „Für eine Baracke gab es zwei Nachtaborte, auf 500 Häftlinge kamen drei Waschbecken“ , sagt er. Die Klos wurden regelmäßig von inhaftierten Reichsgerichtsräten aus Leipzig gesäubert. „Das war gezielte Demütigung.“ Die hygienische Situation sei katastrophal gewesen. Krätzschmar wurde krank, es bildeten sich Geschwüre an seinem Nacken. „Die wurden mir dann von einem Arzt ohne Betäubung aufgeschnitten, während ein zweiter mit voller Kraft mit den Handballen gegen meine Schläfen drückte.“ Von den Schnitten spürte er nicht viel. „Der Eiter lief mir über den Nacken und die Schultern. Den Verband musste ich regelmäßig wechseln und auswaschen.“
Krätzschmar hatte im Lager nur die eine Hose, die er während der Erntearbeit trug. Und sein Unterhemd wurde im Laufe der Zeit immer kleiner. „Wir hatten kein Toilettenpapier, also nutzte ich mein Hemd, um wenigstens ein Mindestmaß an Sauberkeit zu gewährleisten.“ Durch die häufige Wäsche lief das Hemd ein.
An dem Abzweig von der Lagerstraße, der zum neu gestalteten Kriegsgräberfeld führt, bleibt Krätzschmar stehen und deutet auf eine Inschrift, die an der Weggabelung angebracht ist. „Und von der Freiheit soll keiner sprechen, der nicht gefangen war“ , liest er vor. „Diese Worte sollten sich mal viele durch den Kopf gehen lassen, die allzu leichtfertig mit dem Begriff Freiheit umgehen.“
Krätzschmar weiß, wovon er spricht. Am 7. Februar 1947 verließ er das Lager in Mühlberg - in Richtung Sibirien. Anfang des Jahres 1947 erschien eine Ärtzekommission, und die Insassen wurden untersucht. „Rund 900 von uns wurden ausgesucht und in Quarantäne gesteckt. Dort wurden wir dann mit größeren Essensrationen aufgepäppelt und auf den Arbeitseinsatz in Sibirien vorbereitet.“ Dann wurden die Gefangenen in Wehrmachts-
uniformen gesteckt und etwa zu 40 Mann in Eisenbahnwaggons gesteckt. „Wir waren etwa 30 Tage unterwegs, als wir am Zielort ausstiegen, konnten wir uns kaum auf den Beinen halten.“ Erst 1950 kam er nach Deutschland zurück.
Schweigend geht er den schmalen, schattigen Waldweg zum Gräberfeld entlang. „Bei meinen regelmäßigen Besuchen ist es hier immer sehr still, dann gehen mir viele Dinge durch den Kopf.“ Er setzt an und bricht wieder ab. „Naja, was soll ich erzählen. Ich kenne ehemalige Insassen, die das Lager nicht mehr besuchen. Es ist für sie eine zu große Belastung geworden.“
Stimmen und Klopfgeräusche dringen durch den Wald und unterbrechen die Stille. Am Ende des Weges sind Baufahrzeuge zu erkennen. Die Mitarbeiter der Firma Jost aus Dobra sind mit der Anbringung der in Lauchhammer gegossenen Namensschilder der 6766 Toten auf den Granitplatten beschäftigt, die den Weg zum Hochkreuz säumen. „Auf diesem Gelände wurden seit 1989 von Angehörigen ungefähr 400 Kreuze und Gedenksteine unterschiedlicher Größe und Form aufgestellt“ , erzählt Angelika Stamm, die seit 2002 als Geschäftsstellenleiterin der Initiativgruppe in Mühlberg arbeitet. „Eigentlich schwebte uns von der Initiativgruppe eine etwas andere Gestaltung der Erinnerungsstätte vor. Unser Plan war, die Namens-tafeln als Karteikarten in der Mitte des Weges ungefähr auf Hüfthöhe anbringen zu lassen“ , sagt Stamm. Zu DDR-Zeiten sei das Gelände regelmäßig vom Abschnittsbevollmächtigten der Polizei kontrolliert worden. Blumensträuße, die Angehörige dort abgelegt hatten, seien wieder eingesammelt worden. Das Lager war ein Tabu. Dann seien direkt nach der Wende die ersten provisorischen Kreuze mit Namen aufgestellt worden.
