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| 02:44 Uhr

Ute Arend aus Vetschau fährt für German Doctors zu Einsätzen, um Armen zu helfen

Im Slum von Cordova auf der Insel Mactan kochen Healthworker für die Armen. German Doctors unterstützt die Küche. Ute Arend aus Vetschau (2. von links) isst mit einer Familie Mittag.
Im Slum von Cordova auf der Insel Mactan kochen Healthworker für die Armen. German Doctors unterstützt die Küche. Ute Arend aus Vetschau (2. von links) isst mit einer Familie Mittag. FOTO: privat
Wenn Menschen ihr Arbeitsleben beendet haben, genießen sie den Ruhestand. Nicht so die Vetschauerin Ute Arend. Die Internistin hilft dort, wo Sozialsysteme versagen, wo ein Teil der ärmsten Menschen der Welt lebt: am Rand von Müllkippen, auf Friedhöfen oder in den Slums. Dabei hat die Ärztin viele Erfahrungen gemacht und vielen geholfen.

Frau Arend, sie waren seit 2013 zweimal auf den Philippinen. Mit welchen Eindrücken sind Sie wieder heimgekehrt?
Jeder Einsatz war anders und hatte etwas ganz Besonderes. Ich möchte ein paar Eindrücke schildern: Die Mangyans sind ein Naturvolk, das in den Bergen im Westen der philippinischen Inselkette lebt. In der Gedankenwelt dieser Menschen bestimmen Geister das Leben. Wird jemand krank, geht er zum Heiler. Aber es gibt Erkrankungen, bei denen der Heiler machtlos ist. Dort setzen wir mit der Schulmedizin an. Ganz anders war es in den Slums. Viele sehr arme Menschen wohnen auf Müllkippen. Oder auf dem Chinese-Cemetry in den Grabmalen einst reicher Chinesen. Obwohl es auf dem Friedhof das bessere Los ist. Diese Menschen haben wenigstens ein festes Dach über dem Kopf. Im Vergleich dazu gibt es in den Slums am Rande der großen Mülldeponien nur Bretterbuden, die aus dem Einfachsten zusammengezimmert sind.

Wie - auf einem Friedhof leben?
Ja. Sie müssen sich vorstellen, dass reiche Verstorbene sich im Prinzip Minitempel angelegt haben. Dort leben die Menschen, überwiegend sind es Frauen mit Kindern. Die meisten haben keinen Zugang zu einem Wasseranschluss. Strom gibt es auch nicht oder nur illegal.

Als Ärztin sind Sie dann zu den Menschen gegangen?
Wir haben beispielsweise auf dem Chinese-Cemetry in einem Mausoleum praktiziert. Die Menschen kamen zur Behandlung. Dafür brauchten die Patienten nur einen ganz kleinen Obolus bezahlen.

Unterwegs war ich auch einmal nachts im Rotlichtmilieu von Cebu-City, bei den Homeless-People, den Heimatlosen. Dabei hat mich Pater Paul begleitet. Er hat mir viel über das Leben der Menschen und das Land erzählt. Es herrsche unglaublich viel Korruption, berichtete er. Das sei ein Grund dafür, weshalb Menschen nicht in ein Krankenhaus gehen, wenn sie alt und krank sind. Sterben sie in der Klinik, komme es nicht selten vor, dass die Leiche gestohlen wird. Um den Leichnam wiederzubekommen, müssen die Angehörigen Geld bezahlen, was sie meist nicht können. Aber die Hinterbliebenen müssen ihre Vorfahren ordentlich beerdigen. Sonst kommen die bösen Geister, und die Ahnen finden keine Ruhe. Und dafür sind die Lebenden zuständig. Den Ahnen muss es gut gehen. Und genau das machen sich geldgierige Menschen zunutze.

Sie haben erzählt, dass Sie auf einer der größten Mülldeponien Menschen behandelt haben?
In Bangong Silang wohnen 100 000 Menschen auf engstem Raum. Ganz in der Nähe ist eine der größten Mülldeponien auf den Philippinen, Payates Dumpsite. Die Kippe erstreckt sich auf 13 Hektar. Im Jahr 2000 gab es dort eine große Rutschung, wobei mehr als 200 Menschen starben. Seitdem wird die Deponie in einem geringeren Winkel gebaut.

Drei Wochen haben Sie gleich in Deponie-Nähe in einer rollenden Klinik praktiziert. Wie krank waren die Patienten?
Bei den Sprechstunden war ich mit einer zweiten Ärztin dort. Die Menschen haben Krankheitsbilder entsprechend ihrer Umwelt: In den Hütten wird gekocht. Lungenkrankheiten sind die Folgen. Ich habe Lungentuberkulose diagnostiziert, auch Knochentuberkulose. An der Tagesordnung sind Infekte. Weit verbreitet ist Unterernährung, besonders bei den Kindern. Die Kindersterblichkeit ist in dem Gebiet extrem hoch, und ich habe meistens Kinder behandelt.

