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| 01:00 Uhr

Vetschauer Geschichte(n) Maria brutzelte in der Mitropa

Vetschau.. Als ein Riesenschnitzel noch 2,50 Mark gekostet hat, war Maria Kaun Köchin in der Mitropa-Gaststätte im Vetschauer Bahnhofsgebäude. Gern erinnert sich die heute 72-Jährige an diese Zeit, in der sie mit ihren fünf Kindern auch noch in diesem Haus gewohnt hat. Von Hannelore Kuschy

Dass das Bahnhofsgebäude in Vetschau heute leer steht, ärgert Maria Kaun sehr. Vermutlich hatte sie das Glück gehabt, zwei der schönsten Jahrzehnte dieses Backsteinbaus mitzuerleben. Von 1969 an hatte sie für die Mitropa-Gäste gekocht. Und das waren viele , erinnert sie sich.
In der kleinen Küche haben sich oft die Töpfe, Pfannen und Schüsseln getürmt. Bevor es aber ab 11 Uhr vormittags so richtig ans Kochen ging, musste ihre Kollegin Meta Worreschk im Frühdienst zum Heizen die Kohlen aus dem Keller schleppen und die Räume sauber machen.
Zu Mittag hatte es bei den beiden Frauen immer was Gutes gegeben: Schnitzel gingen jede Menge weg , sagt Maria Kaun und kann sich auch noch an den Preis von 2,50 DDR-Mark für sooo einen Kaventsmann , wie sie das Schnitzel bezeichnet, erinnern. Auf der Speisekarte haben damals auch Kohlrouladen, Gulasch mit Kartoffeln und Rotkohl - im Sommer mit Gurken oder grünem Salat - und Grützwurst mit Sauerkraut gestanden. Letzteres hätte nicht mehr als 1,50 Mark gekostet. Auch Eisbein haben wir viel verkauft, das waren vielleicht Dinger , sagt die 72-Jährige. Soljanka und Bockwurst mit Kartoffelsalat hatte es immer gegeben.
Maria Kaun weiß noch, dass Champignons zu damaligen Zeiten eine Rarität waren. Rührei mit Champignons war deshalb was Besonderes, genau wie das Butterbrot mit ungarischer Salami , erzählt die Vetschauerin. Wenn es ums Essen ging, hatte der Chef auch immer eine tolle Idee. Aus Senftenberg sind die Frauen zur Inventur immer gerne zu uns gekommen , sagt die ehemalige Köchin. Unser Chef hatte schon immer belegte Brötchen gemacht , erinnert sie sich. Hin und wieder seien die Damen dann mit einem Stück Schinken und gutem Bier wieder zurück nach Senftenberg gefahren. Auch zum Feierabend hätte sich der Chef nicht lumpen lassen. Weil wir gut gearbeitet haben, hat er uns manchmal nach Feierabend zu einem Glas Sekt eingeladen und wir haben auch gesungen - das waren schon Zeiten . . . , schwärmt Maria Kaun. Wir mussten aber auch ganz schön ran , sagt sie, denn essen kamen nicht nur die Fahrgäste, sondern vor allem jene, die ringsherum in den Betrieben gearbeitet haben. Viele Betriebsfeiern, Hochzeiten und Jugendweihen hätten ebenfalls in der Mitropa-Gaststätte stattgefunden. Für zehn Jahre Kochen in der Mitropa Vetschau war sie am 1. September 1979 mit einer Prämie von 200 Mark belohnt worden. Das Schreiben der Mitropa-Leitung dazu hat Maria Kaun aufgehoben. 1987 ist sie schließlich Aktivist der sozialistischen Arbeit geworden.
Maria Kaun aber hat nicht nur im Bahnhofsgebäude gearbeitet. Mit ihrer Familie, den fünf Kindern, hatte sie über der Mitropa gewohnt. An die Lautstärke hatten wir uns gewöhnt , sagt sie. Als sie in Cottbus gelebt hatte, sei es statt des Zugverkehrs Flugzeuglärm gewesen. Das Leben im Bahnhofshaus war beschwerlich. Eine Küche hat es nicht gegeben, die habe ich erstmal eingerichtet. Aber zum Abwaschen musste ich ins Bad gehen , erinnert sich die heutige Mutter, Oma und Uroma.
Die Kinder hatte sie früh in die Krippe, in den Kindergarten und zur Schule gebracht. Nachmittags mussten sich die Tochter und mein Großer um die Kleinen kümmern, sonst gab's keine Disko und kein Taschengeld , so Maria Kaun. Heute sind ihre Töchter und Söhne in alle Himmelsrichtungen verstreut, in Eisenach, Berlin, Kassel, Cottbus und Göritz.

Hintergrund Zur Geschichte
Als die Eisenbahnstrecke Berlin-Cottbus errichtet worden war, ist 1865 auch das Bahnhofsgebäude von Vetschau entstanden. Wichtig war damals, Fahrgäste zu befördern sowie Obst und Gemüse aus dem Spreewald zu transportieren. 1894 ist das Haus umgebaut worden, der Güterbahnhof ist neu entstanden. Bemerkenswert ist die Prägung einzelner Ziegelsteine mit dem Namen der damals ansässigen Ziegelei Weßlau. Den Namen der Ziegelei trägt noch heute eine Straße in Bahnhofsnähe. Anfang des 19. Jahr hunderts ist der Bahnhofsvorplatz gepflastert worden.