Für die jetzige Gestaltungsidee zeichnet Bad Liebenwerdas Stadtentwickler Michael Bragulla verantwortlich. Das Hochkreuz sei der Mittelpunkt des Gedenkortes. „Die Anordnung der Namenstafeln beiderseits des Weges zum Kreuz ist Unterarmen nachgeahmt, deren Hände von zwei begrünten Stufenbeeten dargestellt werden, die das Hochkreuz symbolisch umfassen und schützen“ , erläutert Bragulla das Konzept. Die Gesamtplanung für das Gräberfeld habe im Jahr 2000 begonnen. „Die Kurstadt ist als Eigentümer der Fläche, die zum Bad Liebenwerdaer Ortsteil Neuburxdorf gehört, Fördermittelnehmer der 200 000 Euro. Die Summe wurde von Bund und Land für die Gestaltung bereitgestellt.“ Komplettiert werde das Ensemble mit einer Inschrift, die am Weganfang zum Hochkreuz angebracht werden soll, so Bragulla. Der Text müsse noch zwischen Innenministerium, Stadt und Initiativgruppe abgestimmt werden.

Vom Ministerium enttäuscht
Nach solchen Absprachen hat es in der Vergangenheit auf Seiten der Initiativgruppe Enttäuschungen und Verzögerungen bei der Planung gegeben. „Eigentlich war die Aufstellung der Namenstafeln bereits im vergangenen Jahr geplant. Doch die bereits zugesagte Konzeption wurde dann noch einmal vom Innenministerium verworfen“ , sagt Angelika Stamm. Nun wird Innenminister Jörg Schönbohm am kommenden Samstag während des Festaktes eine Rede halten.
Die interessiert Krätzschmar allerdings nicht so sehr. Er freut sich darauf, in diesem Rahmen alte Bekannte wiederzutreffen. Einmal im Jahr sehen sich Überlebende des Lagers, Angehörigen der Opfer und Mitgliedern der Initiativ-gruppe.

TerminTermin Mahn- und Gedenktreffen in MühlbergMahn- und Gedenktreffen in Mühlberg
Freitag, 5. September
14.30 Uhr Jahreshauptversammlung der Initiativgruppe
17 Uhr Eröffnung der Veranstaltung durch Pfarrer Taatz, Vorsitzender der Initiativgruppe Lager Mühlberg im Rathaussaal Mühlberg
19 Uhr Gemeinsames Abendessen im Rathaussaal Mühlberg
Samstag, 6. September
9 Uhr Kranzniederlegung am Denkmal für die verstorbenen Kriegsgefangenen auf dem Friedhof in Neuburxdorf
10 Uhr Gedenkveranstaltung für die Opfer des Speziallagers Nr. 1 mit Einweihung der Namensträger; ökumenischer Gottesdienst im Zelt am Massengräberfeld; Prozession zur Gedenkstätte Freitag, 5. September
14.30 Uhr Jahreshauptversammlung der Initiativgruppe
17 Uhr Eröffnung der Veranstaltung durch Pfarrer Taatz, Vorsitzender der Initiativgruppe Lager Mühlberg im Rathaussaal Mühlberg
19 Uhr Gemeinsames Abendessen im Rathaussaal Mühlberg
Samstag, 6. September
9 Uhr Kranzniederlegung am Denkmal für die verstorbenen Kriegsgefangenen auf dem Friedhof in Neuburxdorf
10 Uhr Gedenkveranstaltung für die Opfer des Speziallagers Nr. 1 mit Einweihung der Namensträger; ökumenischer Gottesdienst im Zelt am Massengräberfeld; Prozession zur Gedenkstätte