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| 17:25 Uhr

Kunstgespräch
Krokodile im Spreewald oder Visionen von einer Landschaft

FOTO: Kulturzentrum
Lübbenau. Künstler beschäftigen sich mit den Auswirkungen gesellschaftlicher Umbrüche. Von Ingrid Hoberg

Den „Dschungel“ Spreewald haben neun Künstler aus Berlin, Brandenburg und Sachsen in den vergangenen drei Wochen erkundet, Eindrücke gesammelt und in Kunstwerke umgesetzt, die bei einer Versteigerung am Samstagnachmittag unter den Hammer kommen oder in eine Wanderausstellung aufgenommen werden. „Ich habe Krokodile gesehen“, sagt Helge Leiberg und zeigt seine Fotos von abgedeckten Kähnen. Das Auge des Künstlers hat in den Wasserspiegelungen tatsächlich Krokodile ausgemacht, die sich gegenseitig belauern oder auf „Beute“ warten. Eigentlich arbeite er oft in Schwarz-Weiß, doch die Spreewaldtrachten hätten ihn zu farbigen Ausbrüchen angeregt, sagt er. „Hauptsache, sie sind von der Straße“ ist der Titel eines seiner Bilder. Die Besucher der Auktion dürfen sich überraschen lassen.

Mit der Versteigerung findet das dreiwöchige Landschaftssymposium, das der Chemnitzer Künstler Thomas Ranft initiiert, hat seinen Abschluss. Der Grafiker gehört zu den Gründungsmitgliedern der legendären Künstlergruppe CLARA MOSCH, die von 1977 bis 1982 im damaligen Karl-Marx-Stadt existierte. Der Name, der sich aus den Initialen der Gründungsmitglieder ergibt, war von der Galerie auf die Künstlergruppe übertragen worden. Das erklärte Maler und Grafiker Michael Morgner in einem Videointerview, das Gabriele Muschter und Uwe Warnke geführt haben. Der Autor und Verleger war am Dienstagabend im Kulturzentrum zu Gast und hatte Videos zum Projekt „Transformationsprozesse in der zeitgenössischen bildenden Kunst in Deutschland“ mitgebracht.

Von 2014 bis 2016 führten sie in zwei Staffeln mehr als 50 Videointerviews mit Künstlern, Galeristen, Kunstwissenschaftlern und anderen Akteuren. Eine dritte Staffel ist in Arbeit. Das Material werde häufig begleitend zu Ausstellungen eingesetzt, so Uwe Warnke. In der Kunsthalle Erfurt ist noch bis 30. September die Ausstellung „In einem anderen Land. Transformationsprozesse an Beispielen zeitgenössischer Fotografie in Deutschland zu sehen.

Im Atelier der Lübbenaubrücke kamen einige Teilnehmer des Symposiums auf der Leinwand zu Wort. Wie Uwe Warnke erläuterte, gab es neben den Fragen zum individuellen Schaffen und zum Lebensweg auch Standardfragen an alle Interviewten. Diese könnten bei einer späteren Auswertung des Materials zu Vergleichen herangezogen werden. Beispielsweise auf die Frage, was sie am 9. November 1989, als die Mauer fiel, machten, habe es die unterschiedlichsten Antworten gegeben – von „da war ich bei Ikea einkaufen“ bis zur erstaunten Gegenfrage, was denn an diesem Tag passiert sei. Die Filme spiegeln den Alltag wider und welche Auswirkungen gesellschaftliche Umbrüche auf das künstlerische Werk und die Biografien von Künstlern haben können.

Kurator Herbert Schirmer wies darauf hin, dass Uwe Warnke seit 1982 der Herausgeber der Zeitschrift „Entwerter/Oder“ ist – eine original-grafische Künstlerzeitschrift in kleiner Auflage. 39 Ausgaben und neun Sonderpublikationen sind bis 1990 erschienen, aktuell ist es die 100. Ausgabe im nun 34. Jahrgang.