Anschließend waren Sie zwei Wochen auf der Nachbarinsel Mindoro. Es ist die siebtgrößte Insel der Philippinen, wo die Mangyans in den Bergen leben, erzählten Sie eingangs . . .
Dort, bei den Mangyans, war es schwierig, unsere Schulmedizin rüberzubringen. Ich brauchte sehr viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Eine Mangyan-Mutter würde niemals ein Kind mit Kraft festhalten, zum Beispiel, um ein Auge zu behandeln. Es läuft alles gewaltfrei, völlig gewaltfrei. Bei den Behandlungen brauchte ich Engelsgeduld, dann klappte das schon.

Dass die Kinder völlig gewaltfrei erzogen werden, war eine Erfahrung für mich gewesen.

Etwas ganz anderes war es, als eine Mutter mit ihrem stark unterernährten Baby in die Sprechstunde kam. Der elfmonatige Säugling hatte ganz dünne Arme und Beine. Aber ich kam nicht durch bei der Mutti. Ich erreichte sie nicht. Der Säugling hätte ins Krankenhaus gemusst. Die Neuseeländer haben auf den Philippinen eine Station aufgebaut, in der sie die unterernährten Kinder sehr liebevoll betreuen und wieder aufpäppeln. Aber die Mutter nahm ihr Kleines und ging einfach nach Hause. Auch dies musste ich lernen zu akzeptieren. Das Naturvolk hat eine andere Art und Weise, mit Leben umzugehen. Ich erinnere mich genau: In dem Moment, als die Mutti ihr Kind nahm und ging, war ich mir sicher gewesen, dass dies das Todesurteil für das Baby gewesen ist. An diesem Abend habe ich lange geweint.

In dem Gebiet, wo die Mangyans leben, ist es nicht ungefährlich. Dort sollen auch Rebellen operieren . . .
Mag sein. Als ich dort war, blieb es ruhig. Jedenfalls sind wir mit einem allradgetriebenen Auto zu einer kleinen Hütte in Richtung Landesinneres gefahren. Die Hütte war mit Schilf gedeckt, eine Plane umspannte sie. Dann hieß es warten. Warten, bis unsere Patienten kommen. Und dann kamen sie auch. Und wissen Sie, wenn sie sich mit einem Polizisten dort hinsetzen, dann kommt niemand. Die Dorfältesten entscheiden bei dem Naturvolk, ob die Dorfbewohner zur Behandlung gehen.

Das Leben bessert sich für die Mangyans. Es gibt erste Dörfer, die haben eine Schule für die Kinder, auch Stromleitungen werden gelegt.

Worauf haben Sie Ihre Patienten behandelt?
Die Krankheitsbilder waren von Tuberkulose bestimmt, auch Hautkrankheiten kamen oft vor. Mir fiel auf, dass sich in verschiedenen Dörfern bestimmte Krankheiten häufen, das könnte den Schluss zulassen, dass einiges mit der Umwelt nicht stimmt. Aber auch eine sehr hohe Kindersterblichkeit und Unterernährung wurden sichtbar.

Sie waren außerdem in Kenia in einer Armenregion, in Mathare Valley, wo gleich mehrere Ärzte praktizieren. Wird das Ihr letzter Einsatz sein?
Ich kann mir vorstellen, im nächsten Jahr wieder zu helfen. Im Übrigen möchte ich ergänzen, dass ich mir in der Vorbereitung meiner drei Einsätze ein Netzwerk in Deutschland geschaffen habe. Mit den Chefärzten Dr. Harnath und Dr. Schwertfeger vom Herzzentrum in Cottbus habe ich bei Spezialfragen engen Kontakt gehalten. Beide konnte ich über das Internet konsultieren. Die Allgemeinmedizinerin Dr. Schäfer war in Vetschau meine Ansprechpartnerin, wenn ich fachlichen Rat brauchte. Das ist schön, auf ein solches Netzwerk zurückgreifen zu können.

Ein Resümee - was nehmen Sie für sich aus den Einsätzen mit?
Ich habe gesehen, wie Menschen mit ganz wenig ganz wunderbar auskommen. Wir haben das verlernt. Und ich habe gelernt, mich zu freuen: Für ein 16-jähriges philippinisches Mädchen, dem ich helfen konnte. Sie hat eine Herz-OP gut überstanden. Ich habe ein Jahr nach ihrer Operation erfahren, dass es ihr gut geht. Was Schöneres gibt es nicht.

Mit Ute Arend

sprach Bernd Töpfer

Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Zum Thema:
German Doctors ist eine internationale Nichtregierungsorganisation, die freiwillig Arbeitseinsätze in Entwicklungsländern leistet. Deutsche Ärzte arbeiten unentgeltlich bei Projekten auf den Philippinen, in Indien, Bangladesch, Kenia und Sierra Leone. Dabei gibt es die Möglichkeit, sich in einem Kurzzeiteinsatz von sechs Wochen oder als Langzeithelfer zu engagieren. Im Internet sind German Doctors erreichbar unter: www.german.doctors.de

Zum Thema:
Ute Arend (59) ist Fachärztin für Innere Medizin. Sie hat 20 Jahre eine eigene Praxis in Vetschau geführt. Zuvor hat sie in Polikliniken und Krankenhäusern in Greifswald, Cottbus und Vetschau gearbeitet. Seit 2011 praktiziert sie nicht mehr. Ute Arend ist verheiratet. Ihre Tochter Katrin (35) lebt in Kleinmachnow.

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