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| 11:01 Uhr

Im Tiefflug übers Gurkenfeld
Gurkenflieger-Erlebnis kommt bei Touristen gut an

 Gute Stimmung an Bord des Gurkenfliegers. Das Pflücken macht Spaß – wenn man es nicht übertreibt.
Gute Stimmung an Bord des Gurkenfliegers. Das Pflücken macht Spaß – wenn man es nicht übertreibt. FOTO: Peter Becker
Suschow. Die Göritzer Agrar GmbH bietet Kurzflüge im „Gurkenflieger“ an. RUNDSCHAU-Reporter Daniel Preikschat probierte das mal aus – und bekam eine Ahnung davon, was Saisonarbeiter leisten müssen. Von Daniel Preikschat

Da sollen wir also reinklettern. Wie ein großer Doppeldecker, der auf der Anbaufläche der Göritzer Agrar GmbH notlanden musste, sieht das seltsame Konstrukt aus. Wir krabbeln durchs Gestänge auf eine Matte, die mich an Schulsport in der Turnhalle erinnert. Oder auch wie in einem großen Zelt kann man sich fühlen, mit der Plane über den Köpfen. Auf Kopf- und Fußseite aber ist alles offen, angenehmer Durchzug.

Dann brummt der Traktor-Motor, es ruckelt, es geht los. Wir robben alle ein Stück voran, greifen mit behandschuhten Händen in die Pflanzen, die unter uns auftauchen. Trockene Blätter, die das begehrte Pflückgut abschirmen, es verbergen. Da strahlt mich meine erste Gurke an. Sie leuchtet regelrecht zwischen den Blättern hervor und lässt sich leicht abzupfen. Noch eine und noch eine, jeder Griff ein kleines Erfolgserlebnis. Die vierte jedoch ist angenagt, richtig ausgehöhlt sogar, von einer Krähe wahrscheinlich. In seinem einführenden Vortrag hat das Siegmund Peschan angesprochen. Die schlauen Tiere kommen trotz Folie ran an die Gurken, decken damit an den trockenen Tagen ihren Flüssigkeitsbedarf.

 Der Gurkenflieger schafft 80 Meter pro Stunde, ist 30 Meter breit und hat 38 Liegeplätze.
Der Gurkenflieger schafft 80 Meter pro Stunde, ist 30 Meter breit und hat 38 Liegeplätze. FOTO: LR / Daniel Preikschat

Das Gepflückte kann man mit nach Hause nehmen

Also weg mit der angefressenen Gurke, die anderen kommen aufs Fließband, das auf Halshöhe unter uns verläuft. Es steht natürlich heute hier in diesem Touristenflieger still, das Gemüse wird nicht wegtransportiert und per Elevator in den Traktorhänger hochbefördert. Wir sind ja schließlich keine Saisonarbeiter. Wir sind Urlauber, die eine beschauliche zwanzigminütige Gurkenflieger-Fahrt gebucht haben. Es soll ja Spaß manchen. Und das Gepflückte darf man nachher mitnehmen. Es schmeckt, wie sich später in der Redaktion herausstellt, so lecker wie es hübsch aussieht.

Gurken-Erntehelfer aus Ukraine und Rumänien

Siegmund Peschan, unser Einweiser und Erklärer von der Agrargenossenschaft, sagt, die meisten Saisonkräfte kommen mittlerweile aus der Ukraine und aus Rumänien. Rund 2700 dieser Pflücker sind dieser Tage in den neun Spreewälder Anbaubetrieben bei der Arbeit. Bis zu zehn Stunden am Tag, seit Mitte Juni und voraussichtlich noch bis bis Mitte September. Voraussichtlich werden dann wieder 35 000 Tonnen Gurken geerntet worden sein auf 550 Hek­tar Anbaugebiet.

Träume von Gurken nicht ausgeschlossen

Mein Nachbar auf dem Flieger möchte nicht tauschen mit einem Saisonarbeiter. „Immer nur auf Gurken gucken. Die träumen doch bestimmt nachts schon von Gurken“, sagt Andreas Geis. Von den schmerzenden Muskeln ganz zu schweigen. Mit acht weiteren Arbeitskollegen hat sich Geis heute auf den Gurkenflieger gelegt. Jedes Jahr unternehme man etwas gemeinsam an zwei, drei Tagen. Verstreut über ganz Deutschland würden sie arbeiten. Für eine Beratungsgesellschaft für betriebliches Vorsorgemanagement. An den drei Tagen sehe man sich mal wieder, tausche sich aus, habe Spaß miteinander.

„Mit Bier und Rammstein“ wäre es noch besser

Die zwanzig Minuten sind noch nicht rum. Mein dritter Nachbar von links merkt an: „Mit Bier und Rammstein-Musik könnte man das noch attraktiver gestalten.“ Thomas Karger hat sich den Gurkenflieger-Ausflug für sich und seine Kollegen einfallen lassen. Er hat das ganze Betriebsausflugsprogramm gestrickt. Gestern ging es mit dem Rad zum Bismarckturm in Burg, erzählt er. Heute stehe noch eine Kahnfahrt an. Karger kommt selbst aus der Gegend und meint: „Was macht denn den Spreewald aus? Kahn, Rad, Gurken, Bier.“

Touristen ernten Gurken schon in der vierten Saison

Thomas Goebel, Chef der Göritzer Agrargenossenschaft, setzt auf Gäste wie Karger und Geist. Und sie würden auch kommen, wie er sagt. Seit vier Jahren nun schon lasse die Genossenschaft Gurkenfelder zum Teil von Touristen abernten. Der ehemalige Gemüsebauleiter Siegmund Peschan, nunmehr im Ruhestand, mache den Job gut und gern, verdiene sich damit ein bisschen dazu. Einen weiteren Teil der Gurken biete man frisch vom Feld in Verkaufsstellen an.

Für Gurken verarbeitende Betriebe zu produzieren indes, rechne sich nicht mehr seit vor vier Jahren der Mindestlohn eingeführt wurde für die Saisonarbeiter. Goebel sieht das kritisch, so wie andere Gurkenanbauer auch. 9,20 Euro Mindeststundenlohn sind zu zahlen, plus die Arbeitgeberanteile für die Sozialabgaben, von denen die Saisonarbeiter gar nichts haben, netto komme bei ihnen nicht mehr an als früher.

Anstrengender Job auf den Gurkenflieger

Als der Gurkenflieger hält, reicht es der Besatzung dann auch. So weit habe es Spaß gemacht, sagt Andreas Geis. Viel länger dürfe es nicht dauern, dann könnte es anstrengend werden. Was er gut findet und seine Kollegen auch: Man bekomme eine Vorstellung, was täglich hart arbeitende Menschen leisten müssen. Das erde und sei eine gute Erfahrung.