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Vom Dorfkrug, den auch Städter gern besuchen

Der Märkischheider Dorfkrug ist auf einer Postkarte von 1912 abgebildet.
Der Märkischheider Dorfkrug ist auf einer Postkarte von 1912 abgebildet. FOTO: privat
Märkischheide. Gastlichkeit wird im Spreewald großgeschrieben. Sie hat in der Lagunenlandschaft, in der Calauer Schweiz und entlang der Berste eine lange Tradition. In loser Folge stellt die RUNDSCHAU historische Gasthäuser vor. Heute: Gasthaus "Dorfkrug", Märkischheide (Stadt Vetschau). Uwe Hegewald/uhd1

Helgard Gronau kann die Einwohner des Vetschauer Ortsteiles Märkischheide beruhigen: "An dem Gerücht, dass ich den Dorfkrug schließe, ist nichts dran. Ich will nur etwas kürzertreten und lege dienstags einen zweiten Ruhetag ein", sagt sie. Sie kann sich einen Alltag ohne Wirtshaus nicht vorstellen.

1982 hatten Helgard und Peter Gronau das Gasthaus von Diedemanns gepachtet, das seinerzeit den Namen "Zur guten Quelle" trug. Obwohl sich bei dem Rentner-Ehepaar mehrere Interessenten vorstellten, bekamen Gronaus den Vorzug. "Vielleicht lag es auch daran, dass mich die Gastleute kannten. Seit 1967 hatte ich aushilfsweise bei ihnen mitgearbeitet", begründet die heutige Inhaberin.

Helgard Gronau verkörpert das Profil einer klassischen Quereinsteigerin. Als gelernte Krankenschwester zog sie der Liebe wegen nach Vetschau und heuerte dort beim VEB Waggonbau als Zerspanungsmechanikerin an. Dass es letztendlich Kartoffeln, Möhren und im Idealfall Spargel zu "zerspanen" galt, ist auf eine Anfrage des damaligen Bereichsleiters zurückzuführen. Helgard Gronau sollte vorübergehend in der Kantine aushelfen, wo aufgrund eines Krankheitsfalles Engpässe auftraten.

Aus vorübergehend wurde dauerhaft, was auch auf das Engagement der Vetschauerin zurückzuführen ist. "Ich war immer bestrebt, den Leuten etwas besonders Schmackhaftes anzubieten", erzählt sie. Für die Gestaltung eines Büfetts anlässlich einer Betriebs-Auszeichnung wäre sie von der Belegschaft beinah geadelt worden. "Die in der Waggonbau-Kantine erworbenen Erfahrungen haben mir den Start im Dorfkrug erleichtert. Als völlig unbegründet erwies sich meine Skepsis, dass ich von der Dorfbevölkerung ignoriert würde. Aus Thüringen stammend war ich schließlich für viele Mitbewohner eine Fremde", blickt Helgard Gronau auf ihre Anfangsjahre zurück.

Auf der Tangente zwischen Vetschau und dem ehemaligen Kraftwerk gelegen erwies sich das Gasthaus als Besuchermagnet - insbesondere nach der Schicht. "Ein Investor aus den alten Bundesländern witterte Anfang der 1990er-Jahre eine Goldgrube. Er kaufte Diedemanns das Gasthaus ab, stand aber wenige Jahre später vor einem Scherbenhaufen", erzählt sie. Bevor es zur Zwangsversteigerung kam, griff die Pächterin zu und wurde Chefin.

Von den Familienangehörigen gab es Zuspruch und Unterstützung. "Bei größeren Feierlichkeiten sind sie zur Stelle", so die dreifache Mutter, fünffache Großmutter und Uroma. Der familiären Hilfe im Service und in der Küche verdankt die Wahl-Vetschauerin beständigen Zuspruch. Ihre Büfetts gelten über die Grenzen von Märkischheide hinaus als legendär. Ebenso das Frikassee, das die Ex-Thüringerin zuvor nicht kannte und das nur mit Suppenhühnern vom lokalen Geflügelzüchter des Vertrauens zubereitet wird.

Was fehlt, ist Zeitungs- oder Fotomaterial aus früheren Dorfkrug-Zeiten. In Zusammenarbeit konnten die Dorfbewohner Marita Beesk und Manfred Krüger eine Postkarte vom 17. Oktober 1912 auftreiben, als Märkischheide noch Weissagk genannt wurde. Auf der Karte abgebildet sind eine Eisengießerei, die Windmühle, Spreewälderinnen vor ihren Spinnrädern und der Dorfkrug. Er trug damals den Namen Gasthaus Duschka.

Helgard Gronau ist die Chefin im Dorfkrug von Märkischheide.
Helgard Gronau ist die Chefin im Dorfkrug von Märkischheide. FOTO: Uwe Hegewald/uhd1